Tagebuch 1917

Tagebuch 1917 – Krieg

Vom Ich zum DU

Notizen von Ferdinand Ebner
ausgewählt Herbert Limberger
Quelle: Ferdinand Ebner Tagebuch 1917 – ferdinand ebner online edition

Der 1.Weltkrieg ist im Gange. Österreich ist im Krieg.
Ferdinand Ebner ist so wie alle anderen Österreicher mit den Problemen und Einschränkungen, die ein Krieg mit sich bringt konfrontiert.
Das Tagebuch von 1917 bringt einen Einblick in die Nöte und Hürden, die ein Leben in dieser Zeit auf sich nehmen muss.


Montag 8. Jänner 1917

Der Krieg hat die Physiognomie der abendländischen Menschheit vollends zur Fratze verzerrt.
Die Armeebefehle der beiden Kaiser: der Krieg nimmt seinen Fortgang.


Mittwoch 10. Jänner 1917

Brief von Schach, von der italienischen Front


Dienstag 16. Jänner 1917

Das „Eiserne Kreuz“ des deutschen Soldaten – der eiserne Hohn auf den Geist der Lehre Jesu.


Donnerstag 18. Jänner 1917

Der Krieg geht weiter. Und jetzt kommt wohl die Zeit, von der wir einmal allen Ernstes sagen werden können: Wir haben gehungert, wir haben gefroren, wir sind im Finsteren gesessen.


Samstag 27. Jänner 1917

Gestern Neuschnee. Den ganzen Tag jämmerlich in der Schule gefroren. Nicht im Kaffeehaus – dabei aber geht mein Holzvorrat zu Ende und die Neubeschaffung ist mir ein „Problem“, …


Montag 29. Jänner 1917

Das, was von in geistloser Verkennung aller geistigen Werte die Kultur des 19. Jahrhunderts hieß und worauf man sich ja so viel zu Gute tat, worauf lief das alles hinaus?
Auf diesen Krieg, der innerhalb dreier Jahre die europäischen Völker dem biologischen Untergange weihte. Ohne den Ungeist dieser „Kultur“ wäre der Krieg gar nicht ausgebrochen, ohne den Ungeist dieser „Kultur“ hätte er nicht geführt werden können, wie er tatsächlich geführt wurde und wird – in diesem Kriege siegte der geistige Nihilismus der Wissenschaft und der Technik endgültig über die Menschheit. Das Geschwür ist aufgebrochen und zerfrisst nun den ganzen Organismus.


Donnerstag 01. Februar 1917

Der deutsche Reichskanzler hat für den 1. Februar den rücksichtslosen U-Bootskrieg angekündigt.
Was für Gräueltaten sollen sich denn auf dieser Erde noch zutragen? Und das ist dieselbe Menschheit, die seit zwei Jahrtausenden das Wort Jesu im Munde führt?


Freitag 2. Februar 1917

Der Krieg bricht mir die Zähne aus – so erleb ich im Kleinen, was sich an den Völkern Europas gegenwärtig im Großen zuträgt.
Der Russe und der Deutsche: im Schnapstrinker ist Verzweiflung, im Biertrinker Stumpfsinn, der nicht einmal die Kraft zur Verzweiflung hat.


Montag 5. Februar 1917

Amerika bricht die diplomatischen Beziehungen mit dem deutschen Reiche ab – der Untergang Europas besiegelt sich in diesem Jahre.


Sonntag 18. Februar 1917

Ich glaube mein Organismus hat den Kältestoß der letzten Wochen gar nicht gut vertragen. Alle meine Lebensfunktionen sind auf einen derart langsamen Rhythmus herabgesetzt, dass ich mich frage, ob man denn so überhaupt existieren könne


Freitag 23. Februar 1917

Heute sprach ich mit dem Vater eines meiner Schulkinder, einem Korporal des 84. Infanterie-Regiments, die jetzt wieder an die ostgalizische Front abgeht. Er behauptet, von einem deutschen Unteroffizier gehört zu haben, die Deutschen hätten für die heurige Frühjahrsoffensive Geschoße mit Blausäure bereit. Er erzählte auch, sie würden jetzt mit Dolchen für den Nahkampf ausgerüstet. So also schaut das Volk der Dichter und Denker, so die Menschheit am Anfange des 20. Jahrhunderts aus …


Dienstag 27. Februar 1917

Der Chef teilte mir mit, dass wir übermorgen eine neuerliche Kriegszulage ausbezahlt erhalten. Bei mir macht sie 408 K(ronen) im Jahr aus.


Donnerstag 1. März 1917

In was für einem Milieu durchleb ich die Zeit dieses Krieges? Aus was für einer Welt tönt mir der menschliche Widerhall der geschichtlichen Ereignisse entgegen?

Brief vom Schach. Er erfährt jetzt an der Karstfront, dass das Trommelfeuer bei Olyka, das er voriges Jahr im Sommer mitmachte, und der Rückzug nach Luck noch nicht das Schrecklichste war, was der Mensch in diesem Kriege mitmachen kann, Und er meint, man soll dabei seinen Glauben an die Menschheit nicht verlieren. Dass der Glaube an die Menschheit sich auf die Dauer nicht halten lässt, das beweist ja eben dieser Krieg. Mitten in ihm auch nur das Aufleuchten eines Funkens von Selbstbesinnung und der Glaube an die Menschheit hat aufgehört, eine Rolle im geistigen Leben des Menschen zu spielen.


Montag 5 März 1917

Landsturmmusterung. Ich habe die biologische Kraft unseres Staates unterschätzt: wieder nicht geeignet und natürlich wieder wegen meiner auf den ersten Blick schon zu konstatierenden Körperschwäche. Von 26 oder 27 Gablitzern wurden 7 „behalten“, darunter der Kollege Martius.


Dienstag 13 März 1917

Die Hungersnot ist nun nicht mehr bloß ein am Horizont unseres äußeren Lebens drohendes Gespenst.


Samstag 17 März 1917

Dass in Russland die Revolution ausgebrochen ist und der Zar abgedankt hat, davon nehm ich kaum anders als durch die dick gedruckten Überschriften in den Zeitungen Notiz.
(es kam von L. ) ein ganzes Paket: mit den Schriften Eckharts – einer „Bohnentorte“ – einem Päckchen guter Zigaretten – und einer lieben Karte.


Samstag 24 März 1917

Von den Ereignissen draußen in der Welt hat in den letzten Tagen, weit mehr als das Nachrichtenchaos über die Revolution in Russland, eines auf mich einen starken Eindruck gemacht: der Bericht über den Rückzug der Deutschen in Frankreich und dem von ihnen dabei in Szene gesetzten Zerstörungswerk. Ja wie lange soll’s denn noch dauern, und was muss denn nicht alles noch geschehen, dass der Menschheit dieser Zeit endlich einmal gründlich vor sich selber graust?


Sonntag 25 März 1917

Solange die europäischen Völker im gegenwärtigen Kriege nichts anderes zu sehen vermögen als ein politisches und wirtschaftliches Problem, solange auch werden sie ihn weiterführen bis zum unaufhaltsamen Untergange Europas. Aber so weit sind wir vielleicht jetzt schon. Vielleicht brächte uns einzig die allgemeine Einsicht in die tieferen Ursachen des Krieges – alles Politische und Wirtschaftliche liegt an der Oberfläche des Geschehens – dem Frieden näher.


Freitag 30 März 1917

Die Versorgung des Hinterlandes von der Front aus: vom Schwager in Flandern erhielt ich heute zwei Schachteln Zigaretten.


Samstag 7. April 1917

Was sich jetzt in der Welt zuträgt, offenbart die eiserne Konsequenz des Niederganges, des Zugs zum Abgrund, des Willens zum Chaos, der gar kein Wille mehr ist, weil er wie die Schwerkraft wirkt. Daß Amerika Deutschland den Krieg erklärt, gehört mit hinein in dieses „System“ des Niederganges und der Vernichtung.


Sonntag 8. April 1917

Die heurigen Ostern haben uns also gebracht, was sich im vorigen Jahr schon um dieselbe Zeit angekündigt hatte: den Krieg mit Amerika.
Wanken die Throne? Was sollte denn auch feststehen im offenkundig gewordenen Chaos der abendländischen Welt? Ostersonntag


Donnerstag 10. Mai 1917

Zum Abendessen kam der Pfarrer – in bester Laune: auch ein Kriegsgewinner, dem nichts dran läge, wenn der Krieg noch 10 Jahre weiterginge (in Offiziersmessen scheint man nichts von der Lebensmittelnot zu spüren) – und wir saßen bis 10h beisammen.


Freitag 11. Mai 1917

Der Deutsche von heute braucht andere geistige Waffen, um mit seinem „Problem“ fertig zu werden. Auf den Schlachtfeldern kämpft er mit Gasbomben und Flammenwerfern (sie sollen ja seine Erfindung sein – und mit Blausäure-geschoßen??) im Reich des Geistes möchte er noch immer als schlichter thumber Rittersmann dahinschreiten …


Sonntag 20. Mai 1917

Diese Möglichkeit des Ausruhens in der Natur und ihrer Schönheit, eines tief in mich hineingehenden geistigen Ausruhens, sie erleb ich in diesen schönen Tagen, in dieser Fülle von schönen Tagen eines bisher noch nicht getrübten Maimonats, immer wieder aufs Neue. Die Welt da draußen wird darüber buchstäblich vergessen. Und laut genug ginge es ja zu in ihr, im Süden und im Westen.


Freitag 25. Mai 1917

Streik der Munitionsarbeiter, vom Arsenal in Wien ausgehend und immer weiter sich ausbreitend, Wöllersdorf, Blumau etc. Man spricht auch davon, dass sich die Südbahn- und Westbahnarbeiter anschließen wollen. Das könnte am Ende einen bösen Strich durch meine Absicht, morgen abends in Neustadt bei Luise zu sein, machen. Das Gerücht, der deutsche Kaiser wolle zugunsten seines Sohnes abdanken.


Montag 28. Mai 1917

Zwei Karten vom Schach, auf die ich in den letzten Tagen schon recht gewartet habe. Bis zum 23. war er noch, von unbedeutenden Gesichtsverletzungen abgesehen, gesund und unversehrt. Hoffentlich ist er’s bis zum heutigen Tage und weiter.


Sonntag 3. Juni 1917

Gestern nachmittags Besprechung der Brotkommission mit dem Ernährungsinspektor oder was er ist. Die Nahrungsfrage wird immer ernster. Dieser Inspektor – übrigens ein Mensch, der mir einiges Interesse ab rang – erklärte rundweg, im Juli würden wir überhaupt kein Brot haben.


Donnerstag 7. Juni 1917

Die Misslichkeit meiner Existenz habe ich bisher vielleicht nur zu ertragen vermocht, weil ich stets in der Hoffnung lebte, es müsse doch unbedingt einmal anders kommen, es müsse eine Wendung eintreten, die mich aus dieser fürchterlichen Erstickungsatmosphäre herausrisse.

Geistig zugrunde gehen am Ekel über den Menschen, am Bewusstsein der Unmöglichkeit, im Menschen das Du seines Ichs zu finden – – und darüber an sich selbst, an seinem Leben, an seinem Ich als Wertinstanz verzweifeln-…
Aber läuft nicht auch die Menschheit immer wieder in eine Sackgasse hinein? (Wir erleben es in den drei Jahren dieses Krieges). Und wo ist für sie der Ausweg? Nicht doch wieder im Leben des einzelnen Menschen? Denn wird nicht die Menschheit im einzelnen Menschen erlöst? Ich als einer Wertinstanz verzweifeln


Sonntag 17. Juni 1917

Heute nachts, große, sehr große Explosion auf dem Steinfeld. Die Flammensäulen sollen sogar von hier aus gesehen worden sein. Bis jetzt nichts als sehr unbestimmte Gerüchte.

Am Donnerstag hatte ich mir aus Wien auch einen Nietzsche-band – Wille zur Macht – mitgenommen, in dem ich jetzt ebenfalls lese, mit mehr Interesse, als ich sonst für Nietzsche übrig habe. Manches Erstaunliche: wie oft er ganz und gar recht hat – und dann aber auch, wie in ihm, der doch ohne Zweifel die bedeutendste Potenz im geistigen Leben der Deutschen vor dem Kriege war, so wenig Vorahnung für das, was sich gegenwärtig in Europa zuträgt, zu finden ist. Ganz anders als bei Tolstoi oder gar Dostojewsky.


Donnerstag 21. Juni 1917

Seit zwei Monaten nicht ein einziges mal eine ausgiebige Befeuchtung des Bodens. Alles staubtrocken, die Blätter verdorren auf den Bäumen, das Gras auf den Wiesen. Und das Getreide? Das wird eine schöne Missernte geben.
Vom Schach kamen vier Karten auf einmal, während eines Bahntransportes irgendwo nach Ungarn hinein geschrieben. Der Hölle der Isonzofront ist er also glücklich entronnen.


Montag 16. Juli 1917

Hier in Neustadt – die Not dieser Zeit fühlbarer als sonst wo? 16.7.
Dem Abendessen durfte man es natürlich wieder nicht anmerken, dass Krieg ist.


Donnerstag 19. Juli 1917

Am Westbahnhof beängstigendes Gedränge. Im Waggon keifende Weiber – das gehört mit zur charakteristischen Physiognomie unsrer Zeit. Brief vom Schach – der kommt wirklich zu jeder neuen feindlichen Offensive gerade recht.


Freitag 27. Juli 1917

Schach schrieb einen Brief aus dem Schützengraben an der rumänischen Front. Ziemlich desperat. Kein Wunder – kommt er doch da vielleicht gerade zu einer dritten feindlichen Offensive recht. Und wen macht die Fortdauer des Krieges nicht desperat?
Nachmittags gestattete ich mir eine kostspielige Jause – Sardinen und Äpfel (Äpfel, um Brot zu ersparen).


Montag 30. Juli 1917

Durch sein Verhältnis zu Jesus springt der Mensch aus dem Traum vom Geiste heraus (es wäre denn, was ja faktisch geschehen ist, dass er Jesus selbst und sein Leben in jenen Traum hineinzöge, mythologisierte und damit in mythologische Fernen rückte) …


Mittwoch 1. August 1917

Es gibt einen Egoismus, der darin seinen Ausdruck findet, dass ein Mensch alles haben, alles für sich haben will. Das versteht man sofort als Egoismus.
Es gibt aber auch einen Egoismus, der nichts haben will. Und ein in diesem Sinne egoistischer Mensch ist schon schwerer in seinem Egoismus zu durchschauen. Aber man achte nur auf eines. Ein solcher Mensch vermag sich nicht mit dem guten Gewissen der Liebe beschenken zu lassen. Er hat immer ein schlechtes Gewissen, wenn er beschenkt wird, wenn er Opfer und Hingebung erfährt…. Darum nun, im schlechten Gewissen der fehlenden Liebe, wehrt sich ein solcher Mensch gegen Geschenke, darum „will er nichts für sich haben“.


Sonntag 5. August 1917

Die gestrige Brotkartenausgabe von 4 bis 8h abends.


Mittwoch 8. August 1917

Nach der Jause über den Reinberg zum Märzenkeller – die Idylle eines Familienspazierganges. Die Traun – wie fließendes grünes Glas. Von der Höhe schöner Ausblick auf sie hinunter und die Auen an ihren Ufern. In jenem Märzenkeller zweite Jause bei Apfelwein und Holländerkäse. In Ober Österreich bekommt man tatsächlich noch genug zu essen.


Samstag 18. August 1917

Zum Nordbahnhof, großes Gedränge, eine Karte erhielt ich überhaupt nur, indem mich der Schach bei der Militärkasse für seinen Bruder ausgab. Das Marchfeld im Nachmittagslicht langweilig. Angern – Mannersdorf. Vor dem Abendessen noch Spaziergang auf den „Kellerberg“. Eine ganze Kellerstadt. Wie es in einem richtigen Weinkeller aussieht, sah ich zum ersten mal. Zweite Jause: Wein, und was für einer, und Butterbrot. Die Gegend beherrschend die Rochuskapelle, ein gar nicht übler barocker Rundbau aus dem 17. Jahrhundert. Die Ebene im Abendlichte gar schön. Gegen 11h erst ins Bett gekommen.


Sonntag 19. August 1917

In der Zeitung die Friedensnote des Papstes, auf die ich, ich weiß eigentlich nicht recht warum, viele Hoffnung setze.
Selbstverständlich spricht man über Krieg und Politik. Nach der Jause abermals „Kellerpartie“. Bald war eine Gesellschaft von Leuten beisammen, die alle miteinander augenscheinlich nicht viel von der Not des Krieges spüren. Wiener Bäckermeister, die den großen Herrn spielen und auf die Jagd gehen – ein reicher Hotelier, der mir absolut mit seinen Zigarren aufwarten musste – der war einem noch am sympathischesten, nicht wegen der Zigarren.
Der Ausblick auf die Kleinen Karpaten hinüber und die Auen an der March in Ungarn.


Samstag 25. August 1917

Aus einem Feuilleton des Kriegsberichterstatters der Zeit: – – „Ein Herr mit Bügelfalten an der Sommerhose geht zum Antiquar, verlangt Nr. 311 des eben erschienenen Katalogs Historia Tamerlani – – Wir sind in Triest während der 11. Isonzoschlacht.
dann wieder: „In Triest durchblättert ein vergeistigter Herr mit Bügelfalten an der Sommerhose in bibliophiler Zärtlichkeit die pergamentgebundene Historia Tamerlani“ – –
– Ein vergeistigter Herr mit Bügelfalten an der Sommerhose – da ist eine italienische Fliegerbombe nicht dorthin gefallen, wohin sie hätte fallen sollen


Dienstag 4. September 1917

In diesen Tagen lass ich mir’s gut gehen und lebe wie ein Fürst. D.h. ich kaufe mir viel Obst, zu viel für meine Verhältnisse bei den gegenwärtigen Preisen, und esse es mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit.


Freitag 7 September 1917

… letzten Landsturmmusterung: von 12 Gablitzer Burschen waren 11 wegen Körperschwäche und Unterernährung ungeeignet (von 12 an demselben Tage gemusterten Weidlingauern wurden 10 für geeignet befunden). Sollte die Bezirkshauptmannschaft nicht endlich auf unsere so außerordentlich ungünstigen Ernährungsverhältnisse aufmerksam geworden sein?


Dienstag 11. September 1917

Dieser Krieg ist das Reifwerden der abendländischen Geschichte, das Reifwerden aller sie tragenden und bewegenden, auf dem Wege aber, den sie einschlug, unlösbaren Probleme. Diesen Weg aber schlug sie schon mit dem Zusammenbruch des römischen Weltreichs ein. Diese ganze abendländische Geschichte krankt geistig an einer Lüge, an der Lüge einer sich christlich nennenden Kultur.
Und noch einmal – o, dass Europa dies einsähe: was sich eine christliche Kultur nannte und nennt, war und ist eine Lüge.
Die Zerstörung der Kathedralen von Reims und Saint Quentin ist nicht ein Ausfluß kriegerischer Barbarei, sondern vielleicht nur der Ausdruck der Selbstvernichtung einer Kultur, die eine Lüge war.


Mittwoch 12. September 1917

Eine der Lehren dieses Krieges: der in der ganzen Menschheitsgeschichte so beispiellose wissenschaftliche, technische und industrielle Fortschritt, diese Eroberung der Erde und der Natur durch den Menschen, bedeutete keineswegs das Aufriegeln neuer Lebensmöglichkeiten und Lebensperspektiven, sondern einen Niedergang. Es wird uns fühlbar, wie sehr unser ganzes Leben von der Kohle abhängig geworden ist. Es ist erdgebundener denn je …


Donnerstag 1. November 1917

Die „Hölle“ existiert wohl noch gar nicht. Aber vielleicht entwickelt sich die Welt dazu.


Freitag 2. November 1917

Wenn die europäische Menschheit nach diesem Kriege wirklich keine anderen Probleme zu lösen haben wird als die politischen und wirtschaftlichen, die sie in diesen Krieg hineintrieben, die dieser Krieg aber augenscheinlich selber nicht zur Lösung zu bringen vermag, hat sie dann noch eine Zukunft? Die hätte sie ja doch nur in einer Erneuerung ihres Geisteslebens. In welcher Idee aber sollte die erfolgen?


Montag 5. November 1917

Die Mitgliedsbeiträge für das Rote Kreuz abgeliefert.


Freitag 9. November 1917

Die geistige Aufgabe Europas nach diesem Kriege: die Revision des Kulturbegriffs. An die Stelle der bisherigen Versuche einer „Kulturphilosophie“, seit Herder etwa, muss eine entschlossene Kulturkritik treten. Zu einer Kritik der Kultur gehört wirklich Mut und Entschlossenheit. Die Menschheit wird sich diese Kritik anfangs wohl nicht recht gefallen lassen wollen. Sie wird sich auf die Verteidigung ihrer „heiligsten Güter“ verlegen.


Donnerstag 15. November 1917

Auf den Gedanken komme ich immer wieder zurück, dass im Mysterium des Wortes das Geheimnis des geistigen Lebens des Menschen liege. Wohnt nicht dem Worte an und für sich, eben seinem Ursprung im Geiste nach, die Kraft inne, den Menschen von den geistigen Gebrechen seines Lebens zu heilen? Das Wort bannt die Macht des Bösen. Das Wort erlöst den Menschen. Es befreit ihn aus seiner geistigen Gefangenschaft, die ihn zum Tod des Geistes verurteilt. Es zersprengt den Kerker des Ichs und durchbricht die chinesische Mauer, hinter der sich das Ich, vor dem Du sich abschließend – aber sich selbst zum Verderben – zu bergen sucht.


Freitag 30. November 1917

Geistigkeit ist Suchen des Lebenswertes – in der Fragwürdigkeit des Existierens. Und Geistigkeit ist auch Finden des Lebenswertes – in der inneren Überwindung der Existenzproblematizität. Worin einer den Wert seines Lebens findet, den Sinn seines Existierens gerettet sieht, das entscheidet über ihn.


Samstag 1. Dezember 1917

Geistig zerbricht ein Mensch daran, daß sich das Ich in ihm seinem Du nicht aufzuschließen vermag.


Sonntag 2. Dezember 1917

Hat der Deutsche noch eine geistige Weltmission? Er hätte sie, wenn er imstande wäre, sich zum Träger der geistigen Selbstbesinnung des europäischen Menschen zu machen.
Vielleicht liegt die geistige Zukunft Europas doch im russischen Volke. Und es macht gegenwärtig die freilich furchtbare Erprobung seiner Geistigkeit im Leiden durch. Dieses Volk hat einen zu ungeheuren Lebensreichtum, als dass es nicht auch die Krankheit seiner Revolution überstände.


Donnerstag 13. Dezember 1917

Einem Menschen, dessen Ich aus seiner Vereinsamung herauszutreten vermag und seinem Du sich aufschließt, einem solchen Menschen kann auch der Sinn des Lebens nicht mehr fraglich sein.


Fußnote:
Die Schreibweise wurde soweit als möglich der heutigen angeglichen.
In der „ferdinand ebner online edition“ finden Sie die Schreibweise von Ferdinand Ebner.