Wochenschau

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zum 90ten Todestag und zum 140 ten Geburtstag

Le rebelle – Ferdinand Ebner

Mein erstes Buch…


 

Das erste fertige Exemplar der Fragmente ist bereits in meinen Händen … Das Buch nimmt sich in seinem Umschlag gut aus, sehr gut sogar.
So jubelte Ferdinand Ebner am 9. und 25.September 1921 in Briefen an Luise Karpischek.
Möge das Jahr 1921 …ein schönes und erfreuliches sein wünscht Ebner am 6.1.1921 Ludwig Ficker und ist neugierig auf den Druckkostenvoranschlag und fragt, berichtet und ermahnt:
3.2.1921 - Wie viele Korrekturbögen werde ich zu lesen haben? Die üblichen drei?
20.3. - Wie steht es mit dem Druck der Fragmente?
17.4. - Die eingetroffenen Korrekturbögen habe ich sofort erledigt.
17.4. - Ja nicht das Motto zu vergessen.
Dass ich sogar nicht unbedeutende Texteinschaltungen machte…..“ich will“….“ich will nicht“…und auf einmal denke ich dieses (Letztere) als „ Je ne veux pas“ … jenes Gedicht von Baudelaire…es heißt: Le rebelle schreibt Ebner am 10. Juni 1921 an Luise Karpischek.

Unsere Frage:
War Ebner ein Rebell?
Ein guter Engel oder
ein ange furieux? (ein wildgewordener Engel)

Die kommenden Wochen können es zeigen!
Nächste Woche ist der Todestag Dantes. Zwischen Dante und Ebner gibt es überraschend viele Parallelen.
Also, bleiben sie dran! - Herbert Limberger

 

Quelle: Ebner, Schriften III, Verlag Kösel Bilder: Umschlag des 1921 erschienen Buches.

 

Aus Ebners Bibliothek: Eigenhändiger Umschlagentwurf, der in der Druckversion nicht wiedergegeben wurde.

Dante + Ravenna


Die Nacht vom 13. auf 14.September 1321 beendet die zweite Hälfte seines Erdenlebens.

Ich stand in unsres Erdenlebens Mitte
verirrt in einem dunklen Wald allein;
kein rechter Weg mehr bot sich meinem Schritte.
(Anfangsterzine der Göttlichen Komödie)

Von Dante red ich…

Vom Himmel kam er, sterblich das Gericht
Der Hölle sah er und den Läuterungsbau
Und kehrte lebend dann zu Gottes Schau,
von allen uns zu bringen wahres Licht.
(Michelangelo)

Ebner Tagebuch 1918 - Begonnen in Dantes Göttlicher Komödie – Ostergeschenk von Luise – zu lesen. Karfreitag, 29. März 18, in Neustadt.
Dantes „Reise“ ins Jenseits beginnt auch an einem Karfreitag.
Tagebuch 1918, gleicher Tag - 11h abends - den ganzen Tag mit mancherlei Gedanken beschäftigt, daß ich nicht dazukam, im Dante weiterzulesen.
5.April 1918 - Nach der Jause nach Purkersdorf, unterwegs im Dante lesend.
Tagebuch 21.August 1918 - Ich habe mir für die paar Tage hier in Wels den Dante mitgenommen und mir dabei vorgestellt, ich würde jeden Morgen und jeden Nachmittag ein paar Gesänge lesen und so weiter kommen um ein gutes Stück. Aber hier mag ich erst recht nicht lesen.
1922, Brief an Luise, Kö III, Oktober - ...Es scheint, dass jetzt ein Buch bei mir zu Ehren kommt, das Du mir vor mehr als 4 Jahren geschenkt hast- der Dante.
Vielleicht macht mir die göttliche Komödie, die mir bislang unzugänglich war, der Hilty zugänglich.

Dante - Ebner

Geboren jeweils 2. Jahrhunderthälfte 1265,1882
Erreichtes Alter 56, 49
Verbannung: 19, 19 Jahre
Bei Dante gab es wenigstens einen Prozess (der heuer neu inszeniert worden ist).
Ebner hatte nur den „Marschbefehl“ von Waldegg nach Gablitz; er erfuhr nie, ob es nicht doch eine Strafversetzung war.
In der Verbannung schreiben sie ihre Hauptwerke, sie beginnen im Alter zwischen 35 – 40,
beide kritisierten Repräsentanten der Kirche, Politik der Kirchenvertreter ist beiden ein Ärgernis,
Sprache und Wort :
Dante schreibt nicht mehr im gängigen Latein, er schreibt in Italienisch, in der Mutter-Sprache. Ebner reduziert die Sprache auf das Wort, nicht auf Wörter komme es an, sondern auf : das Wort.
Dantes Hauptwerk ist in der Ich-Form verfasst, Ebner schreibt über das eigentliche Ich , und meint: die Sache ist ganz einfach: dessen(seine) Existenz liegt nicht in der Bezogenheit auf sich selbst, sondern in seinem Verhältnis zum Du.( 1.Fragment)


Aus diesem Denken urteilt Ebner:
Tagebuch 3.April 1918 - Die Göttliche Komödie ist gewiß nicht nur ein religiöses, sondern auch ein dichterisches Missverständnis.
Ebner schwimmt nicht in der damaligen Dante-Hype, er hat seinen Standpunkt. Ein Rebell?
Aber, haben nicht beide Werke das gleiche Thema?
Die Wochen 38, 39 und 40 sind ein virtuelles 5. Philosophisches Atelier zu Baudelaire, Dante, Ebner. Bleiben Sie dran!

Post-Scriptum:
Dante als der „Denker“ von Auguste Rodin thront über dem Höllentor. Kräftig, muskulös, voll von Spannung.
Nach Rodin war es der „Poet“. Wegen der Ähnlichkeit mit Michelangelos „Il Pensieroso“ hat sich die Bezeichnung Denker durchgesetzt.
Übrigens: Rodin schuf diese Plastik um das Geburtsjahr Ebners, 1880-1882.
Tagebuch 16.8.1917 Wr. Neustadt - Nach der Jause in den Rodinbüchern herumgeblättert.
Tagebuch 10.8.1920 - Frage Ebners:
Will mich denn Gott als Denker?
Wie will der Mensch den Mißbrauch des Denkens, in welchem er zum Denker wurde, abschaffen, wenn er sich niemals diese Frage stellt?

Quellen:
Tagebuch 1918 und Fragmente: Ferdinand ebner online edition
Tagebuch 1918-1923 ( bis jetzt nur auszugsweise veröffentlicht) Text bereits übertragen, für die Veröffentlichung fehlt das nötige Geld.
Gedicht des Michelangelo: Rowohlt, Dante dargestellt von Kurt Leonhard
Erste Terzine: Übersetzung Hans Werner Sokop (hat in Gablitz aus seiner Dante- Übersetzung gelesen)

Abbildungen/Fotos © Dr. Herbert Limberger
Ravenna
Denker & Bedenker - Ebners Grabstein in Gablitz

Ebner - Baudelaire - Dante


Ebner näher kennenlernen mit Jubilaren, das ist der Leitgedanke des Philosophischen Ateliers.
Aus dem Atelier meldet sich Ilse Pauls:
Sehr geehrte Ferdinand Ebner Interessierte!
Es tut mir sehr leid, dass dieses Jahr wieder kein Philosophisches Atelier in unserem Haus stattfinden kann.
Es waren immer sehr schöne Gespräche und Begegnungen.
Ich darf ein passendes, von mir gemaltes Bild, beisteuern.

Ilse Pauls

2021 feiern wir Dantes 700ten Todestag und Baudelaires 200ten Geburtstag.
Baudelaire begleitet Ebner das ganze Leben. Dante kommt erst zu Ostern 1918 in sein Leben und es ist keine Liebe auf den ersten Blick.
Blumen, i fiori, les fleurs sind das gemeinsame Thema, geografisch Gablitz, Florenz und Paris, dem Entsprechen die Wochen 38,39 und 40. In der Woche 41 ist Ebners 90ster Todestag das Thema.
Hahnenfuß und Löwenzahn haben es Ebner in Gablitz angetan. Aber vorerst kommen wir von Dantes dunklem Wald zu Ebner:
Riesenhafte Stämme von einer Höhe, wie ich sie bis jetzt noch nicht gesehen habe, schöne grüne Rasenflächen darunter, helles Licht zwischen den Baumstämmen im Vordergrund, dunkle Schatten im Hintergrund, ohne das Düstere und Unheimliche der Fichtenwälder.
Merkwürdig, ich, der ich von mir glaube, an der Welt überhaupt nicht mehr anders interessiert zu sein als an einem ethischen Probleme, entdecke noch einmal in mir die Möglichkeit eines intimen Liebesverhältnisses zur Natur.

Brief Kö III, 68 an L.K.

Florenz und die Lilie, die mit Dante ins Paradies wandert: Rose, Blumenwiese. Lilien als des rechten Weges Warten (Paradiso XXIII). Insgeheim macht Dante so seine Geburtsstadt, die Stadt der Blumen mit dem Dom Sta. Maria dei Fiori (auch wenn dieser erst nach Dante erbaut worden ist) zur Paradies-Landschaft.

 

Und Baudelaire?
Er gibt den Blumen seiner Stadt eine andere Bedeutung, Fleurs du Mal, Blumen des Bösen.
Für viele eine Weiterführung von Dantes Inferno.
Gedicht in Prosa als Kontrapunkt zu Ebner:
Wie die sich neigenden Herbsttage ergreifend sind! ...
Natur, du Zauberin ohne Erbarmen, immer siegreiche Gegnerin, lass ab von mir! ...

Die Suche nach Schönheit ist ein Zweikampf, bei dem der Künstler aus Bangigkeit schreit, bevor er noch besiegt wird!

(Baudelaire, Das Bekenntnis des Künstlers, Projekt Gutenberg)

.

Oder sollten wir doch auf einer der vielen Brücken von Paris an Ebner denken:
Die Brücke von der Icheinsamkeit des einen zu jener des anderen Bewusstseins:

Das Wort.
O wie schrecklich ist das.
Wortloswerden einer menschlichen Existenz – der ‘innere’ Tod. Tb Juli 1922

Hab ich der Worte wahren Grund verstanden? ...
Ich heiße Beatrice. (Inferno, II)

Für diese Woche wird das 5. Philosophische Atelier geschlossen.
Nächste Woche wird fortgesetzt mit:
Die ‘Icheinsamkeit’ wahrnehmen: sie als Übel und als das Übel fühlen. Ebner Tb 3.7.22 Paris und Wege im Purgatorium. Bleiben sie dran!

gemaltes Bild © Ilse Pauls | Fotos © Dr. Herbert Limberger | nicht vollständig angeführte Quellen:  wie bisher

Paris - Purgatorium


Das Morgenrot in grün und rosigem Gewande
Kam fröstelnd langsam her am Seine-Strande;
Das finstere Paris brach seines Schlummers Bann
Und griff zum Handwerkszeug ein greiser Arbeitsmann.

Baudelaire: Blumen des Bösen

Paris von La Defense aus gesehen

Die Icheinsamkeit des Arbeiters?

Ein einsamer Student 1928:
Ist es philosophisch, eine Freundschaft wertvoller zu betrachten als eine These?
Tagebucheintragung von Manuel Mounier, der 1950 zum großen Ebner-Fest eingeladen war.
Wenn Sie Mouniers Frage mit nein beantworten, sind Sie mitten in Ebners Traum vom Geist?
Dann können Sie die Rue Dante und den Quai St. Bernard und alle Straßen von Paris ablaufen auf der Suche nach dem Du.
Vielleicht gibt es überraschende Begegnungen:

Paris, Champs Elysees

Die Strasse heult ... da schreitet .... ein schlankes Weib ... Blick, drin Himmel fahl und starr,
... aus deinem Blick strömt Kraft und Leben nieder.
Ob ich dich erst dort drüben wiederschau?
Baudelaire: Blumen des Bösen, Ein Vorübergehender
Du wirst dich verirren
Im eignen Wahn, sodass die wahrnehmbaren
Objekte schwinden. Such dich zu entwirren!

Sagt Beatrice im 1.Gesang des Paradiso - nicht zu Baudelaire zu Dante.

 

Sagte sie es auch für Ebner 1922?

Das Leben ist voller Verwirrungen und Verwirrungsmöglichkeiten. Gar erst meines.
... Und merkwürdig:
nichts ist gefährlicher als der Versuch, Entwirrung in diese Verwirrungen menschlich gegebener Situationen hineinzubringen.
Er könnte nur zu einem guten Ende führen,
wenn alle Teile das gleiche Bedürfnis nach Entwirrung, das gleiche Interesse an ihr hätten.

Ebner Tb 22.9.1922

Der Weg zum wahren Du im anderen Menschen führt durch die Einsamkeit.
Aber es ist die Schuld des Menschen, dass er diesen Weg gehen muss.

Ebner, Tb 8.1.1917

 

Bei Dante:

Der Weg in den Höllentrichter, auf den Läuterungsberg und in das stärkste Licht.
In Paris: Paris est le paradis des femmes, le purgatoire des hommes (Paris ist das Paradies der Frauen,
das Fegefeuer der Männer); ein altes Sprichwort.
Bei Baudelaire: Die große Anerkennung blieb aus, die Akademie nahm ihn nicht auf, das Pflaster war nach der Verurteilung zu heiß, er floh nach Brüssel (1864) und kehrte als Pflegefall (1866) über Namur nach Paris zurück, wo ihn seine Mutter noch ein Jahr pflegte.
1856, just ein Jahr vor der Veröffentlichung der Fleurs du Mal, wurden in Paris die „Helferinnen der Seelen im Fegefeuer“ gegründet, Helferinnen, um Menschen am Rand und in Krisen zu begleiten (auch in Wien und Salzburg).
Gut 700 Jahre früher wurde der Begriff „Fegefeuer“ geläufig. Bernhard, der im 31.Gesang des Paradiso Dante führt, predigte, dass es außer der Hölle noch eine Welt der Sühne gäbe für Seelen, die der Reinigung bedürfen. In dieser Zeit entstand auch ein Tractatus, in dem ein Ritter die Herausforderungen des Purgatoriums bestand, 10 Prüfungen. Gedichtet von einem Zisterziensermönch. (bei Dante sind es 7 Stufen:
Hochmut als Lastenträger, Neid als Bettler, Zorn, Trägheit, Geiz, Gier als Abgemagerte, Wollust als Gang durch das Feuer).
Dieser Tractatus wurde von der ersten „Dichterin Frankreichs“, Marie de France, ins Altfranzösische übertragen. Abschriften werden in der frz. Nationalbibliothek aufbewahrt.

Zu Dantes „Licht“

Sind nicht alle wirklichen Gedanken eines Menschen Reflexe seiner Existenz?
Der Reflex eines ‘Lichtes’ in seiner Existenz?
Ganz ‘lichtlos’ ist ja kein menschliches Leben.

Ebner, Tb 27.6.1922

Ilse Pauls: Fegefeuer

Zu den Helfer*innen:
Ferdinand Ebner hat immer wieder Ausschau nach Menschen gehalten, die ihn verstünden. Niemand. Niemand.
Das kann die Hölle sein, egal, ob sie sich in Saxen oder Gablitz ereignet. Bleiben Sie dran!
Dazu nächste Woche.

gemaltes Bild © Ilse Pauls
Fotos © Dr. Herbert Limberger
nicht vollständig angeführte Quellen: wie bisher

Gablitz
Hölle, Himmel, Fegefeuer


Von Hölle liest man auf der Website der Gemeinde nur, dass Nagelmüller Karolina in der „Hölle“ aufgetreten sei.
Mit dem Walzer „Mephistos Höllenrufe“ von Johann Strauß wurde die „Hölle“ 1906 eröffnet.
1910 erhielt die Hölle Konkurrenz durch den „Himmel“, kurzzeitig. Seit 2010 ist die „Hölle“ wieder aktiv – als Kabarett. Und Frau Nagelmüller pendelte schon damals zwischen Gablitz Hauptstraße 34 und dem Souterrain des Theaters an der Wien.

Und Ebner, der zuletzt in Hauptstr.29 lebte, also ein Nachbar, pendelte ohne Ortsveränderung an einem Tag zwischen Himmel, Fegefeuer und Blicken in die Hölle.

16.1.1923 Aus der Nähe des Paradieses wieder zurück ins Purgatorium.

 

Jänner 1917

Es kam mir gestern tatsächlich ganz außergewöhnlich seltsam und merkwürdig vor, daß ich nun da mit jener Dame, an die ich damals im Sommer des vorigen Jahres im Eisenbahnwagen im Stillen ein „Gedicht in Prosa“ gerichtet hatte (Baudelaire!)
... und dann hab ich diese Bekanntschaft zufällig doch gemacht (als ich aus der Villa ihrer Schwiegermutter heraustrat in Hochbuch, stand ein prachtvoller Regenbogen am östlichen Himmel und ich wollte das beinahe als Omen nehmen ...)
aber über den Verlauf des gestrigen Abends, einmal aus dem Takte meines Alltags geraten, freute ich mich schließlich doch besonders.
Nachtsüber freilich kam ich wieder in das innere Gleichgewicht meines gewöhnlichen Lebens und meiner gewöhnlichen Lebensstimmung.
Beim Abendessen hab ich natürlich gleich davon (dem von ihr geschenkten Stück echten Kornbrot) gegessen, etwas zu viel aber – ich spürte es dann in der Nacht. Länger als sonst lag ich um Mitternacht herum wach, von Magendrücken arg beschwert.

Tb 16.1.1917


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Silvester 1917 in Gablitz

Ich ließ den heutigen Abend nicht ohne den Anstrich einer gewissen „Feierlichkeit“ vorübergehen, ... beim Abendessen hatte ich’s eiliger als sonst und nahm mir eine kleine Flasche besseren Weins mit; von Luise hatte ich ein Säckchen Bäckerei und eine Tafel italienischer Chokolade, ein paar gute Zigarren hatte ich mir gestern noch verschafft, aber was für eine Verirrung war denn doch das Ganze?
Für einen Menschen wenigstens, wie ich es bin. Wenn man schon dem letzten Abend eines Kalenderjahres eine besondere Bedeutung gibt, so sollte doch diese Bedeutung mit anderen Mitteln als solchen betont werden. Für einen Menschen, wie ich einer bin, ist schließlich aller Genuß des Lebens nichts anderes als eine Flucht vor der Geistigkeit seiner Existenz. Auch das Physiologische ist ein Abgrund.
Solche Menschen wie ich müssen ausgehungert werden.

Tb 31.12.1917

1917 Gablitz

Ebner begegnete nicht Beatrice, aber Beata:
Sonntag, 25. Februar 17. Zwei Wochen hindurch lese ich jetzt Abend für Abend mit Beata im Baudelaire. ...
Ich sehe, wie der Baudelaire nicht aufgehört hat, für mich als geistiger Wert zu existieren. Über seine ungeheure Tiefe staune ich immer wieder vom Neuen.
Mich muß es nur wundern, daß Beata dieses Verhältnis, voller Kargheiten meinerseits, erträgt. Ich trete ihr gegenüber so gut wie gar nicht aus meiner physischen und psychischen Verschlossenheit heraus.
Denn auch ihr gegenüber vermag ich mich kaum anders als ironisch zu geben. ... Sollte man nicht meinen, daß ihr unsre gemeinsame Baudelaire-Lektüre sozusagen einen Weg in mich hinein aufschließen könnte? Mache ich doch aus meiner großen Bewunderung für die Schönheit und Tiefe seiner Verse vor ihr gar kein Hehl. Aber was ist ihr am Ende der Baudelaire, was ist ihr die Tiefe des Erlebens, die hinter seinen Gedichten steckt.

Mein ganzes Lebensgefühl ist ja tatsächlich jetzt unsagbar trostlos geworden und es ist nur zum Staunen, daß man dabei immer noch existiert, existiert mitten in einer Welt, die auch nicht die leiseste Ahnung hat von dem, wie mir eigentlich zumute ist. Vor 14 Jahren etwa mag meine „Einsamkeit“ eine ähnliche gewesen sein wie jetzt, aber doch nicht so innerlich komplett wie jetzt.

Tb 25.2.1917

März 1917

Woran krankt der Mensch geistig?
Daß es ihm an „Anschluß“ und „Ansprache“ im Geistigen fehlt. Daß er diesen Anschluß und diese Ansprache in einer falschen Sphäre sucht. Aber auch oft, daß er diesen Anschluß und diese Ansprache in einer falschen Sphäre gefunden hat und sich damit zufrieden gibt. – Das ist sozusagen das Ergebnis eines Gesprächs gestern abends mit Beata.

... die Erkenntnis, in eine Sackgasse des Lebens geraten zu sein.

Tb So 14.1.19177

Ich bin ein Schwimmer in einem Strom, dessen Wasser unaufhaltsam zum Abgrund fortreißt.
Ich bin ein Ertrinkender.
Fürchterlicher Egoismus, heimliche Lieblosigkeit, Liebesunfähigkeit, Unwilligkeit, auch nur das geringste Opfer zu bringen, von meinem Überfluß zu geben, Undankbarkeit, Dankunfähigkeit, ...
(und mich) peinlich empfinden lässt, wenn man mir außerordentliche Gefälligkeiten, Liebenswürdigkeiten, Liebeswürdigkeiten erweist.

Tb 24.8.1918


_ Kein Mensch, nicht ein einziger meiner Umgebung, weiß es, wie schlimm es um mich steht. Kein Mensch weiß das, nur ich. Und vielleicht fehlt mir selber schon die Kraft des Bewusstseins, dies klar und deutlich zu wissen.

29.5.22 Tb

Dieses Vorbeisehenwollen und Nichthinsehenwollen, wenn uns einmal der ganze Ernst unsres Daseins und Lebens unmittelbar vor Augen gerückt wird

30.1.16 Tb

In ein paar Monaten bin ich seelisch genau dort wieder, wo ich in den letzten zwei Jahren beständig war – bis ich nicht mehr weiterkonnte
Und in alles das aber ziehe ich andere Menschen hinein, mich mit einer Schuld beladend, deren Schwere ich eigentlich niemals unmittelbar fühle, von der ich nur mittelbar weiß
Ich erschrecke bei dem Gedanken, daß mir eines Tages der schüchterne Aufblick meiner zusammenbrechenden Existenz zum Leben und Wort Jesu hin verloren gehen könnte

Tb 22.6.19


_
_ Auch Baudelaire hat Beatrice in einem Gedicht gehuldigt:
Ich ging durch kahles Land, durch sandig dürre Heide.
Und klagte der Natur die Schmerzen, die ich leide,

Schwankt droben nicht die Sonne?
Sie mit dem Götterblick, sie meiner Seele Wonne,
Sie lachte meiner Not ...
(aus zgedichte.de)

Ilse Pauls, Gablitz
Was Tiefe eigentlich ist: De profundis clamavi

Tb 11.1.1917 (Psalm 130, auch Gedicht von Baudelaire)

Wenn das Wort nicht wäre, niemand wüßte etwas von Gott, vom Himmel und der Hölle, vom Leben nach dem Tode, noch weniger vom Herrn.

Tb 1920 notiert aus Abschrift Swedenborg

Wenn ich an die Rückfahrt denke, wenn ich daran denke, daß ich in vier Wochen wieder in der Schule stehen soll. Und wenn ich eines Tages nicht mehr weiter kann – wer weiß wie bald – wenn ich Urlaub nehmen muß – wohin mich wenden?

Tb 21.8.1918 Wels

Für Ebner sind Himmel, Hölle, Fegefeuer keine „comedia“, eher ein „come dia“ , keinerlei Komödie, eher ein Prozess wie jeden Tag, manchmal göttlich/divina.
In seiner Philosophie ausgedrückt:
Die „Endlichkeit“ unserer Existenz liegt in der Dulosigkeit unsres Ichs.
Ein Mensch, dessen Ich sein wahres Du gefunden hat, tritt aus der Endlichkeit heraus und in die Unendlichkeit hinein.

Tagebuch 1917, 8.8.; ebner online edition


_

Zu Gablitz und Fegefeuer fand ich nichts, aber zu Gablitz und Paradies.


_ Wandere ich von Gablitz über den Riederberg nach Ried, komme ich zu imposanten Mauerresten, der Klosterruine, Hl. Maria im Paradies. Ein Kraftplatz.
Muss ein paradiesisches Fleckerl gewesen sein mitten im Wald, fern vom Stadtlärm oder städtischem Getriebe, Leben in Armut und Abgeschiedenheit. 1456 bis zum 29.9. 1529. Brand, Mord an 22 Mönchen und Laien (auch das Stammkloster, St. Theobald in der Laimgrube in Wien wurde im gleichen Jahr zerstört).

_

Sarah Iris Mang,Gablitz, inspiriert von den Ruinen des Klosters
Hl. Maria in Paradiso

Es waren Franziskaner der strengen Observanz. Das Kloster war gegründet von Gabriel(e) Rangoni, dem damaligen Vorsteher, Vikar, der neuen Ordensprovinz. Nach seiner Vita muss 1464 im „Paradies“, also im Kloster St. Maria al Paradyso, ein Provinzkapitel für die Länder Russland, Polen, Ungarn und Böhmen, stattgefunden haben, wo er erneut zum Vicar gewählt worden ist (daher muss das Kloster schon gegründet gewesen sein! Ich setzte daher die Klostergründung mit 1456 an).

Gehst Du einmal nicht am Riederberg, sondern kletterst Du die 124 Stufen zu Aracoeli in Rom hinauf, dann suche die dritte Seitenkapelle rechts vom Eingang auf, in der Capella des Hl. Bonaventura findest Du das Grab des (späteren) Bischof von Alba Julia und Eger und Kardinals, Gabriele Rangoni (ohne Hinweis auf das Paradies in Gablitz im Wienerwald).

Die Kirche Maria in Aracoeli ist auch bei Dante verewigt. Franziskanische Kirchen begleiten Dante: in Florenz steht sein Denkmal vor Sta .Croce, die Franziskaner in Ravenna ehren sein Grab und haben lange seine Gebeine versteckt (=umgebettet“), und damit einen Grabraub unmöglich gemacht.

Ein Bonmot von P. Gerhard Ruf, Assisi:
es gibt Kapuziner, Minoriten, Franziskaner
aber:
Franz is kana!

Damit wird das 5. Philosophische Atelier geschlossen.

P.S.:
Das 6. Philosophische Atelier im Oktober 2022.
Arbeitstitel: Ebner, seine Mutter und die Kaiser (Konstantin, Karl I, Barbarossa)
Dank unseren 400 Besuchern, die uns auf der Website gefolgt sind.
Wir dürfen Josef Paier zu seiner erfolgreichen Diplomarbeit „Sinn und Sinne, eine semiotische Auseinandersetzung mit Ferdinand Ebner“ gratulieren.
Er hatte beim 3. Philosophischen Atelier die Rolle des Josef Hauer gelesen und ist dazu extra aus Graz angereist.
Ich habe ihn eingeladen, eine „semiotische“ Woche der „Wochenschau“ 2022 zu verfassen.
Ein Kloster, Maria im Paradies, gibt es wieder in Österreich. Du fährst von St. Veit im Pongau auf die Kinderalm hinauf.
Und wer Ebners Beata ist, und warum der Ort Saxen in die Vorschau kam, klärt sich nächste und übernächste Woche. Bleiben Sie dran!

Quellen:
gemaltes Bild © Ilse Pauls
Fotos © Dr. Herbert Limberger

Ebner online edition, Tagebuch 1918-1923 (nicht veröffentlicht)
Dieter Halama
P. Gerold Fussenegger: 'Flores Paradisi', opus concionatorium Gabrielis Rangone de Verona O.F.M.
nicht vollständig angeführte Quellen: wie bisher

Ferdinand Ebner
Zum 90.ten Todestag
am 17.10.2021

 


_ Erschaffen durch das Wunder des Wortes, ergriffen vom Wunder des Wortes – so lebt der Mensch.

In diesem Gedanken habe ich mein Denken, in diesem Gedanken habe ich mein Leben und den Halt meines Lebens.
_

Ebner eigenhändig 1923
Das frühere „Ebner-Haus“ in Wiener Neustadt,
Stadtarchiv Wr. Neustadt

Ich betreibe eine eigensinnige ‘Philologie’, aber diese eigensinnige Philologie ist auf ihre Art doch die ‘Heiligung des Namens Gottes’.
Ob es im Wollen Gottes liegt, daß diese Philologie, die augenblicklich der Eigensinn meines Lebens ist, auch für andere Menschen nützlich werde, ob es sein Wille ist, daß die Gedanken dieser Philologie im Bewußtsein der anderen Menschen, direkt oder indirekt, das Wissen um Gott lebendig werden lassen sollen; ob diese Philologie nicht bloß das eigentümliche Mittel meiner persönlichen Rettung, sondern auch meine ‘Mission’ im Leben sein soll – das weiß ich nicht.
Aber ich glaube, daß ich nicht sterben werde, ohne daß mir das nicht vorher zum Bewußtsein gekommen wäre.

Tb 11.Februar 1923

1964

„Heute Nacht, da kam auch zu mir einer (ein Traum). Was darin geschah, weiß ich nicht mehr, aber es wurde etwas gesagt, ob zu mir oder von mir selbst, auch das weiß ich nicht mehr. Es wurde also gesagt, wenn ein Mensch geboren wird, wird ihm ein Wort mitgegeben, und es war wichtig, was gemeint war: Nicht nur eine Veranlagung, sondern ein Wort.
Das wird hineingesprochen in sein Wesen, und es ist wie das Passwort zu allem, was dann geschieht. Es ist Kraft und Schwäche zugleich. Es ist Auftrag und Verheißung. Es ist Schutz und Gefährdung. Alles, was dann im Gang der Jahre geschieht, ist Auswirkung dieses Wortes, ist Erläuterung und Erfüllung. Und es kommt alles darauf an, dass der, dem es zugesprochen wird – jeder Mensch, denn jedem wird eins zugesprochen – es versteht und mit ihm ins Einvernehmen kommt. Und vielleicht wird dieses Wort die Unterlage sein zudem, was der Richter einmal zu ihm sprechen wird.“


_

Brief R.Guardini

Mich hat dieser Gedanke sehr angesprochen. Anfang und Ende gehören zusammen. Am Anfang wird uns ein Wort mitgegeben, - ein Schlüssel zu unserem Leben. Ein Wort, das uns hilft, unseren Lebensweg zu suchen und zu gehen.

Romano Guardini 8o jährig; veröffentlicht 1984 in Berichte über mein Leben, Patmos Verlag.

 

Zeitzeugnis einer letzten Begegnung: Ebner – Frau Bachmeier

Der ganze Ernst unsres Daseins und Lebens :

Vor dem Mittagessen war ich bei der Frau Bachmeier, die im Sterben liegt.
Es ist mir da heute so gegangen wie etwa vor einem Jahre, als ich … den todkranken Doktor Singer aufsuchte.
Wieder fühlte ich, wie wenig wir in unserem Verkehr mit den Menschen daran denken, daß sie uns einmal als Sterbende gegenüber sein könnten.
Ich habe der Frau Bachmeier gewiß einmal, als ich gar zu schroff, weil mir etwas an ihr nicht passen wollte, sehr weh getan.

Tb 30.Jänner 1916

Preisgeben, loslassen:

Ich habe nicht nur den Gedanken meiner Autorschaft, weil er in der falschen Situierung meines Lebens wurzelt, sie fixiert, ihre Korrektur unmöglich macht, preiszugeben, sondern auch das Tagebuch.

Tb 16.Februar 1923 letzte Eintragung in diesem Tagebuch

Ebner … Todesstrafe …

und gute Christen hören es gerne -, man könne ohne Todesstrafe nicht auskommen. Vor 170 Jahren aber haben sie ebenso behauptet, man könne ohne Folter nicht Recht sprechen. Die Folter wurde trotzdem abgeschafft. Und einmal kommt auch der Tag, an dem sich die Menschheit der Anwendung der Todesstrafe einfach schämen wird.

Wort und Liebe S.54 online

Autorschaft:

Sie war ein Mißverständnis, weil ich in ihr falsch situiert war.
Vielleicht haben das alle, die lasen, was ich geschrieben habe, mit mehr oder weniger Verstand oder Unverstand lasen, aus jedem meiner Sätze herausgefühlt.

Tb 15.Februar 1923

 

Ebner: ein Schluss-Wort

Wir müssen den Glauben ans Wort gewinnen, daß wir werden u. geht darüber auch die Generation zugrunde, wozu uns Gott in seiner Liebe durch das Wort geschaffen hat: ( daß wir wieder ) zu Menschen ( werden ) die Kinder Gottes sind.

Gablitz, am 1.März 1919

 

Ferdinand Ebner Erstfassung zu Das Wort und die geistigen Realitäten. Letzter (Ab)Satz; März 1919
Zeitzeugnis einer letzten Begegnung Ficker – Ebner

Es war einige Monate vor seinem Tode, als ich nach Gablitz an sein Krankenlager gerufen wurde; denn es schien, als sollte es mit ihm bereits zu Ende gehen. Aber als ich eintrat und vollends, als ich mich zu ihm ans Bett gesetzt, wie staunte ich da über die Regsamkeit des Geistes, die diesem todgeweihten, bis auf Haut und Knochen abgezehrten Leib noch ungeschwächt, ja wahrnehmbar gesteigert innewohnte. Wie rührend war die Freude, mit der er mein Kommen begrüßte, und die Selbstverständlichkeit, mit der er während einer mehr als einstündigen Unterredung meine Hand nicht aus der seinen ließ. Wo nahm er nur die Kraft dazu her, da er, auf dem Rücken liegend, den siechen Leib doch kaum mehrbewegen , das Angesicht nur hin und wieder zu mir wenden konnte? Und doch war alle Frische des Gedächtnisses und die Klarsicht der Erkenntlichkeit für alles, was seinem Leben an Schwerem wie an Tröstlichem beschieden gewesen, in seinem Auge und in seiner Rede wie zu einem letzten Stelldichein versammelt.

Rede gehalten 1950 in Gablitz

Ludwig v Ficker Denkzettel und Danksagungen S.178, Verlag Kösel
http://www.uibk.ac.at/brenner-archiv/bibliothek/pdf/denkzettel.pdf

_

† 17 Oktober 1931 Ferdinand Ebner
Friedhof Gablitz | Ebners Grab
_ _ _
9.2.*Thomas Bernhard wollte Ebner im 4. Band einer Neuen Österreichischen Bibliothek sehen
_
12.3.* Jozef Tischner, polnischer Dialogphilosoph, er hat den Dialog für die damals neue Solidarnosc-Bewegung fruchtbar gemacht.
_
1931: da war Thomas Bernhard 8 Monate
und Jozef Tischner 7 Monate!
_ _ _
Selbst wenn der Mensch tot ist,
so bedeutet dies vor allem,
dass er existiert hat.
Und wenn er existiert hat, kann er wiedergeboren werden.

Eine These Tischners,
Deutschlandfunk 21.Jänner 2011

Quellen:

Fotos & Dokumente © Sammlung Dr. Herbert Limberger
nicht vollständig angeführte Quellen: wie bisher

Schnitzler & Strindberg
Icheinsamkeiten


_
4 Tage nach Ferdinand Ebner stirbt Arthur Schnitzler.
35 Jahre früher steckte August Strindberg in einer „Inferno-Krise“
_
Ferdinand Ebner legte 1918 Dante beiseite und verschlang „Strindberg“ und viele andere,
bevor er die Fragmente schrieb.

_

„Wandmalerei“ in Plovdiv
Wort - Worte

Für Ferdinand Ebner war das WORT eine Brücke,
für Arthur Schnitzler eine Komödie.
So hab ich Schnitzlers sehr schlechte Komödie der Worte gelesen.
Warum?
In unsere Hoftheater bin ich bis jetzt noch nie gekommen, weder in die Oper noch in die Burg, und vermutlich werd ich auch künftig nicht hineinkommen. …Aber so ganz achtlos geh ich an den Burgtheateraufführungen doch nicht vorüber. Wenn ich dann nämlich in den Zeitungen darüber lese, fühle ich mich manches Mal veranlaßt, mir durch die Lektüre eine Privatvorstellung zu geben.
So hab ich Schnitzlers sehr schlechte Komödie der Worte gelesen, im Herbst den Götz in der Urfassung und so hab ich auch gestern abends Shakespeares „Was ihr wollt“ hergenommen und in einem Zug durchgelesen.

Tb 13. März 1916

Gegen Abend lernte ich ein mir neues Stück von der schönen Seite dieser Welt kennen:
Wir fuhren nämlich hinaus auf den Türkenschanzpark.

Tb 8. Mai 1919
(an diesem Tag wurde auch das Manuskript
der Fragmente dem Braumüller-Verlag übergeben)

Schnitzler-Denkmal im Türkenschanzpark
Arthur Schnitzler 1862-1931

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Komödie der Worte,

das sind drei Einakter

„Stunde des Erkennens“
10 Jahre Schweigen – dann brechen Worte des Noch-Ehepaares heraus; mit dem Schlusswort: Worte lügen
„Große Szene“
(Hamlet spielen ohne die davongelaufene Ehefrau, Sophie, das geht nicht)

und

„Das Bacchusfest“
(Felix redet seine Frau, samt ihren Freund in Grund und Boden) uraufgeführt am 12. Oktober 1915 im Burgtheater und zu einem späteren Zeitpunkt in Gablitz durch Ferdinand Ebner.

Strindbergweg

Nicht in Stockholm oder Paris, in Saxen ist er: durch die Klamschlucht zur Burg Klam, dort, wo für Strindberg ein Eingang zur Hölle war.
Ferdinand Ebners Strindbergweg vom 3o.6. bis 10.12.1918 führt nicht in die Hölle, er führt in die Fragmente.

Wir gehen ihn an Hand des Tagebuches 1918

30. Juni______Begann ich in Strindbergs "Beichte eines Toren" zu lesen.

_7. Juli______Vormittag wollte ich zwar im Strindbergroman lesen und schlafen, saß aber dann doch wieder bis 12h beim Schreibtisch und machte Aufzeichnungen.

10. Juli______Während des Abendessens lese ich täglich im Strindberg.

15. Juli______„Nach Damaskus“ lesend – einen Vormittag lang ausgeruht, aber meine Gedanken über das Wort und die Sprache ruhen auch. Jenes nach Damaskus finde ich sehr merkwürdig. Doch hab ich zum Eindruck noch zu wenig Distanz, um zu urteilen. Strindberg verstehe ich nun sehr gut.

17. Juli______Gestern abends wurde ich mit „Nach Damaskus“ fertig.
Die Dichter des neunzehnten Jahrhunderts schreiben ihren Faust wie die Symphoniker ihre Neunte.
Ein zweites Mal möchte ich diese merkwürdige Dichtung schon lesen.
Heute, nach dem Frühstück wieder ins Bett und las in dem Roman von Strindberg weiter, mich ein wenig langweilend.

22. Juli______Den Schluß der „Beichte eines Toren“ nur mehr ganz uninteressiert überflogen – vorgestern schon.
Strindberg – jener geistige Typus, der die Icheinsamkeit der menschlichen Existenz (aber nicht nur philosophisch spekulierend wie der deutsche Idealismus bei Fichte oder Kant) zum Prinzip des geistigen Lebens macht und auf die Spitze treibt.
Dahin gehört übrigens auch Karl Kraus.

25. Juli______Nach dem Mittagessen nach Wien. "Strindbergs Inferno".

26. Juli______Im Inferno über 100 Seiten – das reine Wahnsinnsprotokoll.

30. Juli______In Inferno-Legenden mich langweilend.

14. August___Gestern Kammerspiele.

_3. Oktober__In Wien "Rausch für Luise"

31. Oktober___Vormittag noch in „Nach Damaskus“ (weiter) gelesen.
Strindberg über Ibsen zu stellen. Ibsen stieg herab, Strindberg hinauf.

_1. November_Strindbergs Märchen. Es ist viel, wenn man von einem Dichter sagen darf, er könne Märchen schreiben. Auch so eine Goldprobe auf den „echten“ Dichter – wie das lyrische Gedicht.

_2. November_„Die gotischen Zimmer“

_7. November_"Schwarze Fahnen"

_9. November_Im Strindberg lese ich mit einigem Eifer.

10. November_Im Lauf dieser Woche habe ich zwei Romane von Strindberg gelesen.
Aber ich bin ganz unfähig, mich zu Gedanken darüber und zu einem Urteil über Strindberg überhaupt geistig zu konzentrieren. Qual des Zerfalls, der Auflösung.

15. November_Büchereinkäufe: "Strindbergs Fabeln".

10. Dezember_Gestern abends „Die Brandstätte“ zu Ende gelesen.
Heute das 10. Fragment – langsam, mit vieler Mühe des Denkens.
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Im 10. Fragment schreibt er – man könnte meinen an die Adresse von Schnitzler und Strindberg:
Alles menschliche Unglück in der Welt rührt daher, dass die Menschen so selten das rechte Wort zu sprechen wissen. Wüssten sie es, sie ersparten sich das Elend und den Jammer des Krieges.

Der Beginn - Strindbergweg

 

Eingangstor zum Strindbergweg in Saxen

Weg von und zu Strindberg
In Strindbergs „Inferno“

1.September 1896. - Ich bewohne das Zimmer, in dem meine Frau ihre zwei Trennungsjahre verbracht hat. Hier hat sie gelitten, während ich in Paris litt. Arme, arme Frau! Mussten wir so gestraft werden, weil wir mit der Liebe getändelt haben? (Strindberg, Inferno VIII, Beatrice)

Die Erde, die Erde ist die Hölle, …

Auf einem Spaziergange in die Umgegend des Dorfes (Saxen) gerate ich längs des kleinen Baches zu dem sogenannten Schluchtweg, der sich zwischen den beiden Bergen hinzieht. Der durch eingestürzte Felsen wahrhaft mächtig getürmte Eingang zieht mich sonderbar an.

Das Bild der Danteschen Hölle, die rot glühenden Särge der Ketzer, steigt vor mir auf ...

Der Weg verengert sich zwischen dem Müllerhaus und dem Berge, gerade unter dem Türkenkopf, zu einem schmalen Gange ...

Ich weiche zwei Schritt zurück, ...

Der Wasserfall und die Mühle vollführen ein Geräusch, ähnlich jenem Ohrensausen, das mich seit meinen ersten Beunruhigungen verfolgt. Die Müllergesellen, weiß wie die Engel, leiten das Räderwerk der Maschine wie Henker, und das große Rad lässt in ewiger Sisyphusarbeit das nie versiegende Wasser herabfließen ...

Hier stützt die alte Holzhütte diesen Berg.
Mühlen Wehr

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Dann kommt die Schmiede mit ihren nacktarmigen, geschwärzten Arbeitern, die mit Zangen, Hacken, Schraubstöcken und Hämmern bewaffnet sind; in Feuer und Funken liegen rot glühendes Eisen und geschmolzenes Blei ...
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Weiterhin ächzt die große Säge der Sägemühle und martert mit knirschenden Zähnen die auf dem Sägebock liegenden Baumriesen, dass ihr durchsichtiges Blut auf den klebrigen Boden herabträufelt ...

Mache ich unter einem Abhang halt, dessen überhängender Fels auf eine heilige Maria zu fallen droht, die allein auf ihren zarten göttlichen Schultern den unterwaschenen Berg noch stützt ...

(Inferno IX, Swedenborg)
Quelle: Projekt Gutenberg.de

Was Ferdinand Ebner 1918 noch alles „verschlungen“ hat und ob auch Amerikaner dabei waren, wird in der „Wochenschau“ 50 behandelt.
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Also, bleiben Sie dran!
In den kommenden zwei Wochen erleben wir das Ende des 1. Weltkrieges aus Sicht Ferdinand Ebners.

Quellen:
Fotos © Sammlung Dr. Herbert Limberger
nicht vollständig angeführte Quellen: wie bisher

Neue Realitäten


Aus der turbulenten Woche vom 25. – 31. Oktober 1918
Hunger, „Spanische Grippe“, 3 Wochen Schulsperre
eigen-sinnige Folgerungen

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Freitag 25. Oktober 1918
Amerika: Wilson fordert die Abdankung des deutschen Kaisers.
Es handelt sich um die „Note“ des Präsidenten Wilson vom 23.10.1918
Deutschland: Das ist ganz in der Ordnung. Wenn Wilhelm nicht von selber geht, müssen ihn die Deutschen zwingen.
Gablitz: Vormittags machte ich eine Aufzeichnung, die auf einmal – wie und warum weiß ich nicht – in mir Hoffnungen weckte, ich könnte vielleicht doch noch einmal zu einer die Veröffentlichung im Auge habenden Zusammenfassung und Bearbeitung meiner Gedanken über das Problem des Wortes kommen.
Entgleisung in Penzing. Wir mussten die Stadtbahn benützen.

Samstag 26. Oktober 1918
Österreich: Unser Staat besteht nicht mehr.

Der Krieg als Versuchung zu guten Früchten zu kommen!
Margit Bernhard, Gablitz, aus dem Zyklus Schöpfung

Historie:

21.10.1918

Erste Nationalversammlung im niederösterreichischen Landhaus
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Nach dem „Kaiserlichen Manifest vom 16.10.1918
soll Österreich ein Bundesstaat werden, in dem jeder Volksstamm auf seinem Siedlungsgebiet sein eigenes staatliches Gemeinwesen bildet.
„Selbstbestimmungsrecht“?
Sohin versammelten sich (auch) die deutschsprachigen Abgeordneten am Abend im niederösterreichischen Landhaus ...
(in dem 1950 die erste Ferdinand Ebner Gesellschaft gegründet worden ist)
Im Protokoll steht:
Die Vollversammlung der Abgeordneten der deutschen Wahlbezirke beschließt …
1. Sich als provisorische Nationalversammlung für Deutschösterreich zu konstituieren
... und bestellte 3 Präsidenten
Auch die anderen „Volksstämme“ versammelten sich:
Galizier, Ruthenen, Polen, Ungarn, Slawen, ...

23.und 24. Oktober 1918
Der ungarische Nationalrat wird gebildet.

Aber es gibt noch einen österreichischen Kaiser, eine k. k. Regierung, die Armee dieses Staates.
Nun ja – der Körper ist tot, aber die Seele lebt weiter.
Dieses ganze zugrunde gegangene Österreich bestand ja gar nicht anders als in der offiziellen Phrase, die immer nur im momentanen Rausch der Begeisterung, von keinem aufrichtigen Menschen aber in der Stille seines Herzens geglaubt wurde. Inzwischen ist der Kaiser samt Frau und Kindern, mit Sack und Pack nach Ungarn gereist.

Freilich wird die abendländische Menschheit durch ihre Demokratisierung erst recht geistlos gemacht.
Denn diese wird
jeden Einzelnen zum Politiker machen,
jeden Einzelnen zwingen, Politiker zu sein
und Politik ist und bleibt Geistlosigkeit.
Der politisch denkende Mensch lebt geistig von dem Irr- und Aberglauben,
die weiteste Lebensperspektive vor sich zu haben, und merkt dabei niemals, dass alle Politik auf Kurzsichtigkeit der Lebensperspektive und nichts anderem beruht.

Mo 28. Oktober 1918
Getrieben, die Arbeit über das Wesen des Wortes anzupacken.
Ich richtete mir Papier her, zögerte dann lange, den ersten Satz niederzuschreiben und schrieb dann doch ein kleines Stück, aber schon abbrechend, ehe mir noch der „Atem“ ausgegangen war. Ich habe nicht den Mut fortzusetzen. Nicht weil ich die Größe der Aufgabe vor mir sehe und die Unzulänglichkeit meiner geistigen Kräfte fühle.
Von der Höferl (Lehrerkollegin) bekam ich heute ein beträchtliches Stück Butter.

Di 29. Oktober 1918
Stehen wir tatsächlich vor einer Republik Deutschösterreich?
D. h.. wollen wir die Nibelungentreue ohne den Kaiser weiterspielen?
Hier in Gablitz ein Wohnungseinbruch nach dem andern.

Donnerstag 31. Oktober 1918
Politik ist Verhinderung der geistigen Besinnung des Lebens.
Ist nicht aber doch die politische Bewegtheit dieser Zeit darauf angelegt, die Menschheit zur Besinnung auf sich selbst zu bringen? Zur Besinnung darauf, dass sie mit ihrer ganzen Politik schließlich Schiffbruch leiden muss?
Wann wird man es einsehen, dass alles Nur-politisch-Orientiertsein im Leben die Menschen ins Verderben hineinzieht?
Der deutsche Kaiser hat noch immer nicht abgedankt. D. h.. also der politische Wille des deutschen Volkes von gestern und heute ist noch immer nicht gebrochen.
Gibt es Deutsche von morgen?
Für Österreich waren die letzten Tage natürlich sehr ereignisreich.
Aus dem zerfallenen Staate sprießen die neuen Staaten wie die Pilze hervor.
Bis jetzt ging das alles in ziemlicher Ruhe und Ordnung vor sich. Will’s der Himmel, so bleibt es dabei und das russische Chaos ist uns erspart.
Ich frage mich nur, wo denn eigentlich in diesen neuen Staaten Österreichs noch Platz für einen österreichischen Kaiser ist. Es scheint, dass die Dynastie im Trüben fischen will.
Aber hoffentlich hat bei uns die dynastisch-patriotische Phrase ihre Rolle ausgespielt für alle Zeiten.
Patriotismus und Kaisertreue war nirgends in der Welt so zur kompletten Phrase und rein offiziellen Gebärde geworden als in diesem nun Gott sei Dank zugrunde gegangenen österreich-ungarischen Staates.
Noch aber ist der Friede nicht da, das bisschen Zukunft, das die europäische Menschheit vielleicht noch hat, noch immer nicht sichergestellt.
Ich will an keine Zukunft Europas glauben – und kann an keine glauben – die nicht die europäische Menschheit das Problem des geistigen Lebens aufwerfen lässt.
Nun wache sie auf zu den Realitäten des geistigen Lebens.

In der Luft schwebt sehr viel politische Erregtheit und Optimismus.
Die Dynastie, scheint es, haben wir los.
Das Abendessen so, als feierten wir die Geburt des neuen Staates:
Gänsebraten, Schweizer Käse, Kuchen aus weißestem Mehl.
Das Geheimnis der spanischen Grippe, wo sie sich nämlich zu einer den raschen Tod herbeiführenden Lungenentzündung kompliziert: die Lungenpest??

Historie:

In dieser Wochen starben:
28. Oktober______Egon Schieles Frau Edith
28. Oktober______Prag: die Republik ausgerufen
29. Oktober______Staat der Slowenen,
_________________Kroaten und Serben

31. Oktober______Egon Schiele
Italienische Armee im Vormarsch am Piave

30. Oktober 1918
Die slowakische Bevölkerung wird Teil der Tschechoslowakei

Philosophicum mit Heraklit:

πόλεμος πάντων μὲν πατήρ ἐστι
Der Krieg ist der Vater aller Dinge (?).

οὐ ξυνιᾶσιν ὅκως διαφερόμενον ἑωυτῶι συμφέρεται·
Sie verstehen nicht, wie das eine auseinander Strebende ineinander strebt.

Ferdinand Ebner bezieht sich in Wort und Liebe, Seite 42 auf das berühmte

PANTA RHEI:
Alles fließt: als ein ständiges Werden und Vergehen.

πάντα ῥεῖ | "alles fließt"

Und die folgende Woche ist für Ebner nicht minder ereignisreich. Also, bleiben Sie dran!

Quellen:
Tagebuch 1918, ebner online edition
Quellensammlung zur Öst. u. dt. Rechtsgeschichte, Rudolf Hoke, Ilse Reiter, Verlag Böhlau
Wikiquote.org/wiki/Heraklit
Wikipedia / Die erste Sitzung am 21. Oktober 1918
Fotos © Sammlung Dr. Herbert Limberger

Je me rebelle

Mit Ferdinand Ebner im Kaiserreich und in der Republik
1.bis 7.November 1918
Person & Politik

persönlich

politisch

1. November | Wiener Neustadt

Beginnt das russische Chaos in Österreich?
Mittags mit dem Hauer beim Beisteiner – das teuerste Mittagessen meines Lebens.
Unaufhörliches Regenwetter den ganzen Tag.

Totaler Zusammenbruch unsrer an der italienischen Front stehenden Armee – Waffenstillstandsangebot.
Drohende Gefahr der eigenmächtigen Demobilisierung.
Ausbrechen von Strafanstaltshäftlingen.
Russland ging an der Feindschaft,
Österreich an der Freundschaft des Deutschen Reiches zugrunde.
Revolution in Ungarn – da floss Blut.

2. November | Wiener Neustadt

Morgens in den Friedhof.
Fast gar keine Leute auf dem Friedhof.
Rechnung für dieses Jahr beglichen.

Will Kaiser Karl den Thron
mit Hilfe der Entente retten?

In der Nacht waren Kasernen und Fabriken geplündert worden.
Die „rote Garde“ in den Straßen.
Die Stimmung ist gedrückt.
Alkoholverbot – sehr vernünftig
Torsperre um 6h abends
Von da an tiefe Stille über der ganzen Stadt.

3. November | Wiener Neustadt, Wien

Gerät nicht Deutschösterreich in eine richtige Zwickmühle?
Wird uns das Stück Weltgeschichte, das wir mitmachen, noch ganz anders als bisher auf den Leib rücken?

Bahnhof von Nationalgardisten bewacht. Die Straßen Wiens unter dem Zeichen der Auflösung der Armee.
Der Kaiser – dieser Dilettant, auf dem Kaiserthron – wieder in Wien.

Die Mizera musste vor den Tschecho-Slowaken flüchten.

4. November | Gablitz

Morgens beim Chef. Gespräch mit ihm und seiner Frau über den Krieg, wobei ich kein Hehl machte aus meiner Auffassung des Geschehens in der Welt. D. h., ich sprach über die Deutschen so, wie ich wirklich denke und sprach vom Geist.
Da hat man nicht nur den Instinkt der nationalen Besinnungslosigkeit gegen sich.

Steh ich vor einem neuen Leben (nachdem mein altes im Laufe des Krieges total zusammengebrochen ist)?
O du Gott im Himmel, laß mich den inneren Kompaß meines Lebens nicht verlieren.

Gebrochen am Troppberg, Gablitz

5. November | Gablitz

Was soll eigentlich aus mir noch werden im Getriebe dieser Welt?

Ich bin nun gänzlich unfähig geworden, meinen bisherigen Beruf auszuüben.

6. November | Gablitz

Der Alltag, der hier – bis jetzt wenigstens – noch immer so ziemlich abseits vom Gang der Weltgeschichte verläuft.
Die Frau des Chefs weicht mir aus: Liegt es an dem Mangel an Liebe in mir, an der heimlichen Lieblosigkeit, an der nur mühsam unterdrückten Menschenverachtung, mit der ich spreche?
Alle diese Menschen sehe ich an der Gottlosigkeit ihres Lebens leiden und darum in allem Leiden, das über sie kommt, so schrecklich hilflos sein
– aber ist es denn bei mir anders?
Von der Höferl (Kollegin) bekam ich heute abermals ein Stück Brot und Butter.

7. November | Gablitz, Purkersdorf

Erkenntnis ohne Gnade ist geistige Verlorenheit.
Erkenntnis ohne Gnade ist der Weg zum Wahnsinn.
Hab ich noch eine Hoffnung?

Noch lebe ich, atme ich, denke ich.

Bisher ist mein ganzes Denken und die Wortwerdung meines Denkens nichts anderes als ein Euphemismus, mit dem ich den Fluch meiner Existenz umschreibe.
Wer verstünde mich da in der Eigensinnigkeit meiner Denk- und Wortformeln?

Auf dem Bahnhof in Purkersdorf ein Trubel der Demobilisierung.
Zwei lange Züge voll heimkehrender Frontsoldaten und Kriegsgefangener standen auf den Geleisen, umringt von Leuten.
Es ging zu wie auf einem Jahrmarkt.

Tagebuch-Blick in die Zukunft – Ebner als Zeitzeuge

10. November

Im deutschen Reich draußen ist die Revolution im Gange.
Aufstände in den Hafenstädten, Proklamierung der Republik in Bayern.
Erreichen mich, wie mir jetzt wieder zumute ist, die Ereignisse in der Welt draußen?
O fürchterliche Einsamkeit eines Menschen, der mit seinem geistigen Tode ringt – soll ich denn wirklich hilflos zugrunde gehen? Hilflos hineinversinken in die Nacht?
Der deutsche Kaiser hat abgedankt – endlich!!! – nicht freiwillig, sondern von den Sozial-Demokraten dazu gezwungen. Das deutsche Reich eine Republik – bleibt es aber auch dabei?
Die anderen deutschen Fürsten sind dem Kaiser zum Teil schon gefolgt.
Was ist’s nun mit dem österreichischen Kaiser – derzeit ohne Reich?
Will der nicht auch seinen Titel ablegen?
Der Rausch der Demokratisierung und Republikanisierung Europas – die europäischen Völker müssen aber noch den Katzenjammer des Krieges auskosten bis zum letzten Tropfen.
Wieviel Hass und Feindschaft liegt noch in der Luft, in der wir atmen?
Wann wird jene Stimme erschallen, die der geistigen Neuorientierung des Abendlandes den Weg weist?

Nach der Finsternis kann es wieder Licht werden!

Maria Landau, Schmuck-Design Gablitz (grenzenlos_kreativ)

12. November

Abdankung des österreichischen Kaisers. Generalstreik.
Proklamierung der Republik Deutsch-Österreich.
Die Revolutionierung Europas? Die Komplettierung des abendländischen Kulturdebakels?

13. November

Der gestrige Geburtstag der deutschösterreichischen Republik verlief nicht ganz unblutig.
Schießerei beim Parlament – Panik. Endlich Waffenstillstand auf allen Fronten.
Der organisierte Massenmord, der Krieg ist aus und jetzt haben wir es nur mehr mit seinem Wurmfortsatz zu tun, mit der Sackgasse der inneren Revolutionen.

15. November

Die Reichspost beklagt sich, dass den „Christen“ so schon fast alles genommen worden sei (was denn? Der Kaiser vielleicht?) – als ob einem Christen etwas genommen werden könnte in dieser Welt. Nichts ist widriger als Demagogie unter dem Deckmantel des Christentums.
Der erste Schnee dieses Winters.
Ferdinand Ebners Beitrag zum (Welt) Frieden: Wort statt Phrase

21. November

Alle die Tage her viel beschäftigt mit dem Gedanken, die Fragmente über das Wortproblem zu „redigieren“. Bis jetzt komme ich zu keiner Klarheit und zu keinem Entschluss. Einerseits drängt es mich sehr anzufangen, andrerseits fühle ich doch immer wieder, dass dieser Arbeit ihre rechte geistige Grundlage mangelt.

26. November

Die Menschheit geht an ihrer Politik, d.i. an ihrer Geistlosigkeit zugrunde.

DAHER

29. November

Freitag 18:00 - Heute, morgens schon, mit dem 1. Fragment über das Problem des Wortes
begonnen ... .

– das wird ihr Titel sein – (So 1.12.1918)

 

Nächste Wochenschau:

Das Ferdinand-Ebner-Symposium 1981, in Gablitz vor 40 Jahren: Was hat es gebracht? Auf dann!

Einladung:

Konzert in Wiener Neustadt 5.11.2021,19.30 Kasematten, 150 Jahre J.M. Hauer-Musikschule
Dabei auch 4 Kompositionen von J.M. Hauer op 16, die Erste ist Rudolf Wondracek (bei Ebner Wondraschek), einem Schüler Otto Wagners, die vierte Anna Höllering gewidmet.
Beide finden wir in den Schriften von Ferdinand Ebner; Wondracek ist der Architekt aus St. Pölten, Anna Höllering die Schauspielerin. In Lebenserinnerungen, J.M. Hauer Kapitel 11, schreibt Ebner:
Die eine (Komposition) ist eine Klavierstudie, der lieblichen Anna Höllering gewidmet. Diese Studie darf, wenn sie richtig gespielt sein soll, über die Saiten gleichsam nur gehaucht werden, man muss vergessen, dass das Klavier ein Hammerwerk hat. Wondraschek nannte sie das „Lächeln Gottes“.
In Kapitel 13: Auch Anna Höllering war zu meiner Freude gekommen.

Quellen wie bisher
Fotos © Sammlung Dr. Herbert Limberger

FE 45 Symposium Gablitz 1981

Referent*innen „beleuchteten“ Ferdinand Ebner


23 Referent*innen „beleuchteten“
Ferdinand Ebner in 6 Blöcken
vom 12. bis 15. November 1981 in Gablitz.

  • Zeitgeschichte

 

  • Dialogisches Denken

 

  • Theologie,

 

  • Psychologie

 

  • Pädagogik

und

  • Literatur



Ich habe an überlebende Referenten folgende Fragen gestellt:

 - Wie sehen Sie dieses Symposium aus heutiger Sicht,
_... 40 Jahre später?

  - Was hat es gebracht, bewirkt?

Abbildung 1: Schautafel der Ferdinand Ebner Ausstellung, kuratiert von Dr. Herbert Limberger

Dazu übergebe ich an Prof. Dr. Peter Kampits:

Das anlässlich des 100. Geburtstages und 50. Todestages Ferdinand Ebners in Gablitz veranstaltete internationale Symposion war im Wesentlichen von zwei Faktoren geprägt.
In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts war zum Ersten das Interesse an der österreichischen Kultur und Geistigkeit dieser Zeit beträchtlich gewachsen. Es sei nur auf die Publikationen von William Johnston, Claudio Magris, Carl Schorske oder Allan Janik und Stephen Toulmin verwiesen.
Zum Zweiten hatte sich im Anschluss an die Existenzphilosophie ein zunehmendes Interesse am sogenannten Dialogischen Denken entwickelt, wie es von Martin Buber, Franz Rosenzweig, Eugen Rosenstock-Huessy und dem Franzosen Gabriel Marcel vertreten wurde.
Auch wenn das Denken Ferdinand Ebners, das im Spannungsfeld von Wort und Liebe entfaltet wurde, und das Wort, das zwischen Ich und Du gesprochen wird, sich durchaus in diese Strömung einreiht, ist doch das Denken Ebners erheblich von den Genannten unterschieden. Dies betrifft nicht allein die spezielle, aus dem Katholizismus entstandene Glaubenssituation Ebners, sondern vor allem seine entschiedene Gegnerschaft zu geläufigen Theorien über die Sprache.
Der Gegensatz zu allen sprachanalytisch-logischen oder auch pragmatischen Ansätzen hinsichtlich der Sprache hat aber auch lange Zeit dazu beigetragen, dass es in den letzten Jahrzehnten um Ebners Denken stiller geworden ist.
Der von der Ferdinand-Ebner-Gesellschaft 2019 veranstaltete Festakt (in Gablitz mit Dr Busek) hat immerhin etliche Ansätze zur Weiterführung seiner Gedanken offengelegt. Dies betrifft in erster Linie Europa, wo vor allem in den Ländern des mitteleuropäischen Ostens, vor allem in Polen und Kroatien das Interesse an Ebner neu entflammt ist.
Im Gefolge der postmodernen philosophischen Strömungen war inzwischen aber auch die weitverbreitete analytische Sprachphilosophie allmählich in den Hintergrund getreten. So ist vornehmlich in den USA die sogenannte continental philosophy wieder salonfähig geworden. Inzwischen ist auch in den USA die erste Übersetzung der „Fragmente“ erschienen. Mit dazu beigetragen hat zweifellos auch das Interesse an der Philosophie von Emmanuel Levinas, dessen Bedenken der Sprache, der zwischenmenschlichen Beziehung und der Verantwortung gegenüber dem Anderen dem Sprachdenken Ebners durchaus nahekommt.
Es ist anzunehmen, dass der Denkansatz Ebners, der nicht immer mit seiner Zustimmung in die Theologie, Metaphysik, Pädagogik und Psychoanalyse ausstrahlte, auch weiterhin aktuell bleiben wird.

Danke Prof. Kampits.

Ich übergebe an Prof. Werner Schulze:

Mein akademischer Weg verlief in völlig anderen Bahnen (Komponist, Poet, Musikwissenschafter), so kann ich leider nichts zum Thema sagen.

Danke Prof. Schulze.

Ich übergebe an Dr. Wolfgang Hemel (Consulting) zu einer sehr persönlichen Antwort:

MIT FERDINAND EBNER DURCH DIE JAHRZEHNTE

1973 Ferdinand Ebner begegnet mir zum ersten Mal im Buch Ferdinand Ebner: Das Wort ist der Weg.

„Gottes Kind ist sein Wort.
Wird uns das unsre zum Kinde,
das zwischen uns sich bewegt,
änderts die furchtbare Welt.“

Die Worte berühren mich und bewegen mich zur Auseinandersetzung mit dem Denker Ferdinand Ebner.

1976 Auf dem Plakat einer von mir mitbegründeten Zeitschrift steht als Statement:

„Wo die Sprache nicht zu Wort kommt
beginnt die Gewalt.“

1979 Ich promoviere mit einer Dissertation über „Wort und Wirklichkeit

im Sprachdenken Ferdinand Ebners“

1981 Auf dem internationalen Ferdinand-Ebner-Symposion referiere ich unter dem Titel

„… änderts die furchtbare Welt.“

über den „Revolutionär Ferdinand Ebner“.
Meine Intention: zu zeigen, dass Ebner keineswegs ein „weltabgewandter Dorfschullehrer“, ein „theophiler Philanthrop“ gewesen sei, wie vielfach dargestellt, sondern ein Denker, der unter anderem auch eine der schärfsten Analysen des „bürgerlichen Geistes“ geliefert hat, die wohl je von nicht-marxistischer Seite gemacht wurde.

„Der idealistische „Traum vom Geist“, das Denken in der Ausschließlichkeit der Ich-Kategorie, führt Ebner aus, war für den Bürger – und die entscheidenden Einrichtungen unserer Zivilisation sind nichts anderes als Repräsentationen des bürgerlichen Geistes – die rechtfertigende Grundlage seines „wirtschaftlichen Idealismus“. Seine Beziehung zum anderen und zur Welt ist durch diese Perspektive bestimmt. Weil ihm somit der Sinn des Lebens in der Beziehung zum anderen abhandengekommen ist, musste er, um sein Ich nicht zu verlieren – wie der Metaphysiker die Substanz schaffen musste – den anderen und die Welt als substanzielles Nutzobjekt denken.
Mensch und Welt sind nur insofern wirklich, als sie ihm Gewinn bringen. Mit diesem Gewinn, in Form materiellen Reichtums erzwingt er die Anerkennung des anderen – und damit die Bestätigung seiner selbst. Deshalb empfindet er „jede soziale Gesetzgebung“ nicht nur als „Last und wirtschaftliche Gefährdung seiner Existenz“ (ESI, 730), sondern als Bedrohung seiner Individualität.“
„Politiker und Wissenschaftler haben zu lange aus dem Fenster dieser (unserer) Realität gesehen, als dass sie noch Vorstellungen von einer anderen Wirklichkeit haben könnten. Die Ersteren beschränken sich darauf, den weiteren Fortschritt zu verheißen, wenn nur alle sitzen bleiben, die Untersuchungen der Letzteren sind identisch mit technologischen Anleitungen zur totalen Funktionalisierung des menschlichen Lebens. Der Grad der erreichten Befreiung des Einzelnen wird deshalb nie vom erreichten Stand der gesellschaftlichen Organisation abhängig sein, sondern vielmehr vom Widerstand der Selbstorganisation gegen die herrschenden Zwänge einer Vernunft, die ihre Logik auf den Strich der Nutzenrechnung geschickt hat. Und was ist für den Mut zu einem solchen Widerstand – wie er sich etwa seit einiger Zeit in der internationalen Friedensbewegung (heute Klimabewegung, Anm. d. Verfassers) zeigt – mehr vonnöten als eine Utopie? Eine Utopie, die noch dazu von nichts anderem ausgeht, als von der durchaus realistischen Antizipation des Guten im Menschen.“

2021 Vier Jahrzehnte und einige segenbringende technische Innovationen wie Handy und WhatsApp weiter sind wir mit Nachrichten höchster politischer und beamteter Würdenträger konfrontiert wie:

„Kriegst eh alles, was Du willst.“ „Du bist Familie.“
„Und sind die (Umfrageergebnisse, Anm. d. Verfassers) eh so, wie wir wollen?“ „Zahlen sind in der Schwankungsbreite frisiert.“

 

„Und F. ist ein Kapitalist. Wer zahlt, schafft an. Ich liebe das.“

und erleben Ferdinand Ebner hautnah in seiner ungebrochenen Aktualität
„Dass Politik eine Behinderung geistigen Lebens ist … (ESI, 327)

… und ich verändere das Statement von 1976

„Wo das Wort nicht in die Sprache kommt, regiert Gewalt; regieren Hybris und Gewalt.

  Danke Dr. Hemel.
 
 

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Abbildung 2: Schautafel der Ferdinand Ebner Ausstellung, kuratiert von Dr. Herbert Limberger
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  Zum Schluss übergebe ich an Dr. Michael Daishiro Nakajima, geboren in Tokyo:

Gedanken zum Ferdinand-Ebner-Symposion 1981

1981 hatte ich mich noch als Doktorand seit etwa 5 Jahren mit Ferdinand Ebner beschäftigt. Es war daher spannend, neben Professoren wie Bernhard Casper oder Georg Langemeyer zu referieren, die Fachspezialisten für Ebner waren. Gleichzeitig habe ich den Kontakt zu und den freundlichen Umgang mit vielen Wissenschaftler*innen genossen. Es war auch eine besondere Freude, den Sohn des Philosophen, Walter Ebner, kennenzulernen. Er hat sich sogar freundlicherweise die Mühe gemacht, einen Teil meines Promotionsentwurfs zu lesen.
Interessant war auch eine Begegnung mit einem älteren Zuhörer, der bei jedem Referat dabei war. Ich sprach ihn an, weil sein Fleiß mir besonders aufgefallen war. Er sagte mir, dass er aus Lokalpatriotismus dabei wäre. Das hat mich beeindruckt. Das passt zu Ferdinand Ebner, der zu seinen Lebzeiten nicht auf der großen wissenschaftlichen Bühne agiert hat, sondern an der örtlichen Schule unterrichtete. Kommt nicht oft Großes und Bedeutendes von solch kleiner Konkretheit? Hat Jesus nicht auch so gelebt? Jedenfalls schätze ich seither Lokalpatriotismus.
Was das Symposion insgesamt angeht, war mir seine Bedeutung und deren Tragweite für mich offen gestanden nicht sehr präsent. Und auch heute gibt es sicher viele andere Persönlichkeiten, die das alles viel besser und tiefer erörtern können. Aber mittlerweile habe ich die Wichtigkeit des dialog-personalistischen Denkens tiefer verstanden, und dementsprechend auch die Hervorhebung der Werke Ferdinand Ebners. Insofern war das Symposion sicher ein sinnvoller Meilenstein. Denn es hat sowohl die Organisation der Ebner-Forscher*innen als auch die Forschung über Ebner eindeutig gestärkt.
Daher hoffe ich, dass viele junge Forscher*innen diesen Weg weitergehen und den Grundgedanken von „Ich und Du“ vertiefen und verbreiten.

Danke, Herr Dr. Nakajima.

Sie sind DIE Antwort auf meine eingangsgestellte Frage:

Sein-Wort-Liebe: die trinitarische Konsequenz des ebnerschen Denkens. Ihr 500 Seiten Buch, erschienen 2019 im Verlag Herder, trägt den identen Titel. Im Vorwort schreiben Sie: „Meine Berufstätigkeit, Familie und Kampfkunst Aikido haben es mir nicht erlaubt, die Arbeit fortzusetzen. So verstaubte sie 30 Jahre in der Schublade. Erst der Eintritt in das Rentenalter ermöglichte es, dass ich die 200 Seiten wieder aus der Lade holte.“ Danke auch, dass Sie im Schlusskapitel „die Trinität im fernöstlichen Geistesgut“ eine Brücke zum Fernen Osten bauen und dass sie die ZEN-Literatur ins Literatur-Verzeichnis aufgenommen haben, weil einige „Ebnerianer“ Zen praktizieren.

 

Die nächste Wochenschau ist
Frau Marie Ebner, geb. Mizera, zum 40.ten Todestag gewidmet.
Bleiben Sie dran!

Es gab 1981 noch weitere Ebner-Tagungen, in der Rothmühle Schwechat und
im Neukloster Wiener Neustadt, wo auch Prof. Fellerer vorgetragen hat.

Wenn ich genügend gute Unterlagen dazu sammeln kann,
widme ich diesen Tagungen auch gerne eine „Wochenschau“.

Also, bitte helfen Sie mit!
limberger@ferdinand-ebner.at

Abbildung 3: Das (Ebner) Feuer brennt, Gotthard Fellerer, Wiener Neustadt

Marie Mizera > Marie Ebner

Je me ne rebelle pas

Die letzten Referenten des Symposiums waren aus Gablitz noch nicht abgereist, als uns berichtet wurde, dass die Gattin von Ferdinand Ebner gestorben ist (Sonntag 15. November 1981 nach kurzem schweren Leiden; Parte).
Ich habe miterlebt, wie sie in alle Vorhaben (Symposium, Ausstellung, Spezialabende, …) und Vorbereitungen eingebunden war.
Noch im Mai 1981 war sie bereit für ein Gespräch in ihrer Wohnung bzw. Filmaufnahmen auf dem Friedhof in Gablitz (Brief vom 8.5.1981, Walter Ebner an mich).

Ich habe für die Ausstellung kein Dokument oder Buch ohne ihre Einwilligung erhalten.

Abbildung 1.: Grab am Friedhof in Gablitz

Frau Ebners Weg führte von Unterthemenau (heute Ortsteil von Breclav) über Ringelsdorf (heute Marktgemeinde Ringelsdorf-Niederabsdorf) nach Gablitz.

Abbildung 2.: Marie & Ferdinand Ebner
Am besten können Ferdinand Ebner und die Enkel über Frau Mizera berichten.
Ferdinand Ebner aus dem Tagebuch 1923 und Tagebuchzitate aus Kösel II


Zum 7. Oktober 1923
An diesem Tage wurde ich, in der Piaristenkirche in Wien, um halb 3 Uhr nachmittags, mit der Mizera getraut.

Sonntag, 28. Oktober 1923
Gestern bezogen wir unsere neue Wohnung, d. h. meine alte, die jetzt neu eingerichtet ist. Mein Arbeitszimmer habe ich herüben beim Klebl, im ehemaligen Zimmer meiner Frau.

7. Dezember 1923
Die Mitzi war gestern beim Arzt: Ein Kind ist auf dem Wege.
Donnerstag, den 26. November 1925 übersiedelten wir - nach anderthalbjähriger Wohnungsnot - aus dem Baumgartnerhaus in die Swobodavilla.
Heute 28. wurden wir mit der Einrichtung der neuen Wohnung fertig.
Und jetzt stehen wir freilich vor den für unsere Einkommensverhältnisse nicht geringen Schulden.

Dienstag, 3. März 1931
Zum ersten Mal in diesem Jahr auf dem Pailerstein. Mit Frau und Kind. Noch immer viel Schnee.

Abbildung 3.: Ein Beispiel der damaligen Preise 4.1.1924; Rechnung für Lehrer Ebner
Abbildung 4.: Anna und Marie mit Ihrer Mutter
Nun sind die Enkel am Wort:

Die Familie von Marie Mizera lebte in Mähren, in Lundenburg, das in der Monarchie zum Bezirk Mistelbach gehörte. Die Familie war nicht wohlhabend, sie wurde obendrein von einem schweren Schicksalsschlag getroffen.
Marie Mizera, sie war gerade 9 Jahre alt und ihre jüngere Schwester Anna, verloren ihren Vater, einen Volksschullehrer, nach langer Krankheit.

Abbildung 5.: Schule und Kirche in Unterthemenau

Die Mutter zog die beiden Mädchen allein auf.
Sie ermöglichte Anna eine Ausbildung zur Handarbeitslehrerin. Anna bekam 1914 in Ringelsdorf eine Stelle als Kindergärtnerin, heiratete einen Gendarmariebeamten und bekam 1927 einen Sohn.
Marie wurde von ihrer Mutter trotz der prekären finanziellen Verhältnisse eine Ausbildung zur Volksschullehrerin ermöglicht. Nach Absolvierung der Lehrerbildungsanstalt kam sie die ersten Dienstjahre nach Grillenberg (16km von Waldegg entfernt) und von dort nach Gablitz.

Ferdinand Ebner aus dem Tagebuch 1918:
Die Mizera versorgt mich mit „ungesetzmäßigem“ Brot. 3.4. ließ mir wieder einen halben Laib Brot zukommen, echtes Kornbrot – das bedeutet freilich inmitten des allgemeinen Maisbrotjammers ein Fest. 4.4. Abends brachte mir die Mizera zum Klebl 1/2l Milch. 18.4., 1/2l Milch. 30.4. Heute Kornbrot und Speck 4. 5. Nach dem Mittagessen war ich bei der Mizera auf Palatschinken, Pfingstsonntag 1918. zum Abendessen.10.6.

Die Enkel:
Als Lehrerin lagen ihr von Anfang an die sozial schwachen oft unterernährten und unzureichend bekleideten Kinder am Herzen. Sie versuchte, getragen von den eigenen Jugenderfahrungen, so gut es ihr möglich war zu helfen und organisierte Schuhe, Kleidung, Nahrung für die Kinder in der Volksschule. Dies alles zu einer Zeit, wo sie selber gerade genug zum Leben hatte. Auch war es ihr wichtig die Kinder, egal wie arm sie auch waren, nach ihren Fähigkeiten zu fördern und gab ihnen, wenn nötig Nachhilfestunden auch nach dem Unterricht.
Seit 1918 kannten sich Marie Mizera und Ferdinand Ebner bereits und pflegten bis zur Hochzeit eine sehr respektvolle Beziehung, sie sprachen sich mit “Herr Ebner” und “Fräulein Mizera” und mit “Sie” an, wie dies dem damaligen Briefwechsel zwischen den beiden zu entnehmen ist.
Abbildung 6.: Die Enkel mit Dr. Busek Festakt 2019
Abbildung 7.: Gerlinde Thuma- Süß Gablitz „Horizont“ | ein Paar werden:
Es begegnen sich die Horizonte
Ferdinand:
21. Jänner 1920
In der ersten Hälfte des Monats schrieb ich den Aufsatz ‘Das Kreuz und die Glaubensforderung’ für den Brenner.
Die Mizera bemühte sich um die Abschrift. Vorigen Freitag schickte ich ihn nach Innsbruck.

25. Mai 1921
Habe ich mir ja wirklich selber einmal gedacht, daß es mit mir, in dieser Hinsicht, besser stünde, wenn ich die Mizera vor zehn, zwölf Jahren schon hätte, kennen gelernt.
Aber dabei ist es doch eine Frage, was es am Ende genützt hätte, wenn ich sie damals kennengelernt hätte. Ich hätte sie möglicherweise eben nicht kennengelernt.
Und nun aber stehe ich vor einer anderen Frage, deren Bedeutsamkeit als wahre Lebensfrage mir nicht entgehen kann. Nämlich: Will ich ein Kind?

jeweils im August 1922
Am 12. nach Mannersdorf an der Mach. Am anderen Tag kam die Mizera.
Besuch in Ringelsdorf. Am 17. mit der Mizera in Wien.

Als heute vormittags beim Weggehen aus der Schule einige Knaben, sehr gewohnheitsmäßig drängten und stießen, sagte ich scherzend zu ihnen, ich würde nachmittags nicht gerne in die Schule kommen, weil ich froh wäre, sie nicht zu sehen.
Und was antwortet mir da so ein kleiner munterer Frechdachs?
Das is eh nit wahr, sagte er und grinst mich mit breitem Munde vergnügt an.
Das verbuche ich mir als das schönste Erlebnis und Ergebnis in meiner Berufstätigkeit. 13.11.1922

Freitag, 29. Dezember 1922
Nach den Feiertagen war ich in Mannersdorf, gestern mit Schach in Ringelsdorf.

Abbildung 9.: Kirche in Ringelsdorf
Abbildung 8.: Rochuskapelle in Mannersdorf/Mach
Heimatort des Kollegen Schach
Abbildung 10.: Katalog Klassenlehrerin Marie Mizera
Sonntag, 31. Dezember 1922
Mittags fuhr ich nach Gablitz zurück, in Wien mit der Mizera zusammentreffend.

Donnerstag, 8. Februar 1923
Heute habe ich der Leitung des Landeslehrervereins meinen Entschluß, mich freiwillig abbauen zu lassen, bekanntgegeben.
Ein wirtschaftliches Wagnis, über dessen Ausgang ich mir ganz im Unklaren bin.

Die Enkel:
Ferdinand machte Marie einen Heiratsantrag.
Die Eheschliessung fand am 7. Oktober 1923 statt.
Marie war überglücklich, da sie ihn bereits länger sehr schätzte, sie vergötterte ihren Ferdinand und tat alles, dass er seiner Arbeit als Philosoph nachgehen konnte.

Sie nahm ihm alles ab und sorgte aufopferungsvoll für ihn. Ferdinands Gewicht nahm aufgrund seiner Krankheit stetig ab.
Er hoffte mit ausschließlicher pflanzlicher Nahrung gesund zu werden, dies reichte aber nicht aus.
So mischte Marie heimlich Fleisch und Ei in sein Essen, um dem krankheitsbedingtem Gewichtsabfall entgegenzuwirken, trotz der finanziell angespannten Situation jener Zeit!

Der Höhepunkt der jungen Ehe war 1924 die Geburt von Walter Ferdinand.
Ferdinand schenkte ihr zu diesem Anlass ein Marienbildnis.
Walter war der Sonnenschein für die Eheleute.

Schicksalshaft verstarb Ferdinand Ebner 7 Jahre nach der Geburt seines Sohnes, am 17. Oktober 1931.

Marie Ebner musste so, wie ihre Mutter, Walter fortan alleine aufziehen!
Mehrere Angebote, wieder zu heiraten, lehnte Marie Ebner ab, da sie Ferdinand auch nach seinem Tod liebte und verehrte und sein Erbe hochhalten wollte.
So blieb sie von 1931 bis zu ihrem Tod 1981 alleine.

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Abbildung 11.: Marie, Walter und Ferdinand Ebner
Abbildung 12.:
Marienbildnis
Abbildung 13.: Walter und Marie Ebner
Während der Nazizeit war es für sie nicht ungefährlich, sie fürchtete von den Nazis wegen Ferdinand Ebners Philosophie verhaftet zu werden und versteckte seine Schriften am Dachboden. Sie hatte ja auch die Verantwortung für die Erziehung des Sohnes. Walter wurde auch eingezogen. Er wurde in Belgien bei der Detonation einer Granate schwer verletzt und überlebte nur knapp. Marie Ebner erkannte ihren Sohn nicht, als er abgemagert auf zwei Krücken nach Kriegsende vom Riederberg her nach Gablitz zu Fuß zurückkehrte.
1948 heiratete Walter, 1949 kam die erste Enkeltochter zur Welt. Das junge Paar wohnte mit dem Kind bei Marie Ebner. 1956 zog das junge Paar, das die zweite Tochter erwartete, nach Wien. Später kam noch ein Sohn (Enkel) dazu.

Marie Ebner zog dann, bereits in Pension, ebenfalls nach Wien in den dritten Bezirk, zu ihrer Schwester Anna und deren Mann. Annas Sohn war im Krieg gefallen.

Marie Ebner wollte in der Nähe ihres Sohnes Walter und dessen Familie sein, die sie bis zu ihrem Tod unterstützte. Sie lernte mit ihren drei Enkelkindern und war immer für alle da. Bis zu ihrem Tod erzählte sie immer wieder von Ferdinand Ebner, wie sehr sie von seinem sozialen Gerechtigkeitsempfinden fasziniert war.
Wie beeindruckend sie es gefunden hat, dass er trotz eigener wirtschaftlicher Not immer darauf bestanden hat, den Bettlern und den Armen zu helfen. Trotz fortgeschrittenen Alters war sie an allem, was mit Ferdinand zusammenhing, interessiert, immer darauf bedacht sein Ansehen zu wahren.

Marie Ebner zum 80ten Geburtstag in Gablitz mit ihrem Sohn Walter Ebner, dem Gemeindesekretär Fritz Rainer und Frau Hagl (Frau des damaligen Bürgermeisters)

Abbildung 14.:
Fr. Hagl | Marie und Walter Ebner | Fritz Rainer
Abbildung 15.: Brief an den Direktor 1957

Nach dem Tod des Schwagers, dem Mann von Anna, lebten die Schwestern von 1967 bis 1980 alleine.
1980 verstarb Anna und 1981 Marie Ebner. Sie wurde im Grab von Ferdinand Ebner beigesetzt.
Man kann zu Recht sagen, dass unsere Oma ihr Leben Ferdinand Ebner gewidmet hat.

Quellen:
Historische Fotos aus dem Archiv der Familie Ebner | Abbildung 2, 4, 11, 12, 13, 14 ;
Fotos & Scans Limberger | Abbildungen 1, 3, 5, 8, 9, 10, 15 ;
Foto Glatzmair | Abbildung 6
Gerlinde Thuma- Süß Gablitz | Abbildung 7

Nächste Woche widmen wir uns den Kolleg*innen und der Schule von Gablitz, die nun als Ferdinand Ebner Volksschule geführt wird. Bleiben Sie dran!
Aus dieser Schule ging Reinhard Süß hervor.
Am Sonntag 14.11.2021 um 11.00 tritt er im Musikverein, Brahmssaal, als Klaviervirtuose auf, zusätzlich wird seine 3. Symphonie uraufgeführt.

200 Jahre Schule Gablitz


Aktuell:
Auf ca. 560 m² verbauter Fläche führen wir zurzeit drei erste sowie jeweils zwei zweite, dritte und vierte Klassen Volksschule. Den SchülerInnen stehen ein moderner Turnsaal (Festhalle), eine Bibliothek, eine eigene Religionsklasse und ein Schulgarten zur Verfügung. (vsgablitz.ac.at)
Ziel und Leitsatz der Schule:

„Von Kindern lernen“

Werdegang:

  • Nach 1800 gab es in Gablitz einen Wanderlehrer.
  • 1821 wurde das erste Schulhaus errichtet (das Gebäude links neben der Kirche) im Geburtsjahr von Dostojewski, Baudelaire und Kneipp.
  • 1894 wurde ein neues Schulhaus am jetzigen Standort gebaut (einstöckig).
  • 1909 vergrößert, da die Kinderzahl stark gestiegen war. Dieses Gebäude ist in seiner baulichen Form bis heute erhalten geblieben, natürlich mehrmals renoviert.
Abbildung 1: Lehrerkollegium; Schulchronik
Als Ferdinand Ebner im Oktober 1912 nach Gablitz versetzt worden war, kam er in eine neue, große Schule.
„Daß ich es hier sehr bequem habe, erzählte ich dir bereits.
Ein paar Schritte in die Schule, in der ich mich immer freue, wenn ich hineinkomme, so schön ist sie eingerichtet.
Mit dem Oberlehrer bin ich bis jetzt sehr gut ausgekommen“.

(Brief Ebner>K 7.11.1912,KöII)

Ein besonderes Jahr

Aus Ferdinand Ebners Gablitzer Schulzeit habe ich hier das Jahr 1922 ausgewählt, weil es ein Besonderes war.
Im ersten Halbjahr 1922 gibt es nur sporadische Tagebucheintragungen, etwa eine pro Monat. Im zweiten Halbjahr 1921 hatte es überhaupt keine gegeben!

Für diese Zeit resümiert Ebner:

Sommerferien 1922
Nach was für einem Schuljahr! Bin ich denn überhaupt noch imstande, fernerhin meine Berufstätigkeit auszuüben?
Urlaub so lang als möglich und schließlich vorzeitige Pensionierung – aber da müßten Schritte getan werden, von mir getan werden.
Das ist ja tatsächlich der Bankrott meiner Existenz, nicht nur als Volksschullehrer, bis jetzt noch nicht nach außen hin sichtbar.
Aber das wird er in Kürze sein, im Herbst schon. Die provisorische Schulleitung übernehmen – ?

Anmerkung:
Das bis jetzt nur teilweise der Öffentlichkeit zugängliche Tagebuch betreffend 1922 ist in der 2.Jahreshälfte 1922 sehr stark von Schule und Schulgeschehen bestimmt:

Abbildung 2.: Die benachbarten Gräber der beiden Lehrer, historisches Foto; Sammlung Dr. Herbert Limberger

Der Chef
8. September 1922
Merkwürdige Mogeleien des Chefs bei der Auflassung der Parallelklasse.

16. September 1922
Ich hätte es ja dem Chef gewünscht, sein letztes Schuljahr anders beginnen zu dürfen. Und nun begann es mit einer ‘Aussprache’, die ihn, der augenblicklich seinen ganzen Lehrkörper gegen sich hat, freilich nicht angenehm sein konnte. Mir sind solche Menschen wie er total unbegreiflich. Denn ich begreife es nicht, wie ein Mensch imstande ist, das Geistige in sich selbst so absolut zu verleugnen, auf jeden Achtungsanspruch so zu verzichten ganz und gar um des Bedürfnisses willen, für den Augenblick, wenn auch in noch so schmählicher Weise, „Herr der Situation“ wenn schon nicht zu sein, so doch zu scheinen. –

24. Oktober 1922
Konferenz. Beschäftigte mich als Sprecher eines Protests des Lehrkörpers gegen den Pfarrer Gumpold und als Referent über die Schülerbeschreibungsbögen.
Es ist wirklich traurig, daß in Österreich die Schulreform von „pädagogischen Charlatanen und Hochstaplern“ gemacht wird. Was nützt alle Psychologie, und zumal eine aus langweiligen Büchern geschöpfte, ohne die Liebe zu den Kindern? Und wozu hätte die Liebe zu den Kindern die Psychologie nötig? Der Lehrer Sailer hat das beste Wort über die Schulreform gesagt: Die einzige wirkliche Schulreform, das ist die Liebe zu den Kindern.

Der Pfarrer

Abbildung 3.: Ferdinand Ramler, Schach, Gumpold, Marie Ramler

16. September 1922
Ansprache des Gumbold heute morgens vom Altar aus an die Kinder:
Wie kann ein Mensch, der in seiner persönlichen Ohnmacht vor der seelischen Großmacht des Kindes einem neunjährigen Buben blutunterlaufene Striemen schlägt, die man acht Tage lang noch sehen kann, wie kann er das Wort Christi „Lasset die Kleinen zu mir kommen“ vor Kindern in den Mund nehmen, ohne nicht vor Scham zu stocken in seiner Rede?

Wird da nicht das Wort Gottes zur Phrase?

21. November 1922
Inspektion. Verurteilung des Gumbold.

15. Dezember 1922
Der Lehrkörper hatte heute wieder – zur Freude des Chefs, der dabei natürlich wie immer irgend etwas ‘Persönliches’ zur Austragung zu bringen hatte – ein regelrechtes rencontre mit dem Pfarrer Gumbold. Der Purkersdorfer Kooperator war als ‘Zeuge’ gebeten worden – was gut war.
Denn dieser Pfarrer benahm sich selbstverständlich wieder ganz unglaublich. Er ist einer von jenen peinlichen Käuzen, deren mit Hochmut amalgamierte menschliche Unmöglichkeit Psychologie provoziert– also auch in diesem Sinne ein Verführer zum Bösen.
Es handelte sich um eine Weihnachtsbeschenkung dürftiger Schulkinder, bei der das übliche bürgerliche Wohltätigkeitsschaustellungsbedürfnis mit dem pharisäischen Verhetzungsgeist, der die geistloseste Politisierung des Geistigen ungeniert mit Religion und Christentum identifiziert, in einen derartigen Knäuel sich verwirrt hat, daß sich niemand, auch nicht der Purkersdorfer Kooperator, auskennt.

Anmerkung:
Gablitz ist erst 1937 eine selbständige Pfarre. Bis dahin wurde Gablitz von Purkersdorf aus mitbetreut.

Der Ebner
12. September 1922
Als ich in Wien auf der Lobkowitzbrücke stand, fiel mir in einem sehr bestimmten Gefühl der Gedanke zu, Gott werde mich auch eines Tages der Last meines Schuldienstes – und für mich ist mein Beruf eine Last – entheben, wenn einmal die Zeit dazu gekommen ist. Das war wohl nur für einen Augenblick, aber das Gefühl war sehr bestimmt und lebhaft.

Anmerkung:
Die Lobkowitzbrücke ist eine Verlängerung der Meidlinger Hauptstraße über der Wien.

17. September 1922
4h morgens: beschäftigt mit dem Entwurf eines Vortrages über sexuelle Aufklärung für die A. G.

5. Oktober 1922
Es drängte sich mir der Gedanke auf:
es sei mein Beruf, Schauplatz zu sein des Kampfes zwischen dem ‘Sinn des Wortes’ und dem Geist der Kirche (da es ja überhaupt zum Menschen gehört, der Kriegsschauplatz des Geistes zu sein), und daß, in gewissem beschränktem Maße wenigstens, die restitutio des Wortes in integrum die Aufgabe meines Lebens ist, wenn es in Gottes Willen beschlossen ist, daß ich überhaupt etwas auszurichten habe in der Welt neben meiner Tätigkeit als Volksschullehrer, die auch als solche recht wenig bedeutet, viel jedoch für mich, wenn mir Gott die Gnade gibt, die Kinder liebzuhaben.

26. September 1922
Gestern und heute den Vortrag über sexuelle Aufklärung, der nun nicht in der A.G., sondern im Purkersdorfer Elternabend gehalten werden soll, noch einmal durchgegangen.
Dieser Elternabend soll am 11.November, also vor dem (damaligen) Staatsfeiertag sein.

Der Millionär
Ein Exkurs über Inflation > Hyperinflation

28. September 1922
Seltsamer Gang der Geschichte:
Volksschullehrer werden ‘Millionäre’.
Gilt heute auch von mir.

21. September 1922
das neue Buch von Kraus: 66.000 K(ronen)
Vorgehabter Besuch in der Buchhandlung Kravany aus ‘finanziellen Gründen’ unterblieben.

Anmerkung:
Die jährliche Verbraucherpreisinflation eskalierte nach Kriegsende weiter. 1919 lag sie bei 149 %, 1920 bei 99 %, 1921 explodierte sie auf 205 % und 1922 auf 2.877 %. Insgesamt erhöhte sich das Verbraucherpreisniveau zwischen 1914 und 1922 um mehr als das 5.000-fache; zwischen 1914 und 1924 um knapp das 14.000-fache. (OeNB)

2021 Inflationsrate in Österreich: August 3,2 %, Oktober 3,6 %( Statistik Austria)
Hyperinflation: September 1921 bis August 1922.

Auch das Geld, das Bruder Hans aus Australien geschickt hatte, wurde ein Opfer der Inflation
Dienstag 14. Oktober 1919
Brief aus Australien: Hans schickt Geld nach Österreich, wovon 10 Pfund Sterling für mich bestimmt wären.

9. Dezember 1919
Gestern Nachmittag bei Karl Heller wegen des Geldes von Hans, das die Bank endlich auszahlt.
Durch die fünfwöchentliche Verzögerung ist der Betrag um nahezu 25% angewachsen.

11. Dezember 1919
Karl Heller zahlte mir die 4983 K(ronen) von Hans aus.
Einkäufe – wahnsinnige Preise in Allem.

18. Dezember 1919
Heute in Wien, Weihnachtsbesorgungen, dabei gab ich über 1000 K(ronen)aus. Freilich, was sind 1000 K bei den gegenwärtigen Preisen der Dinge.

22. Dezember 1919
Heute Morgens endlich war ich soweit, an die Erledigung meiner Korrespondenzen zu gehen, an die Anna (Schwester in Zürich) zu schreiben, um mich für die 1000 K zu bedanken, die am Freitag angekommen waren (um nun mit zwei anderen Tausendern – wann hab ich jemals so viel Geld besessen? – in meiner Schreibtischlade auf den Staatsbankrott zu warten).

Auch Ludwig Ficker und „Das Wort und die geistigen Realitäten“ litten unter der Inflation:

Wissen Sie: daß ich Ihr Werk nicht gleich schon vor einem Jahr in Druck gegeben habe, war eine kapitale Torheit.
Heute beläuft sich der Voranschlag eines Werkes von ca.250 Seiten im Format und mit dem Papier des Brenner, Auflage 2000, auf 98.000 Kronen, reine Herstellungskosten.
(Brief Ficker > Ebner, 30.10.1920)
Exkurs-Ende

11. Oktober 1922
Heute war ich meinen Kindern in der Schule gegenüber nicht so, wie ich hätte sein sollen. Das muß gutgemacht werden.

13. November 1922
Seit Allerheiligen verbrachte ich meine schulfreien Stunden in großem Müßiggang (den ich mir aber in keiner Weise übelnahm), fast nichts anderes lesend als ukrainische Novellen und Geschichten von Gogol – mit viel Bewunderung für die grandiose ursprüngliche Erzählkunst. Die Idylle von den Gutsbesitzersleuten aus alter Zeit. Die Kosakengeschichte vom Taras Bulba – stellenweise homerisch anmutend.

24. November 1922
Von dem, was ich in der Schule mache, schlecht und recht, und wirklich mehr schlecht als recht, rede ich lieber nicht.
Natürliches Lehr- und Unterrichtsgeschick habe ich nicht.
Meine Tätigkeit als „Schriftsteller“ – das ist eine besondere, eine eigentümliche Sache.

Abbildung 4.: Kleine Katze -große Künstlerin Ilvy 1. Klasse VS, © 2021

5. Dezember 1922
Heute doppelte Nikolofeier.
Nachmittags in der Schule – nun, da gab es ein schreckliches, ohrenbetäubendes Geschrei. Abends in der Symbiose (Ebner, Schach, Mizera).

Die Gremien:
24. Oktober 1922
Konferenz

24. November 1922
Ausschüsse (mit Wortspielereien)
Er ist auch im Ausschuß, aber hoffentlich nicht als Ausschuß.
Sitzung der A.G. in Purkersdorf. Die Komödie der Ausschuß- und Obmannswahl.
Gewählt wurde der – Ausschuß. Und auch der Obmann gehört zum Ausschuß. Ist es der Mühe wert, für diese Menschensorte die Formel zu finden? Ihrer politischen Gesinnung nach, die ja doch irgendwie auch der wesenoffenbarende Ausdruck ihres Denkens und Seins ist, ist sie gern großdeutsch. Wie lange da der Atzinger, der doch ein Brennerleser wäre, mittun kann, weiß ich nicht. Er ist auch im Ausschuß, aber hoffentlich nicht als Ausschuß.
Obmann zu werden hat er abgelehnt. Schließlich bin ich mir auch über den Dir. Caulerio sehr klar geworden. Vielleicht ist er sich dessen bewußt und vermied es, heute mit mir zusammenzustoßen.
Das Referat im Purkersdorfer Elternabend erspar ich mir also.

Fazit:
jetzt erst, mit 40 Jahren, verstehe ich so recht das Gefühl, in dessen Bann ich vor 20 Jahren immer gestanden war, wenn ich so in eine Lehrerversammlung, sei es die eines Vereins gewesen, oder am Kaffeehaustisch, oder bei offiziellen Anlässen, geraten war. Wie gut hatte es sich gefügt, daß mich die Aufforderung der Organisation, die Funktion eines Rechtsschutzreferenten im Bezirk zu übernehmen, in einem Zustande getroffen hatte, der mich zu einer Ablehnung zwang.
In unserem Berufe gibt es nur ein schönes Moment und das sind die Kinder. Spät erst bin ich auf das gekommen. Jetzt aber denke ich sehr ernstlich daran, die nächst beste Gelegenheit zur Pensionierung zu ergreifen.

3. Dezember 1922
Elternabend
Den Vortrag auf dem Purkersdorfer Elternabend habe ich mir doch nicht erspart. Heute habe ich ihn gehalten. Einmal ‘entgleiste’ ich: Der Schulmeister schlug mir ins Genick. In freier Rede exponierte ich mich zum letztenmal.

Abbildung 5.: Die Christusfrage , Ferdinand Ebner eigenhändig mit späteren Vermerken

Aus Tafel XVI der Ausstellung Ferdinand Ebner Leben und Werk, derzeit Brenner-Archiv

Am 1. Jänner 1923 blickte Ebner auf das Jahr 1922 zurück:
„wohl als das bedeutsamste“ vor allem weil es „anders geendet als begonnen hatte“.
Begonnen: den Atem raubt (Brief an K 6.1.22); fatal (Brief an Ficker 16.1.22), fast lebe ich von Stunde zu Stunde und weiß nicht mehr weiter (Brief an K 11.3.), ich kann mich zu nichts aufraffen (Brief an K 12.5.), jetzt wo ich 40 Jahre alt bin an meine Pensionierung denken?
(Brief an K 15.6.)

Highlights: Kraftquellen in der 2. Jahreshälfte:
Vom 23. bis 30. Aug. in Mühlau, tagüber Fickers Gast, nachtüber im Dachstübchen im Weberhaus.
Den im Herbst verunglückten Aufsatz über die Christusfrage , vier Tage in der Loggia sitzend vom Morgen bis zum Abend arbeitend, gerettet. Der die Umarbeitung entscheidende und beschließende Gedanke war mir, fast wunderbar plötzlich, am 19. abends nach dem Abendessen gekommen.

24. September 1923
Mit den Rainerleuten in Mannersdorf. Schach zappelt, schreit, rennt. Der Rainer entbindet seinen Humor: Wir haben viel gelacht.

Ein zweites Werk konnte Ebner vollenden:
Am 8.9.1922 an Ficker gesendet; dann überarbeitet und am 15.10. 1922 wieder nach Innsbruck geschickt: Ärgernis der Repräsentation.

Anmerkung:
Demnächst werden im LIT Verlag die „Brenner-Aufsätze“ erscheinen (K. Skorulski und R. Hörmann als Herausgeber) mit einem umfangreichen Vorwort von Julio Puente Lopez.

Puente Lopez hat sich 2018 einem Interview gestellt.
Dazu „reisen“ wir in der nächsten Ausgabe der „Wochenschau“ nach Madrid.

Bleiben Sie dran!

Quellen:
Historische Fotos & Scans Abbildungen 1, 2, 3, 5 | Dr. Herbert Limberger
Abbildung 4.: Kleine Katze - große Künstlerin | Ilvy 1. Klasse VS, © 2021

Advent des DU

Adviento del TÚ

 


Unser Lockdown könnte auch eine gute Seite haben:
Zeit zur Besinnung, zum Hören (des Wortes), zum Staunen, zum Riechen (der Weihnachtsbäckerei), zum Vorausdenken, zum Zurückschauen, zum Innehalten: ein Wort zum DU, damit ich ICH werde.

Abb. 1: Plaza d España, Madrid mit Cervantes-Denkmal, historisches Foto
Wir nützen das und reisen in Gedanken nach Madrid, wo seit letztem Montag die Plaza d España nach zweijähriger Umbauzeit wieder geöffnet ist, wo das 106 Jahre alte Denkmal für den Nationaldichter, Miguel de Cervantes, steht.
Dort treffen wir Dr. Julio Puente-Lopez, der schon 2017 die 100 Jahre von „Das Wort und die geistigen Realitäten“ mit seinem Buch „Un paso adelante“ gefeiert hat.

Wir kommen überein, zum heurigen Adventbeginn unser Interview aus 2018 in der „Wochenschau“ zu bringen.

Interview mit Julio Puente López
von Dr. Herbert Limberger in Madrid,
Ende Oktober 2018
Sie haben ein Buch über Ferdinand Ebner geschrieben. Worum geht es?

Mein Buch “Ein Schritt vorwärts. Hundert Jahre mit Ebner“ (Un paso adelante. Cien años con Ebner. Cristianismo, cultura y deseo, ACCI, Madrid 2017) geht den Fragen nach, ob die heutige Kultur eine menschliche Kultur ist, ob die Kirche in manchen Bereichen vom Evangelium entfernt ist, ob unsere abendländische Zivilisation noch eine Zukunft hat.
Hat der französische Philosoph, Michel Onfray, (Jahrgang 1959) Recht, wenn er von Niedergang (Décadence. Vie et mort du judéo-christianisme) spricht?

Missverstehen wir das Christentum – wie zu Ebners Zeit?

Wie vor hundert Jahren: wieder sind Nationen am Krieg in Syrien und Afghanistan beteiligt, in denen das Kreuz ein Symbol der Gottesliebe ist.

Abb. 2: Dr. Julio Puente López
Abb. 3: Ebner-Bücher von Puente López

Sie meinen, Ferdinand Ebner hat der Welt noch etwas zu sagen?

Ja. Ferdinand Ebner hat der heutigen Welt viel zu sagen. Ich hatte mir am Anfang einen anderen Titel für mein Buch ausgedacht: “De Ebner a Aleppo“. Aleppo in Syrien, die Stadt der Märtyrer, als Symbol des menschlichen Wahnsinns, wie Verdun vor hundert Jahren.
Ebner hat uns ganz deutlich in Erinnerung gebracht, was Christsein bedeutet: Uns einander lieben, einander leiden können.
Der Krieg ist die Verneinung der menschlichen und christlichen Werte.

Warum dann nur 1 und nicht 100 Schritte?

Dass wir in 100 Jahren nur einen Schritt vorwärtsgegangen sind? Das war nicht meine Idee. Dass wir 100 Jahre nach Ebners Werk nicht stehen bleiben dürfen, das ist meine Idee.
Wir müssen einen Schritt vorwärtsgehen. Dieser Schritt sollte stark, gewaltig, ungeheuer sein, aber keine Revolution. Diese braucht es nur in unseren Herzen. „Un paso adelante“ ist nur ein Bild.

Danke für diese Erklärung. Der Welttag der Philosophie im November wendet sich speziell an die Jugend. Können Ebners Gedanken die Jugend von heute ansprechen?

Nicht nur Gedanken von Ebner könnten die Jugend ansprechen, sondern seine ganze Lebenseinstellung.
Ebner hat den Mut gehabt, selbstständig Wege zu gehen.
Das Weltbild wird nicht mehr vom Staat oder von der Kirche vorgegeben. Jeder muss selbst, wenn auch im Dialog mit den anderen Menschen, sein Weltbild und einen Sinn im Leben finden.
In “Wort und Liebe“ können wir dafür sehr schöne Gedanken finden. In unserer Welt der Zerstreuungsindustrie dürfen wir, zum Beispiel, diesen Gedanken Ebners nicht vergessen:
“Man kann doch die heranwachsende Jugend nicht immer mit Phrasen hinhalten, man muss ihr doch einmal auch einen Lebensinhalt bieten“. Und im nächsten Absatz:
“Man denke nur an das Problem des Krieges. Oder an die „soziale Frage“.

Sie haben junge Leute unterrichtet. War Ihnen Ferdinand Ebner eine Hilfe?

Meine Schüler an staatlichen Schulen waren Gymnasiasten, also 15-18 Jahre alt. Ja, Ebners Denken und Weltbild hat mir, als Lehrer, sehr viel geholfen. Besonders wichtig scheint mir seine Deutung des Menschen zu sein, seine Anthropologie.
Für Ebner bedeutet Mensch sein: im Verhältnis zu Anderen existieren.
Rücksicht, Respekt der verschiedenen Persönlichkeiten der Schüler, Fleiß, Hingabe, Interesse für die Probleme jeder Person waren wesentliche Maßstäbe in diesem schwierigen, aber wichtigen Beruf.

Wie sind Sie als Spanier auf Ferdinand Ebner gestoßen?

Schon als Student der Theologie habe ich mich für das dialogische Denken, für den Personalismus, interessiert. Zuerst an der Gregoriana und danach an der Accademia Alfonsiana.
Bernhard Häring (+1998) war einer meiner Professoren. Er hatte Ebner gelesen.
Das dialogische Denken durch Häring, Ratzinger, Küng, Rahner und andere Theologen hatte eine entscheidende Rolle im „Zweiten Vatikanum“ gespielt.
Meine Meinung:
Ohne Ebners Werk würde das Konzil nicht so oft von den „Zeichen der Zeit“ gesprochen haben. Die Lehre der Offenbarung als Dialog zwischen Gott und dem Menschen hat etwas mit Ebner zu tun. Darauf machte uns Helmut Krätzl in seinem Buch „In Sprung gehemmt“, aufmerksam. Ebner war, wie Jürgen Moltmann („Theologie der Hoffnung“) sagt, „der geheime philosophische Anreger der modernen Theologie“.
Mein Dissertationsvater, ein Professor aus Italien, hat mir einige Namen für meine Arbeit vorgeschlagen. Ich habe Ebner gewählt. Über sein Werk schrieb ich meine Doktorarbeit „Etica personalista. Una interpretación de la obra de F. Ebner“. (Rom, 1975).

Hatten Sie eine Übersetzung ins Spanische zur Verfügung?

Leider nicht. Es gab keine.
Prof. Alfonso López Quintás hat mir mit der deutschen Bibliographie geholfen. Er hatte nach dem Ersten Welt Krieg, in Wien Ebner gelesen. Eine gute Hilfe als Einführung war sein Buch, “Pensadores cristianos contemporáneos“, (Madrid, 1968). In diesem Buch schreibt er über Häcker (+ 1945), Ebner, Wust (+ 1940) Przywara (+1972) ein Pole und Zubiri (+1983) ein Spanier.
Für die deutsche Sprache hatte ich immer schon eine Vorliebe. Kardinal Höpfner, München, hat mir mit einem Stipendium geholfen, dass ich im Goethe-Institut in Deutschland die deutsche Sprache vertiefen konnte. In diesen Jahren habe ich sehr viel Literatur, Philosophie und Theologie auf Deutsch gelesen. Als ich mir Ebners Werke gekauft hatte, die drei Bände von Franz Seyr (Kösel), war ich in der Lage, zumindest das Wesentliche von Ebner zu verstehen. Natürlich nicht ohne Mühe. Ebners Gedankengang ist nicht immer einfach. Ich habe wieder viel von meinem Deutsch vergessen.

Gibt es eine interessante Übersetzung der Werke von Ferdinand Ebner ins Spanische?

Es gibt eine Übersetzung ins Spanische von “Das Wort und die Geistigen Realitäten“ (“La Palabra y las Realidades Espirituales. Fragmentos pneumatológicos“, Caparrós Editores, Madrid 1998).
Eine viel bessere Übersetzung, allerdings ins Italienische von Paul Renner (“La Parola e le Realtà Spirituali. Frammenti Pneumatologici“, Edizioni San Paolo, Edizione a cura di Silvano Zucal, 1998. ), lesen viele gebildete Leute in Spanien und Lateinamerika.
Noch eine gute Übersetzung ins Italienische fällt mir ein: „ La Realtà di Cristo“, Prefazione di Silvano Zucal. Morcelliana, 2017 (Die Wirklichkeit Christi).

Welchen Einfluss hatte und hat Ferdinand Ebner in der „Hispanidad“?

Der Einfluss von Ebners Denken auf die philosophische Anthropologie, die Ethik, die Theologie, die soziale und politische Moraltheologie ist groß.
Der Einfluss von Ebners Werk ist da, in Spanien und in ganz Lateinamerika.
Allerdings wissen nicht alle Autoren, woher dieser Einfluss kommt. Ebners Botschaft ist:
Lebendiger Glaube in Tat und Liebe. Wie sollen wir das verstehen? Man braucht nur das 14. Fragment zu lesen, wo Ebner, ohne Erwähnung, Mt 25, 31-46 zitiert und umschreibt.

Exkurs:
Diese Stelle war das Evangelium vom letzten Sonntag in der katholischen Kirche.
Hungrig, durstig, obdachlos, nackt, krank, gefangen. Und alle fragen: WANN habe ich dich als solche/n gesehen? Ende des Exkurses.

Im Tagebuch 1918 schreibt er: “Du willst satt werden und lässt einen neben Dir hungern?“
Für Helmut Krätzl ist die „Bekehrung“ der lateinamerikanischen Bischöfe zur „Option für die Armen“ eine von den wichtigsten Früchten des Konzils (S. 160 seines Buches). Sicher hat man oft die Theologie der Befreiung missbraucht und missverstanden und so war es sehr schwer in Lateinamerika der „sozialen Frage“ eine Lösung zu geben. Vergessen wir nicht diesen Satz von Ebner in Wort und Liebe: “Der „Marxismus“, dessen Macher keine Arbeiter waren und sind, hat die soziale Frage als Konjunktur ausgenützt. Das wird sich einmal rächen, wie sich die soziale Blindheit des Bürgertums rächt“.
In der Tat, Ebner hat vieles gesehen (verstanden) und daher vorausgesehen.

Gilt das auch für Ebner in der portugiesisch-sprachigen Welt?

Sicher ist Ebner in vielen Universitäten und Priesterseminaren von Portugal und Brasilien bekannt, wie auch in vielen Universitäten von Kolumbien, Mexico und Argentinien.
Ein Beispiel: Ein Teil meiner Arbeit wurde 1984 in der philosophischen Zeitschrift der Córdoba Universität, Argentinien, veröffentlicht (in Cordoba, wo Österreich Deutschland besiegt hat). Und gestern habe ich von einem Autor aus Venezuela, der in Chile tätig ist, über Internet eine Nachricht erhalten. Er hat über Martin Buber geschrieben und Ebner zitiert und wollte mehr über Ebner wissen.
Auch Leonardo Boff, aus Brasil, wird viel gelesen. Er kannte das europäische Denken, das dialogische Denken und den Personalismus von Buber und Ebner, sehr gut (Boff hat 1970 in München seinen Doktor gemacht).

Kommen wir zurück zu Ihrem Buch:

„Un paso adelante“. Ja, man muss vorwärtsgehen!
Aber, aber: Die klerikale Kirche beschäftigt sich immer noch mit Formalitäten, Riten, pompösen Versammlungen, und einer unwissenschaftlichen Idee der Sexualität, die, wie in Ebners Zeit, wenn Ebner über die Homosexualität schrieb (der Fall Sch.), bei S. Freud und A. Adler endete.
Das war die Psychologie zu Ebners Zeit, die von psychischen Störungen sprach.
Aber die Psychologie ist seither einen langen Weg gegangen. Die Lehre der Kirche spricht von einer „objektiven sittlichen Ordnung“ und der berühmte Philosoph, Gianni Vattimo, sagte: „Wie konnte ich einer Kirche angehören, deren öffentliche Lehre mich als moralisch verächtlichen Menschen betrachtet?“
Wir müssen auch hier einen großen Schritt vorwärtsgehen. Wahre Religion gibt es nicht ohne Respekt und Gerechtigkeit unseren Mitmenschen gegenüber. Außerdem kann man nicht einerseits die Sexualität als eine Gabe Gottes annehmen und andererseits den Zölibat als eine Pflicht für die katholischen Priester und das Keuschheitsgelübde im Kloster, mit dieser Lehre des Konzils: “Sie sollen aber klar den Vorrang der Christus geweihten Jungfräulichkeit erkennen“ (Optatam totius, 10) verteidigen.
Und was sehen wir? Missbrauch. Lüge. Skandale. Heute wie gestern.

Also doch zumindest 10 Schritte?

Ja, sie haben recht. Wir müssen einen großen Schritt vorwärtsgehen, einen, zehn oder hundert.
Eine Gemeinschaft der Gläubigen, wo Männer und Frauen sich für Junge und Alte, Arme und Kranke einsetzen, ja. Dieser Kirche könnten wir unser Vertrauen schenken.
Die Gemeinde der Gläubigen leidet immer noch unter dem römischen Machtsystem der Kurie.
Papst Franziskus hat eine schwierige Aufgabe durchzuführen. Papst Benedikt XVI hatte es auch nicht leichter.
Wir können etwas tun! Wir alle haben die innere Umkehr nötig.


Waren Sie an Ebners Grab in Gablitz.

Anfang der 70er Jahre habe ich einige Zeit in Wien verbracht.
Diese Reise nach Gablitz war wie ein Höhepunkt.
Gablitz ist eine sehr schöne Gemeinde mit einer wunderschönen Landschaft.

An Ebners Grab beten zu dürfen war wirklich ein Erlebnis für mich.
Es war auch meine kleine persönliche Huldigung.
Ebner hat uns wieder gelehrt, was Christ sein bedeutet.
Ich kann nur dankbar sein.

Ich habe noch einige schöne Aufnahmen, die ich gemacht habe, als Andenken an diesen Tag an Ebners Grab auf dem Gablitzer Friedhof.

Abb. 4: Dr. Julio Puente Lopez vor der Costa Cantabrica ,Santander
© Puente Lopez

Ebners Sprache ist nicht leicht zu verstehen.
Sollte man Ebner „modernisieren“, um ihn leichter zugänglich zu machen?

Interessant wäre eine kleine Sammlung von einfachen Gedanken, die alle verstehen können.
Es gibt viele schöne Gedanken, kurz und deutlich, in “Wort und Liebe“, auch in Ebners Tagebücher. Ich würde Ebners Sprache nicht ändern. Wir dürfen sein Denken nicht entkräften.

Gibt es derzeit Forscher in der Hispanidad, die sich mit Ebner befassen?

Ich weiß, dass Professor Marciano Vidal, ein berühmter Moraltheologe, eine Geschichte der katholischen Moral Theologie verfasst.
Er sagte mir, dass er über Ebner und seinen Einfluss auf die katholische Moral, auf Theodor Steinbüchel und Bernhard Häring, schreiben will.
(Viele der Bücher von Prof. Vidal erscheinen sowohl in Spanisch als auch Portugiesisch).

Eine persönliche Frage?
Hat Ebner Ihr Leben beeinflusst? Wenn ja, was wollen Sie dazu preisgeben?

Ja, wie kein anderer Denker. Er hat mir geholfen, eine bessere Person, und, ich hoffe es, auch ein besserer Christ zu sein. Ich weiß, dass er als Mensch nicht tadellos war, dass sein Denken unzulänglich sein kann. Sein Schicksal hat mich vieles gelehrt. Sein Beispiel als Mensch, der auch ein guter Christ werden wollte und wirklich, im Grunde genommen, ein guter Christ war, ist einmalig, nicht einfach zu vergleichen. Österreich hat einen großen Lehrer gehabt, der auch ein großer Denker war.
Eines Tages wird der Staat die Veröffentlichung aller seiner Werke finanziell unterstützen. Die Wirkung seines Denkens und seiner Persönlichkeit hat es verdient.

Danke für das Gespräch, Herr Dr. Puente López.
Ich danke Ihnen auch, Herr Limberger.

Persönliche Notizen

Madrid. Was gefällt Ihnen an der Stadt? Was würden Sie ändern, wenn Sie es in der Hand hätten?

Madrid ist wie ein Spiegel, der ein bisschen die ganze Welt reflektiert. Wie fast alle großen Städte. Aber der Spiegel und die Leute sind immer anders. Das ist das Schönste, Madrid ist noch nicht „nationalistisch“. Das gefällt mir, dass Madrid der ganzen Welt gehört.
Was kann man verbessern? Vieles natürlich: die Erziehung in manchen Bezirken der Stadt (bessere Schulen, usw.), die öffentlichen Dienstleistungen, die Preise der Wohnungen, die zu hoch sind ...Den Verkehr (zu viele Autos), die Luft, die Umwelt. Man hat vieles getan, aber man kann immer alles verbessern. Wir hoffen, Madrid wird eines Tages eine von den besten „smart cities“ in Europa sein.

Rom. Könnten Sie sich vorstellen, dort zu leben?

Ja, ich habe sieben Jahre in Rom gelebt, davon viele Monate in Deutschland und Wien. Ich könnte mir vorstellen, wieder in Rom zu leben, obwohl ich kein Anhänger des Vatikanstaates bin. Rom ist eine sehr lebendige Stadt. Und ich mag die italienische Sprache. Ich habe auch ganz nette Leute in Italien kennengelernt.

1970. Ist Ebner damals aktuell gewesen?

Ebner war und ist immer aktuell. Ebner lebte in einer großen Dunkelheit, wie wir auf seinem Grabstein lesen können. Aber er hat, wie Johannes der Täufer, Zeugnis für das Licht der Welt abgelegt. Und deshalb ist er immer aktuell, wie das Evangelium immer aktuell ist. Wie ich gesagt habe, meine Professoren in Rom kannten Ebner.

Karl Rahner. Hat er Ihnen Wichtiges mitgeteilt?

Nur einmal, um ehrlich zu sein. Karl Rahner war sehr nett und hat auf meinen Brief geantwortet. Ich vermutete, dass er vieles von Ebner hatte. Rahner sagte mir, dass er Ebner gelesen hatte, als er in Innsbruck lebte. Ebners Werk hat seine Theologie beeinflusst. Er zitiert Ebner auch. Es waren viele Studenten, die nach dem Ersten Welt Krieg Ebner lasen, sagte Rahner.

Katalonien. Ihr Buch „Cataluña entre la sensatez y el delirio“
Könnten Gedanken von Ebner in der Auseinandersetzung Katalonien - Spanien hilfreich sein?

Viele Gedanken von Ebner könnten hilfreich sein in dem Problem mit den Separatisten in Katalonien. Wie gesagt, ich habe meine Notizen nicht mehr. Aber ich weiß noch immer einige gute Gedanken dazu.
“Der Gott der Deutschen, der Russen, der Briten – das ist nicht der Gott, in dem die Menschen eins sind, das ist der Götze, der sie trennt“. (Tagebuch 1917, Lit Verlag, S 53).
“Der Patriotismus hindert den Menschen, den Krieg als menschlichstes Erlebnis zu erleben. Je weniger patriotisch, je weniger national, umso mehr wird der Krieg rein menschlich erlebt“. (II, Band. Kösel Verlag, S. 409, 1917).
“Der Nationalismus und Patriotismus ist imstande, die Menschen so blind zu machen, dass sie es nicht einmal gewahr werden, wenn die Welt untergeht“. (II, Band, Kösel Verlag, S. 411, 1917).
“Wer das Leben des Geistes lebt, der wird zum „Heimatlosen“ in dieser Welt nach dem Vorbilde seines Herrn“. (Das Wort und die geistigen Realitäten, 18. Fragment, Lit Verlag, S. 186).
Am 31. Oktober 1918 schreibt Ebner: “In der Zeit der Not und Bedrängnis fordern die Völker das nationale Selbstbestimmungsrecht. Welche Nation aber gäbe sich mit ihm zufrieden? Welche Nation nähme nicht darüber hinaus das nationale Vergewaltigungsrecht in Anspruch?“. (Tagebuch 1918).
Katalonien ist keine Kolonie auch kein Volk, sondern eine gemischte Gemeinschaft, mit verschiedenen Sprachen, und Sitten, wie ganz Spanien. Es gibt eine Spaltung zwischen den Katalanen.
Die Separatisten sind an der Macht in Katalonien, in allen Bereichen.
Ebners Werk spricht für die Unterdrückten und Ausgeschlossenen, aber diese sind nicht die Separatisten und Nationalisten, sondern die andere Hälfte der Bevölkerung dieses autonomen Landes, die als zweite Klasse betrachtet werden. Die spanische Verfassung hat, nach Francos Tod, Dialog und Vereinbarung zwischen allen Seiten bedeutet. Sie verteidigt die demokratischen Rechte von allen. Selbstbestimmungsrecht einer Region ist nicht vorgesehen.
Alle Spanier zusammen sind souverän und bestimmen ihre Zukunft für sich allein, nicht jede Region.
Eine Reform unserer Verfassung ist wohl möglich. Man kann in meinem Buch über Katalonien mehr davon erfahren.

Ganz herzlichen Dank, Herr DR. Puente Lopez.

Das war mehr als eine Reise nach Madrid, es war eine Reise durch eine Welt, in der die Sonne nicht untergeht.

Dem von Dr. Puente -Lopez mehrfach erwähnten Weihbischof DDr. Krätzl wünschen wir im nach hinein alles Gute zu seinem 90. Geburtstag.
Und nächste Woche „reisen“ wir nach Wiener Neustadt, natürlich mit der Bahn, so wie Ferdinand Ebner, und zu Fuß von Gablitz nach Purkersdorf. Reisen Sie mit!

Vertiefung zu Ferdinand Ebner und Miguel de Cervantes 1547 – 22.4.1616

Sonntag, 27. Juli 1919
Seit Donnerstag abends bin ich aus Wien zurück und lese im Cervantes.
Zwei Jahre steht er schon in meinem Bücherkasten, aber jetzt erst komme ich, wie man sagt, auf den Geschmack.
Der Don Quixote gehört zu Wolframs Parzival. Unbedingt.
Dass zwischen ihm, der wohl nur aus dem Boden des spanischen Geistes hervor wachsen konnte, und der deutschen Dichtung die Flut der Ritterromane liegt, das ist nur das Historische der Entwicklung. Was im Parzival schon steckt, muss durch diese Flut hindurch, um dann im Don Quixote seinen Sinn zu offenbaren.
Die Antike hat den menschlichen Helden hervorgebracht – im Homer ästhetisch verkörpert. Als sie zusammenbrach, erwuchs auf ihren Trümmern und aus ihren Zertrümmertern heraus, anstelle der Menschlichkeit, die – Ritterlichkeit. Mit der brachte es der abendländische Mensch, freilich über Bürgertum und Kapitalismus hinweg, über Techniker und Händler, schließlich bis zum Unterseebootkrieg, zu Flammenwerfern, Gasbomben und bis zu Geschützen, mit denen man vom Amstetten bis Wien schießt.

Abb. 5: Haus des Cervantes, Madrid Hier lebte und starb Cervantes. © Puente Lopez

Wer hier die Zusammenhänge nicht herausfühlt, dem hat sich noch nicht der Sinn der abendländischen Geschichte geoffenbart, für den ist der Krieg noch immer ein Ereignis, das auch hätte vermieden werden können.
Der Keim des europäischen Wahnsinns der Gegenwart ist schon in Wolframs Parzival zu spüren.

Abb. 6: ©Bleistiftzeichnung Miguel Meixueiro, Gablitz und Vigo

Quellen:
Abbildungen 2 | Dr. Herbert Limberger
Abbildungen 1, 3, 4, 5 |  © Dr. Julio Puente Lopez
Abbildung 6 | ©Bleistiftzeichnung Miguel Meixueiro

Wiener Neustadt


Viele Wege führen nach Wiener Neustadt. Wir wählen Gablitz und Lissabon als Ausgangsorte. Und fangen auf der Iberischen Halbinsel an.

A Anreise / Eleonore
Von Lissabon noch schnell „nach Finisterre in Galicien: Messe, beichten und Kommunion“.
Das Ende der Welt und Umkehrpunkt der Jakobspilger; ca 400 km nördlich von Lissabon.

Abb. 1: WienerNeustadt N.DO.

„Am Tag darauf der Reisesegen, dann noch weitere Vorbereitungen. Am 12.11.eigentliche Abfahrt der Flotte, 5 große Schiffe samt 2000 Mann Begleitschutz.“ Fortsetzung unten.

Ferdinand Ebner hingegen marschierte von Gablitz die 3 km zur Bahn nach Purkersdorf. Ohne Begleitung, aber mit Büchern. Einmal setzte sich ein Zitronenfalter auf das Buch, das er gerade gelesen hat. Elisabethbahn. Straßenbahn. Pottendorfer-Linie oder Südbahn.

11. Februar 1917
Mit Schrecken las ich in den Zeitungen von der bevorstehenden Einschränkung des Wiener Straßenbahnverkehrs, die es mir unmöglich machen wird, nach Neustadt zu fahren.

Wiener-Neustadt, 6. August 1916.
Heute früh nach Neustadt gefahren. Beim Aufspringen auf die Elektrische tret ich auf meinen Regenmantel und reiße ein gehöriges Loch.

Heiliger Abend 1917.
Um 7h ging ich von Gablitz weg, las auf der Fahrt nach Wien hinein vom Beginn der Friedensverhandlungen mit Russland, besorgte dann noch einmal Bonbons für Luise, und war nach 9h am Südbahnhof. Meine Absicht war gewesen, mittags über Pottendorf weiterzufahren, doch fand ich schon im Payerbacher Personenzug ein Unterkommen, trotz des großen Andranges. Das reglementmäßige Frieren im Kupee.

1. Februar 1917
Zur Fahrt von Gablitz nach Neustadt brauchte ich heute beinahe acht Stunden.

1451/52 dauerte die Fahrt zunächst 3, insgesamt 8 Monate.
Lissabon-Gibraltar, Ceuta (Afrika), Marseille, Genua, Livorno, Pisa, Siena.
Seeräuber (vor allem von Marseille bis Genua), Sturm (westliches Mittelmeer und Marseille).

Sturm auch hier. Ebner hörte den Zeitzeugenbericht von Luise Karpischek und stöberte in den Zeitungen:

Dienstag den 11. Juli 1916
Die heutige Zeitung berichtet von einer Sturmkatastrophe, von der Neustadt gestern in den Abendstunden heimgesucht worden sein soll. Schreibt sie wahr, dann muss der Orkan fürchterlich gewesen sein. 60 Tote und 400 Verwundete - das ist vielleicht, das ist hoffentlich übertrieben. Es soll zwischen 3/4 6h und 6h gewesen sein. Um diese Zeit ging Luise vom Bahnhof in die Stadt hinein. Ich bin sehr besorgt um sie.

Donnerstag den 13. Juli 1916
Im Kaffeehaus las ich in ein paar Zeitungen die Berichte über das große Neustädter Sturmunglück. Es handelt sich um einen Cyklon, wie er in unseren Gegenden überhaupt noch nicht aufgetreten ist und der innerhalb von 4 Minuten die ganze Josefsstadt zerstörte. 39 Tote, gegen 100 Schwer- und 200 Leichtverletzte. In der Josefsstadt hab ich einen einzigen Bekannten draußen, den Lehrer Wandl, mit dem im Verein ich vor 10 Jahren die literarischen Festbeilagen der Nachrichten herausgab. Ich glaube, in der gerade am ärgsten hergenommenen Vereinsgasse. Die übrige Stadt blieb nämlich von der Windhose verschont und ein Zeitungsbericht hebt ausdrücklich hervor, dass während des Einbruchs der Windhose über die nördliche Stadt zum Glück kein einziger Eisenbahnzug dort über den Eisenbahndamm fuhr. Das müsste ja ein ganz schrecklicher Zufall gewollt haben, dass Luise oder eines ihrer Angehörigen um diese Zeit gerade im Friedhof gewesen sein sollte.
Bei uns in Gablitz um dieselbe Zeit - wir saßen gerade bei der Abschlusskonferenz - von allem dem nichts als ein ungewöhnlich heftiger, ebenfalls rasch vorübergehender, Staub, Gras und Blätter hoch in die Luft aufwirbelnder Sturmstoß wahrzunehmen gewesen.

Freitag den 14. Juli 1916
Es gehen Gerüchte um, dass hinter dem Neustädter Cyklon nichts anderes stecke als eine ungeheure Explosion auf dem Steinfeld.

15.Juli 1916 Wr. Neustadt
Ist doch Luise selbst gleichsam Augenzeuge gewesen, vom Zuge aus. Sie hat das Aufsteigen der so überaus merkwürdig blauschwarz und violett gefärbten Wolken gesehen, das Aufleuchten jenes Blitzes, der nach einem Zeitungsbericht den Cyklon gleichsam ausgelöst haben soll, und auch die Windhose selbst, zuerst rechts von der Bahn über der Heide, wie eine gewaltige Rauchmasse aussehend, dann links über der Josefsstadt. Es hat also bei diesem Zug nicht viel gefehlt und er wäre mitten in den Cyklon hineingeraten. Ein von Payerbach kommender Zug musste auf der Strecke halten, die Lokomotive wurde beschädigt, der Lokomotivführer schwer verletzt. Meine besonderen Befürchtungen ihretwegen waren nach allem dem also doch nicht ganz unbegründet gewesen. Sie hat auch die Verwüstung sehr bald nach dem Unglück in nächster Nähe gesehen.

Sonntag den 16. Juli 1916
Zweimal kam ich in das Gebiet der Cyklonverwüstungen. Entwurzelte Bäume, abgedeckte Häuser, neugierige Menschen.

Der Tornado wird mit F 4 bewertet.

E Eleonore 1436 -1467 und Luise 1873 - 1954
Am 1.8.1451 wurde Hochzeit in Lissabon gefeiert, Eleonore von Portugal und Kaiser Friedrich III, nicht echt, „per procurationem“. Der Hofkaplan durfte den Vermählungskuss von Friedrich und das Tauschen der Ringe ausführen. Die 15jährige Königstochter war dann auf der Brautfahrt von Lissabon nach Wiener Neustadt. In Livorno kam nur ein Schiff an (die anderen hatte man im Sturm „verloren“). Am 24.2.1452, kam es zur ersten Begegnung zwischen Friedrich und Leonore in Siena mit einer Schrecksekunde: Eleonore viel zu klein. Friedrich viel zu groß. Am 16.3. Hochzeit, am 19.3. Kaiser- und Kaiserinkrönung in Rom, St. Peter, dann weiter nach Neapel, wo Eleonores Onkel Alfonso herrschte, der Friedrich einen „Stubs„ geben musste, sodass am 16.4. die „Ehe vollzogen“ worden ist.

Heiraten? Nein, Jein, Nein. Aus dem Beziehungsleben von Ferdinand und Luise:

Abb. 2: Bildausschnitt Tafel IX . Ausstellung 1981


3. Februar 1918, Wr. Neustadt
Als die Zeit zum Weggehen für mich kam, wurde Luise wieder sehr traurig. Wenn ich ihr helfen könnte – – aber heiraten? Wie darf denn ein Mensch wie ich ans Heiraten denken?

Sa 9. März 1918 Wiener Neustadt,
eben hat es 12h mitternachts geschlagen. Solange blieben wir diesmal auf. Abendessen, Tee, Feier des 18. März, der heuer ja eine besondere Bedeutung zukommt: von nun an gehört Luise die größere Hälfte meines Lebens. „Entspannung“ – – in der sich alle Kraft des Andenkens an eine Heirat verloren hat. Was bleibt mir übrig als ein Kopfschütteln über mich selber?

Zwischen Ferdinand Ebner und Luise Karpischek hatte es am 18.3.1900„gefunkt“, eine Kulturbeziehung. Goethe gelesen und gefeiert. Zu Luise kehrte Ebner aus Gablitz immer wieder zurück. Ihr hat er aus Tagebüchern und aus seinen Fragmenten vorgelesen. Manche meinen, Luise sei Ebners „DU“ gewesen. Begleiten wir die beiden!

Weihnachten 1917
Es ist eigentlich das erste Mal, dass ich den Weihnachtsabend mit Luise verbringe, nämlich allein mit ihr. Seit dem Tag, da ich mich entschlossen hatte, heuer nicht nach Wels zu fahren und mich darauf hin Luise für die Feiertage einlud, habe ich mich auf diesen Abend gefreut. Und nun, da er da ist, bringe ich doch nicht die Kraft auf, seiner so recht froh zu werden. Luise musste sich heuer tatsächlich mit einem Inselbuch als Weihnachtsgeschenk abfinden und mit den zwar sündhaft teuren aber auch ebenso schlechten Bonbons.

Weihnachtstag:
Nachmittags saßen wir beim Ofen und in der langen Dämmerstunde wurde ich sogar für Augenblicke froh. Mittags hatte ich einen Spaziergang über die Promenade gemacht – es sind heuer recht winterliche Weihnachten.

Stefanietag
Mir war im Laufe des heutigen Tages etliche male so zumute, als müsste ich denn doch im Begriffe sein, wahnsinnig zu werden. Insbesondere als in der Dämmerstunde eine übrigens in einer Viertelstunde wieder aus der Welt geschaffte Verstimmung zwischen Luise und mich trat wegen meiner Rückfahrt nach Gablitz.

Morgen des 28. Dezember
Als Luise vorgestern mich drängte, heute erst zurückzufahren, hat sie sich wohl nicht vorgestellt, dass der gestrige Nachmittag oder vielmehr der Abend so verlaufen werde, wie er verlaufen ist. Da war zuerst einmal der Ärger über das dumme Verhalten und Gerede der Betti. Und später entschlüpfte mir dann ein Wort über meine furchtbare, alles lähmende Müdigkeit, angesichts derer ich am Ende doch auf den Gedanken verfallen könnte, der Babnigg sei mit seinem ärztlichen Urteil über den Zustand meines Körpers ein Esel – dieses Wort nun versetzte Luise in eine sehr große Traurigkeit, so dass sie mit Mühe nur das Weinen unterdrückte und vor mir verbarg. Luise weint nicht leicht. Und nichts könnte mir entsetzlicher und furchtbarer sein als sie dem Weinen nahe zu sehen, furchtbar in dem Gefühle der Ohnmächtigkeit meines inneren Lebens, das mich da überkommt. Und so waren wir denn beim Abendessen und beim Tee hernach fast noch stiller als sonst.
Bei dieser immer wieder gefühlten Ohnmacht meines inneren Lebens? Ich muss so weit kommen, mit Luise direkt vom Christentum reden zu können. Ich vermochte das bisher immer nur indirekt. Muss mir das nicht ein Beweis sein, dass mein ganzes Verhältnis zum Christentum kein „existierendes“, sondern ein phantastisches ist? Am Abend desselben Tages. Jetzt bin ich noch immer in Neustadt. Es hatte bis weit in den Vormittag hinein unaufhörlich geschneit und eine Unmenge Schnee dabei herausgeworfen.

29.12.1917
Luise war den ganzen Vormittag sehr niedergeschlagen. Noch einmal drängt sich mir, nach vier Jahren, die Frage auf, ob ich mich nicht doch zur Heirat entschließen sollte (vorausgesetzt natürlich, dass es mir gegönnt wäre, ein Stückchen Zukunft meines Lebens vor mir zu sehen).Aber – von meiner Seite wäre ja doch zu viel „Flucht in die Idylle“ dabei.

Silvesterabend – allein in meinem Zimmer (in Gablitz). Das drückt mich nicht weiter. Vier Jahre verbrachte ich diesen Abend mit Luise, wie jeden andern Abend mit ihr. Ich ließ den heutigen Abend nicht ohne den Anstrich einer gewissen „Feierlichkeit“ vorübergehen: nahm mir eine kleine Flasche besseren Weins mit; von Luise hatte ich ein Säckchen Bäckerei und eine Tafel italienischer Chokolade, ein paar gute Zigarren hatte ich mir gestern noch verschafft – – aber was für eine Verirrung war denn doch das Ganze? Für einen Menschen, wie ich einer bin, ist schließlich aller Genuss des Lebens nichts anderes als eine Flucht vor der Geistigkeit seiner Existenz.

I Ich, Einsamkeit
Viele bedeutende Gedanken hat Ebner in Wiener Neustadt notiert. Einige Beispiele:

18. Mai 1918
Und jetzt ist es inzwischen Mitternacht geworden. Das Wirrsal meines Lebens – – es ist dunkel um mich herum und dunkel in mir. Will ich das Licht, das in die Nacht meines Lebens hineinleuchtete, nicht sehen? Ich habe undeutlich, kaum fassbar das Gefühl eines Verbrechers – – nicht die Leidenschaft in der Zerbrochenheit seiner Existenz macht den Menschen zum Verbrecher, sondern die „Kälte“ – – aber das ist ja alles „vorbeigeredet“ an den fürchterlichen Tatsachen des inneren Lebens – wäre das rechte Wort nicht so etwas wie Erlösung? Denn das Wort, das Geistige im Wort, jenes Wort, das die Wahrheit ist, das ist ja die Erlösung des Menschen – – aber es muss im Menschen lebendig werden – red ich nicht halb im Irrsinn?

28. Juni 1917
Solange der Mensch zu „Gott“ spricht, sucht er noch immer „Gott“ – ist nicht die Sprache aus der „Geistesbedürftigkeit“ des Menschen entsprungen? Im „Worte“ ist das Ich immer auf dem Wege zu seinem Du

Ostersonntag 1918
Kaffeehausnotiz von gestern: Das Geistige im Menschen ist das Ich. Die Wirklichkeit des Ichs ist im Wollen zu suchen (Was will eigentlich das Ich in der geistigen Existenzbestimmtheit seines Grundes und Wesens? Das Du – denn das Ich ist seinem Grund und Wesen nach auf ein Verhältnis zum Du angelegt. Es sucht aber seine geistige Existenzbestimmtheit nicht in seinem Verhältnis zum Du, sondern im Gegenteil, in seiner Abschließung vor dem Du: die geistige Gebrochenheit der menschlichen Existenz, des Menschen Kranksein im Geiste. Die totale Abschließung vor dem Du wäre der Tod des Ichs, der geistige Tod, die geistige Verlorenheit des Menschen). – Die Wirklichkeit des Ichs liegt im volo, nicht im cogito (dem Ich denke liegt das Ich will zugrunde).

Karsamstag 1918
Eine Frage aber taucht mir auf: spielt die „Beziehung des Ichs zum Du“, dieses Wesentliche in allem geistigen Leben, im Musikalischen überhaupt eine Rolle (wenn auch, wie in allem Künstlerisch-Ästhetischen, nur ideelle)??

Ostermontag 1918
Solange man von den Realitäten des geistigen Lebens nichts weiß, ist man niemals davor sicher, das Ästhetische und das Ethische unheilvoll durcheinander zu wirren.

O Orte, Ebner-Orte

Abb. 3: Ebners Eltern: Eintragung der Hochzeit

Kurze Gasse 7
1880 wohnten dort die Eheleute Johann und Anna Ebner mit den Kindern Anna (1868), Johann (1870), Maria (1872), Josefa (1874) und Ferdinand (I) (29.3.1878) und einem 27 jährigen Knecht und einer 20 jährigen Magd.
Ferdinand (I) starb, “Unser“ Ferdinand Ebner wurde am 31.1.1882 in Wiener Neustadt geboren und am 2.2.1882 getauft: Ferdinand, Carl, Eduard.

Abb. 4: Lebensbaum aus Ferdinand Ebner - Ausstellung 1981

Friedrichsgasse (nachdem die Wirtschaft in der Kurze Gasse aufgegeben worden ist)

Kapuzinerkirche St. Jakob erste Beichte, Erstkommunion
Pfarrkirche mit dem Vater; 2.2.1910 Mozartmesse in der Hauptpfarrkirche. Kö II S 558
Meine Neustädterkarte…die mit dem schmiedeeisenen Brunnen aus dem Hofe des Neuklosters,
Zeitlinger, Brief-Entwurf 17.9.1913 Kö III45

Abb. 5: Anschrift von Luise Karpischek auf Brief geschrieben von Ferdinand Ebner

Gasthof Goldenes Kreuz Wienerstr.12 Kaiser Wilhelmstr. Anschriften von L Karpischek

Ins Gröhr, Kapelle mit dem gefangenen Herrgott: Spaziergang
Trampitschhof Mitzi Wohnung.

2. November 1918
Morgens in den Friedhof. Rechnung für dieses Jahr beglichen.

2. Februar 1916
Beim Blumrich (Buchhandlung) Rechnung begleichen. Eine neue Sophoklesübersetzung für mich (auf Rechnung jenes Geldes, das mir die Anna zu Weihnachten geschickt hatte).9.4. Beim Blumrich nachfragen, wo denn die neue Sophoklesübersetzung bleibt. Die Faktura ist schon da, das Buch noch nicht.

1912 hatten wir im Cafe Lehn, das ich seit meinem Austritt aus dem Lehrerseminar regelmäßig besuchte, eine kleine Kaffeehausgesellschaft…lustig, aber zum Ärger der daneben sitzenden guten Bürger.

Karsamstag 1918
Beim Beisteiner gut und nicht zu teuer zu Mittag gegessen.

19. Juli 1917
Um ½ 7h von Neustadt weggefahren, in einem angenehmen Zug. Über dem Flugfeld die Aeroplane wie Heuschrecken.
Mittwoch 18. Juli 17. Marktlärm, Stimmengewirr der Händler aus dem Hof herauf, lang vor 5h morgens schon. Doch brauchte ich davon nicht erst geweckt zu werden. Der „heanzische“ Tonfall –

Dienstag 31. Juli 1917
Um 5 herum das erste Schwalbenzwitschern und um dieselbe Zeit das erste Propellergeräusch, einmal näher, dann wieder ferner: da kreist einer über der Stadt.

2. November.1918
In der Nacht waren Kasernen und Fabriken geplündert worden. Die „rote Garde“ in den Straßen. Die Stimmung ist gedrückt. Alkoholverbot – sehr vernünftig. Torsperre um 6h abends. Von da an tiefe Stille über der ganzen Stadt.

10. Mai 1919
Gegen Abend war ich im Akademiepark, in den ich seit 5 Jahren nicht hineingekommen bin.
Wiener Neustädter Bräuhaus: erste Begegnung mit Hauer
Pfingstsonntag 1918 Abends Spaziergang im Süden hinaus vor die Stadt, dann längs der Akademiemauer zur Neudörfler Straße.

31. Oktober 1922
Nach der Jause Spaziergang längs des Kanals, der jetzt trockengelegt wird, in die Wiesen hinter der alten Nagelschmiede.

6. August 1916
Abends Spaziergang. Im Westen bis fast zu den letzten Häusern, dass man die Ebene vor sich hat, Fischau und die Berge hinten. Der Anblick des Schneebergs, unter besonders günstiger Beleuchtung, mit den „kulissenartig“ gelagerten Vorbergen überaus schön.

16. August 1917
Ich ging nach Katzelsdorf. Der Gang über die Ebene – schön. Dass ich in Katzelsdorf, drinnen im Orte, war, ist wohl schon an die 20 Jahre her. Spaziergang gegen den Wald hin: diese bunte Pracht der Urgesteinsflora an einem Bachrand, auch das alte Bekanntschaften und Jugenderinnerungen - die Hecken, die sich vom Wald gegen die Leitha hinunterziehen und Wege und Straßen umsäumen - viele Freude an allem dem - der Wechsel ganz entwölkt, die Bucklige Welt tiefblau, die Berge vor dem Semmering und dem Schneeberg im Sonnenglanz, über den Bäumen des Akademieparks die Silhouette der Stadt.

28. Jänner 1917
Eine Kindheitserinnerung: ich sitze mit dem alten Schumann in der Nähe der Leitha vor dem letzten Ausläufer der Lichtenwörther Au gegen Neudörfl. Vor uns die Ebene, mit der Pappelallee am Kanal, die Stadt, im Hintergrund die Berge – Sonnenuntergang.
Wiener Neustadt ehrt Ferdinand Ebner mit der Ferdinand Ebner Straße. 2022 soll auch die restaurierte Gedenktafel in der Kurze Gasse wieder angebracht werden.

In der Topothek findet man auch den Ebnerbezug (danke Prof. Pinczolits).

Abb. 6: Ehrung für Ferdinand Ebner; Original im Brenner-Archiv, Innsbruck

Abb. 7: Ehrung für Ferdinand Ebner; Original im Brenner-Archiv, Innsbruck

U Ungarn

Nach der Messe Spaziergang: Gärten der Ungarvorstadt (Ebner in Lebenserinnerungen)

Ebners Mutter stammt als Anna Gosch aus Kleinhöflein in Ungarn

Eleonore sah Wiener Neustadt am 20.6.1452 das erste Mal. Zu dieser Zeit standen Ungarn und Böhmen bereits „in Waffen“. Deswegen schickte sie Friedrich III nach kurzem Aufenthalt in Wiener Neustadt ins sichere Leoben, um sie „den Gefahren der drohenden Belagerung fernzuhalten“.
Zurück in Neustadt gebar sie das erste Kind, Christoph, in der „festen Burg“, da die Gegner einen Überfall auf Wiener Neustadt planten.
„Gegen Matthias Hunyadi, den Corvinen, wurde Friedrich III in Güssing zum ungarischen Gegenkönig gewählt. Dieses Ereignis wurde am 12.3. in Wiener Neustadt festlich begangen“.
10 Tage später brachte Eleonore Maximilian zur Welt. Mit ihm übersiedelte sie bald nach Wien und erlebte dort die nächste Belagerung. Nach dem Korneuburger Frieden, kehrte die kaiserliche Familie im Dezember 1462 nach Wiener Neustadt zurück.
Im Frühjahr 1467 wurde Eleonore noch mit portugiesischen Tänzen erfreut. Am 3.9. 1467 starb sie. „Ihre letzte Ruhestätte fand sie zur Seite der drei frühverstorbenen Kinder bei den Cisterciensern in Wiener Neustadt.“

Im April 1486 griffen die Ungarn, unter König Matthias Corvinus die stark befestigte Stadt an. Mangel an Viktualien/Lebensmittel zwang zur Übergabe der Stadt am 17. August 1487. 

Nach drei Jahren,1490, gelang es Eleonores Sohn, Maximilian I, die Stadt zurück zu erobern.

Maximilian ist in Wels gestorben (1519), Mutter Ebner ebenfalls(1922).Ist sie ebenfalls in Wiener Neustadt begraben? Ebner-Themen für junge Forscher*innen gibt es genug: dazu können sie den Burgstaller-Steiner-Preis für (vo)wissenschaftliche Arbeiten gewinnen!
Nächste Woche gibt es Ebners Büchertisch von 1918. Was begleitete Ebner in dem Jahr, in dem er anfing, die Fragmente zu schreiben? Wühlen Sie mit!

Nachsatz 1:
Am 5.12. vor 230 Jahren ist Mozart gestorben. Im Neukloster ist sein Requiem 1793 „uraufgeführt“ worden (in einer Kirche, bei einer Messe) und Ebner verfiel am 8.6.1919 abends in Wr. Neustadt

„auf die Idee, Mozart zu spielen. Und spielte schließlich nicht schlecht. Mozart, das ist für mich: die Phantasie (in erster Linie), die C-moll Sonate (das Adagio in Es, weil ich das übrige nicht spielen kann), Adagio in Es aus einer andern Sonate, die Sonate in Es mit den 2 Menuetts, ein F´moll Adagio“.

Nachsatz 2:
Gabriele Rangoni: siehe auch KW 40 Klosterruine am Riederberg
1464 war er als Abgesandter von Friedrich III in der Hussitenfrage in Rom.
1469 wurde er Berater und Sekretär vom Matthias Corvinus, nachdem dieser zum König von Böhmen gewählt worden war.
1473 empfahl Papst Paul II Corvinus, den Empfehlungen (Vorgaben) Rangonis im Kampf gegen die Türken zu folgen (um den katholischen Glauben zu verteidigen). Rangoni war seit einem Jahr Bischof von Alba Iulia.
Von 1473-75 war Rangoni neuerlich Berater des Corvinus und wurde 1475 Bischof von Eger.1477 hat er den Frieden von Gmunden zwischen Friedrich III und Corvinus vermittelt. Er wurde in den Kardinalsstand erhoben.
Ferdinand Ebner machte in seiner Zeit darauf aufmerksam, dass Priestersein und Politik nicht zusammengeht.

Quellen:
ferdinand ebner online edition, Universität Salzburg
Franz v. Krones : Leonor von Portugal, Mittheilungen des Historischen Vereins für Steiermark Heft 49 (1902)

Abb. 8: Lissabon © limberger

Büchertisch 1918


Ferdinand Ebner schreibt am 23.1.1919
Ich bin ein Mensch, dessen geistiges Leben faktisch an das „Wort“ und die „Schrift“ gebunden ist.

Sein Büchertisch 1918: Bücher, die ihn zu und mit den Fragmenten begleiteten.

Dieser Tisch ist geteilt in Literatur und Philosophie/Psychiatrie. Die Listung der Autoren folgt der alphabetischen Reihenfolge, nicht dem zeitlichen Eintrag im Tagebuch. Quelle sind die Tagebücher. Handelt es sich um das Jahr 1918, ist die Jahreszahl nicht angeführt, diese ist nur sinnvoll, wenn aus den Jahren 1917 bezw. 1919 Zitate entnommen worden sind.

Die Evangelien und Karl Kraus und die Fackel bieten genug Stoff für eine eigene Nummer der Wochenschau, daher sind sie hier nur kurz angeführt.

Abb. 1: Detail Tafel X der F. Ebner Ausstellung 1981

Litteratur (Ebners Schreibweise)

Aischylos
Gelesen im Aischylos, 12.9.

Altenberg Peter
Der Hauer hat nun auch durch den Loos die Bekanntschaft des Peter Altenberg gemacht. Der soll Verblödung simulieren – simulieren sagt der Hauer, aber ob er nicht recht hat? Die Welt ist eine Komödie, sagt der Altenberg gern – wie alle jene, die das Bedürfnis haben, eine Komödie in dieser Welt zu spielen. Und der Altenberg hat ja schließlich doch der Welt nur eine Komödie vorgespielt, die Komödie eines Dichters. Es mag ihm gut gelungen sein. Dichter wissen freilich nichts vom Ernst des Lebens, aber sie nehmen wenigstens ihren Traum vom Geiste ernst. Und der Altenberg? Der tut ja doch nur so, als nähme er ihn ernst. 7.2.19 Arbeit an den Fragmenten … las ich in Altenbergs Buch Vita ipsa, seinem Letzten. Kierkegaard hat einmal gesagt: Wenn man nicht entweder poetisch oder religiös lebe, lebe man dumm. Nun, dieser Peter Altenberg hat es vorgezogen, poetisch zu leben – dabei aber auch wie kaum ein andrer Dichter verraten, wie in einer solchen Dichterexistenz so gar kein Ernst des geistigen Lebens ist. 7.2.1919

Augustinus
In den Bekenntnissen des Augustinus lesend. 18.4.

Bahr Hermann
... stellt sich’s heraus, daß er (Hauer) seine Abschrift des blauen Hefts – o Jammer – dem Bahr geschickt hat. Das auch noch. Wenn der drauf reagiert – wahrscheinlich wird er’s ja nicht, dazu ist er schon ein in Kultur und Litteratur zu hart gesottener Sünder – so brauch ich nicht länger im Zweifel über den Wert oder Unwert der ganzen Sache zu sein.30.5. Nun hat’s also der Hauer doch so weit gebracht, daß ich meinen Namen auf der letzten Mistablagerungsstätte des ungeistigen Lebens der Gegenwart, natürlich im Tagebuch des Hermann Bahr, erwähnt finde. Ich trage nicht die Schuld daran – umso mehr ist’s ein Omen.9.6.Meinem geistigen Leben, das doch eigentlich auf den „Ernst“ hin angelegt wäre, geht schließlich doch dieser Ernst ab. Hätte sonst der Bahr Notiz von meinen Aphorismen genommen? Ich muß mich wieder in mich selbst zurückziehen, die „objektive“ Gebärde ablegen, zu mir selbst kommen. 13.7.

Achim von Arnim
Und Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn läßt mich hie und da wieder einmal „Poesie“ ungetrübt erleben. Ich fange jetzt erst an, den großen Wert dieses Buches zu ermessen. 11.8.

Büchner Georg
Ich rauchte und seltsamer Weise drängte es mich auf einmal, das Lenz-Fragment von Georg Büchner herzunehmen. Doch las ich nicht lange und konnte hernach noch anderthalb Stunden schlafen. 14.2.

Claudel Paul
Auf den Claudel hat sie (Luise) mich nun doppelt neugierig gemacht. 26.6. Claudels Erkenntnis des Ostens, ein Geschenk von Luise – ?? Ich glaube, ich werde mir aus dem ganzen Claudel niemals viel machen. Und erst recht nichts aus seinem poetischen Katholizismus. Durch einen Gedanken über das Wort bin ich vor kurzem auf ihn aufmerksam geworden. Vom Poetischen her aber wird der eigentliche Sinn des Wortes niemals offenbar. Jede tiefere Spracherkenntnis muß an das Johannesevangelium anknüpfen. 30.6.

Dante Alighieri
siehe September | KW 37,38

Dostojewski Fjodor M.
Gestern nachmittags weitergelesen in Dostojewski (Der) Doppelgänger – mit sehr müdem Verstande. Daher mir auch das Ganze noch sehr unklar ist. Ich glaube, wer diesen Roman nicht mit einiger Überlegenheit des Verstandes liest, der liest ihn überhaupt nicht zu Ende, oder er wird an ihm, bis zu einem gewissen Grad wenigstens, „geisteskrank“. Es liegt etwas Unheimliches in der Art und Weise der Darstellung, die den Leser unmittelbar in das Gedanken- und Vorstellungsgewebe des Irrsinns hineinführt, und es ganz ihm überlässt, einen Standpunkt zu suchen, von dem aus es in seiner Irrsinnigkeit nicht nur im allgemeinen erkannt, sondern auch im einzelnen durchschaut werden könnte. 10.2. Gestern hatte ich eine kleine Erzählung von Dostojewsky gelesen, der Traum eines lächerlichen Menschen. 25.12.

Ewers Hans Heinz
Heute las ich ein Stück aus dem Roman von Ewers!!! 7.4. Beinahe hätte ich im Laufe der vorigen Woche den Roman von Ewers, den mir die Frau Gerber geliehen hat, zu ende gelesen. Aber schließlich ist mir dieses Stück Schundlitteratur für die besseren Kreise doch zu langweilig geworden. Der Roman ist so schlecht, daß man ihn dem Volk der Gas- und Fliegerbomben nicht einmal zum Vorwurf machen kann. Was für Instinkte sind das, die so etwas mit Interesse zu ende lesen lassen? Und lassen sich diese Instinkte durch Bildung ästhetisieren? 15.4.

Die Fackel
Vormittag fand ich Zeit, den “Nachruf” in der Fackel zu lesen – d. h. ich war unfähig, etwas an den Fragmenten zu machen. 29.1.1919 Wer all den geistigen Jammer dieser Zeit mitmacht – und darin besteht ein großer Teil dieses Jammers, daß ihn augenscheinlich so wenige mitmachen – der wird gewiß dem Karl Kraus dankbar sein und jedem Wort in der Fackel. Aber Kraus ist trotz allem doch nicht der Mensch, das rechte Wort über diese Zeit auszusprechen. Denn das vermag nur, wer eine Beziehung zum Christentum hat.

Förster Friedrich Wilhelm
Büchereinkäufe: Försters Weltpolitik und Weltgewissen (eigentlich, weil die Mizera den Wunsch geäußert hat, diese Schrift zu lesen) 15.11. Gestern abends und heute morgens ein Stück in der Schrift von Förster gelesen: so vieles durchaus Richtige ohne Tiefe gesagt. Jedoch für Leute vom geistigen Schlage des Oberlehrers als Lektüre gewiß empfehlenswert – als „Brücke“. Ob diese Leute aber auch über die Brücke drüber gehen ans andere Ufer?

Goethe Johann Wolfgang
Gelesen in Goethes Gedichten, da und dort wie es eben kam festgehalten, geblättert 12.9.

Gogol Nikolai W.
Ukrainische Geschichten von Gogol, 7.5. Büchereinkäufe: Gogols Tote Seelen en passant. 15.11.

Grabbe Christian D.
Des Merkens würdiger: Grabbes Napoleondrama, die Volksszenen mit Interesse, die Schlachtenszenen gelangweilt. 19.7.

Grimm Jakob
Jakob Grimms schöne Vorlesung über den Ursprung der Sprache wird mir jeden Tag bedeutender. Und Grimms überall fühlbare Ehrfurcht vor dem Wort und der Sprache kann ich nicht hoch genug schätzen. 27.6.

Hagenauer Arnold
Gestorben Arnold Hagenauer. Es hat aber einmal eine Zeit gegeben, wo ich seinen Roman Muspilli mit großem Interesse, mit Respekt sogar, gelesen habe. 27.6. Heute vormittags las ich einiges in Hagenauers Perlen der Chloe. 30.6.

Hauptmann Gerhart
In Neustadt. Während der Fahrt und im Laufe des Nachmittags gelesen Gerhart Hauptmanns Ketzer von Soana – das und der Narr in Christo!! – mehr Perspektive! – 27.4. Hauptmanns Narr in Christo 23.7. Der Ketzer von Soana muß ihr (Luise) nicht besonders gefallen haben. Und auf mich hat die Novelle doch einen Eindruck gemacht, was ich hinterher, in der Erinnerung an sie, stärker spürte als während des Lesens.6.5. Mit Hauptmanns Narr in Christo fertig werdend, wohl endgültig, 30.7.

Hellpach Willy , Friedrich Jodl
Hellpach und Jodl wieder auskramend, um über die Sprache nachzulesen. 4.7.

Jacobsen Jens P.
(in Wels bei seiner Schwester Mitzi): Aber hier mag ich Dante erst recht nicht lesen. Da sehe ich einen Roman von dem Dänen Jacobsen herumliegen, Niels Lyhne. Ich nahm ihn gestern zur Hand und versuchte es, eine Weile darin zu lesen. Es ist mir gänzlich unbegreiflich, wie man sich in derartiges hineinlesen kann. Aber ist es nicht noch unbegreiflicher, daß so etwas in der Sprache Kierkegaards nach ihm geschrieben werden konnte? Freilich ist es unbegreiflich – aber solcher Unbegreiflichkeiten ist ja die Welt voll seit mehr als einem halben Jahrhundert. Und darum ist es ganz in der Ordnung, daß sie zugrundegeht. 21.8. (die Gurre-Lieder von Arnold Schönberg sind Jacobsens Gurre-Lieder)

Jean Paul
Nachmittags versuchte ich, Jean Pauls (Das) Kampaner Tal zu lesen, wurde aber nicht fertig damit. 21.8. In der Buchhandlung entdeckte ich den Schulmeister Wuz von Jean Paul für Luise. Den las ich nachmittags durch, vormittags noch das Puppenspiel vom Dr. Faust. 22.8. in Wels. In Jean Pauls Ästhetik lesend, die ich mir gestern aus Wien mitgebracht hatte, einem Wiener Druck aus dem Jahr 1815. Ich fange jetzt an, besondere Vorliebe für alte Bücher zu haben.13.12. Abends, in Gablitz. Gestern noch in Jean Pauls Vorschule der Ästhetik gelesen – mit vieler Freude. Wo sind die Zeiten dieses deutschen Geistes? Wir haben das Jahrhundert seines Untergangs und Zusammenbruchs hinter uns. 15.12.

Kempen Thomas von
Der Hauer hat mir die Nachfolge Christi von Thomas a Kempis mitgebracht, 18.4. Zu wem das ewige Wort redet, der wird vielen Meinungen enthoben. Thomas a Kempis. 8.9.

Kraus Karl
Auf der Fahrt – auch da frierend – las ich in den „Sprüchen und Widersprüchen“ von Kraus. Wie lange schon suche ich nach „meiner“ Formel für ihn. Gefunden hab ich sie noch nicht. Aber heute wurde mir beim Lesen doch eines klar: die ungeheure, ja nahezu absolute Icheinsamkeit dieser Geistigkeit. Spricht dieses Wort überhaupt noch, auch in ideellem Sinne, zu einem Du? Freilich, die Kraft der geistigen Selbstbehauptung dieses „Ichs“ in seiner Einsamkeit, die es nahezu ganz dulos gemacht hat, diese Kraft muß man bestaunen, bewundern vielleicht auch. Das alles aber trifft doch nur das „Negative“ dieser außerordentlichen geistigen Persönlichkeit. Wie aber müßte die Formel für das Positive an ihr ausschauen? 29.3. Karl Kraus die Aphorismen über den Künstler. Alle diese Gedanken sind in der größtmöglichsten Einsamkeit des Ichs zum Wort gekommen, müssen deshalb auch von einem Menschen in der Icheinsamkeit gelesen werden. 1.4 fuhr ich zurück, in der Heineschrift des Kraus lesend. 21.4.Verabredung (mit Hauer) wegen des Besuchs einer Krausvorlesung am Donnerstag. 14.10. Vorlesung höchst unangenehm. Diese knabenhafte Gestalt, dieses knabenhafte Gesicht. Es ist mir jetzt vieles verständlich, nicht nur am Karl Kraus, sondern auch an allen jenen, die für ihn so viel Bewunderung und Verehrung übrig haben. Sein Pathos läßt mich eigentlich kalt – am meisten, wo es schreiend wird. 18.10.

Lenz Jakob M.
Las ich auch in der Soldatenkomödie von Lenz, ein wenig an den Georg Büchner erinnert. Beide: „explosive“ Genies? – mir fällt momentan kein besserer Ausdruck ein als explosiv – ein Merkmal der Jugendlichkeit? Denn ist die Jugend nicht immer explosiv? (explodierte ich, soweit ich überhaupt explodieren konnte, nach innen hinein?) – 3.3.

Mann Heinrich
Gelesen, weil sie gerade bei Luise auf dem Tisch herumlagen, einige kleine, recht nichtssagende Novellen von Heinrich Mann (dichterischer Abgott des Zeitlinger). Berauscht sich da nicht einer an einem zweiten Ideal von Männlichkeit und Weiblichkeit? 19.7.

Nestroy Johann
Im Lauf des Tages im Nestroy – aber ich war und bin geistig zu müde, um mir darüber Gedanken zu machen.25.12. Leise Fiebersymtome sind jedenfalls da. Im Nestroy lesend den Tag verbracht.26.12. Im Nestroy weitergelesen. Nicht im Weimarer Theater unter Goethe, nicht im Burgtheater in seinen besten Jahren, am allerwenigsten in Bayreuth – in der Wiener Volksbühne, aus der Raimund und Nestroy hervorgingen, diese beiden größten Theaterdichter der Deutschen, dort allein hat man das wahre deutsche Nationaltheater zu sehen. 27.12.

Schlegel Friedrich
Schlegels Lucinde 7.11. ein paar Seiten in Schlegels Lucinde. 15.11.

Schnitzler Arthur
siehe Oktober | KW 42

Shakespeare William
Es ist plötzlich kalt geworden. Flucht ins Bett. Gelesen Shakespeares „Maß für Maß“ – nicht ohne die Ahnung der geistigen Größe, die hinter dem Drama steht. Größe und geistige Überlegenheit eines einsamen Geistes. ….Ihre Hervorbringung Zweck des dichterischen Schaffens bei Shakespeare? Die „Persönlichkeit“ Shakespeares ist freilich ein Rätsel und Geheimnis – das aber nicht in litterarhistorischem, sondern pneumatologischem Sinne.3.10.Gelesen Shakespeares Coriolan. Mir ist’s, als finge ich jetzt erst an, die geistige Bedeutung Shakespeares zu begreifen. Seit mir das Wesen und der Sinn der „Icheinsamkeit“ der menschlichen Existenz klar geworden ist. Shakespeare ist ganz und gar Theaterdichter – wie Molière und wie die Deutschen außer Raimund überhaupt keinen haben. Aber seine Geistigkeit geht keineswegs in der naiven Lust am Theater und am Schaffen für das Theater auf. Denn im letzten Grunde dieser Geistigkeit ist Shakespeare mehr als bloßer Theaterdichter. Seine geistige Überlegenheit und Größe wurzelt, denke ich mir in der deutlichen Bewußtheit seiner Icheinsamkeit. (Das Schaffen des Sophokles beispielsweise ruht geistig auf dem Grund und Boden unbewußt bleibender Icheinsamkeit). Bei Shakespeare: Die Buntheit und Mannigfaltigkeit des menschlichen Lebens als „Theater“ schauen. Wäre Shakespeare bloßer Theaterdichter und nicht mehr, so bliebe in seinen Werken für den bloßen Leser nicht viel, zumindest nicht das Beste übrig. Shakespeare auf unseren Bühnen ist ja doch nur ein ästhetisches Experiment (genau so wie die Aufführung der Antigone). Das ist übrigens merkwürdig, daß ich ein paarmal schon gerade im Herbst, im September Oktober besonders gestimmt bin, Shakespeare zu lesen. 8.10.

Strindberg August
siehe Oktober | KW 42

Tolstoj Lew N.
In Tolstojs Tagebuch: „Das Militärwesen ist ein Überbleibsel, das keine Existenzberechtigung hat, es ist eine Art Blinddarm.“ Und gegenwärtig laboriert Europa an seiner Blinddarmentzündung und geht darüber zugrunde. Das Tagebuch von Tolstoj, das half mir auch über den heutigen Vormittag hinweg. 16.6.

Trakl Georg
Georg Trakls Gedichte (für Luise bestimmt) hatte mir schon der Hauer besorgt. Ob er mit seinem verwerfenden Urteil über Trakl recht hat? 22.6. Luise befreundete sich sofort mit Trakls Gedichten, die ich ihr mitgebracht hatte. Also muß doch was dran sein. 19.7.

Der Türmer, Zeitschrift
Leise Fiebersymtome. Im Kaffeehaus in den Türmer hineingeschaut. Das ist die Atmosphäre, in der der Glaube an das deutsche Volk gedeiht, an den eingeborenen Hang des deutschen Geistes zur Metaphysik und dessen Überidealismus. Der Krieg hat ja die Deutschen von heute so recht in ihrem metaphysischen und überidealistischen Hang und Drang gezeigt: furchtbar alberner Aufsatz, in dem die Romantik als Heilmittel in der Not der Zeit empfohlen wird.(national-konservatives Monatsblatt).

Verlaine Paul
Nachmittags waren wir (Luise & ich) auf die Idee verfallen, wieder einmal ein paar Gedichte von Verlaine zu lesen. 30.6.
Vischer Friedrich Theodor
Friedrich Theodor Vischers „Auch einer“: Wie kommt der Roman zu seinem guten Ruf in der Litteraturgeschichte? Über die hinaus freilich drang er kaum. Wer machte die deutsche Litteraturgeschichte? Ein Professor hackt dem andern nicht die Augen aus. Vischer schrieb die „Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen“ auf 926 Seiten in 2487§§ !! – Erledigt 1.11.

Vulgata
Am Donnerstag habe ich mir aus Wien den 2. Teil der Übersetzung des neuen Testaments nach der Vulgata mitgebracht und nun bereits begonnen, mich mit den Paulinischen Briefen zu beschäftigen. 10.2.

Wedekind Frank
Frank Wedekind ist gestorben – auch einer jener, mit denen ich nichts Rechtes anzufangen wußte. Wenigstens nicht mit der Büchse der Pandora, die ich voriges Jahr einmal gelesen habe. 10.3.Wedekinds Kindertragödie, das Frühlingserwachen 13. und 16.6.

Whitman Walt
Nach Wien, im Whitman lesend
(auch ein dichterisches Mißverständnis – wäre so etwas bei den Griechen möglich gewesen?).
11.4. (1819-1892 US-amerikanischer Dichter, der heute noch aufgelegt wird)

Wilde Oscar
Hauer hat mir den Wilde-Band mitgebracht, den der R. sich so lange ausgeliehen hatte. 18.4.

Abb. 2: Blätter & Gräser zu Leaves of Grass Walt Whitman © Dr. Herbert Limberger

Wolfram von Eschenbach
Ich begann Wolframs Parzival zu lesen, den ich mir gestern aus Wien mitgebracht hatte. Wolframs Parzival. ...Doch find ich mich bereits zurecht, auch in der Simrockschen Übersetzung, diesem neuhochdeutsch verkappten Mittelhochdeutsch (oder umgekehrt?). Kann man mittelalterliche Dichtungen ohne die gewisse „romantische“ Stimmungseinstellung überhaupt lesen? 5.1. Morgens las ich bis nach acht Uhr im Parzival. Mehr und mehr mit ihm vertraut werdend. Aber – alles Poetische und Ästhetische wird abseits von den Realitäten unsres geistigen Lebens erlebt. Ich seh das aufs neue. Verschließt sich nicht unser Gemüt in dem Maße, als es sich geistig mit dem Dichterischen einläßt, dem Worte Gottes? Oder ist das nur bei mir der Fall? Erlebe nur ich das Ästhetische als eine innere Entlastung des Lebens, über der der Ernst des geistigen Lebens in uns nur allzuleicht vergessen wird? Seh das nur ich so: daß der „Dichter“ mit diesem Ernst des geistigen Lebens in uns gar nichts zu schaffen hat? 6.1.

Philosophie / Psychiatrie

Adler Alfred
Eine Schrift von Alfred Adler über die (das Problem der) Homosexualität – daß ich doch auch wieder einmal eine psychoanalytische Studie lese.

Fichte Johann Gottlieb
Ich lese jetzt in Fichtes Schrift über die Bestimmung des Menschen. Wie merkwürdig ist doch der Mangel jeder tieferen und ursprünglichen Beziehung des Denkens zum Wort bei Fichte. 21.6. Fichtes Schrift über den geschlossenen Handelsstaat. 22.6. Fichtes Schrift über die Bestimmung des Menschen wird nur mühsam weitergelesen. Sie langweilt mich buchstäblich. Die psychologisch-erkenntnistheoretische Voraussetzung des in ihr vorgetragenen Ethos ist mir gleichgültig. Daß die Sprache eines Philosophen, insbesondere wenn er über so etwas wie die „Bestimmung des Menschen“ spricht, von Pathos getragen wird, liegt nahe. Jeder wahre Philosoph hat sein Pathos und vor allem dann, wenn seine Philosophie ethische Probleme abhandelt. Aber das Pathos eines Redners sollte es nicht haben. Und das hat Fichte. Rednerisches Pathos klingt immer hohl und falsch, auch bei Fichte. Und die Alldeutschen sehen in ihm „ihren“ Philosophen. Was ganz in der Ordnung ist.23.6. In Fichtes Schrift mit etwas mehr Wärme lesend. Daß gewisse Alldeutsche ihn als ihren Philosophen proklamieren, finde ich nun doch nicht ganz in der Ordnung. Ich stieß auf eine sehr „pazifistische“ Stelle. Übrigens: gereichte es einem Philosophen zum Ruhm, mit Recht der „deutscheste“ Philosoph genannt werden zu dürfen?24.6. Lektüre Fichtes Anweisung zum seligen Leben. Ist mir sympathischer als die Schrift über die Bestimmung des Menschen In die Abstraktionen der 8. Vorlesung bin ich noch nicht eingedrungen. Das Ganze aber – ich bin urteilsmüde. 6.8.

Haecker Theodor
Und dann den letzten Teil des Nachwortes von Theodor Haecker zu dieser neuen Kierkegaardübersetzung. Endlich, endlich das rechte Wort – das rechte Wort über den Krieg, den Staat, Max Scheler und über den Deutschen von heute. Ich wußte es ja, daß es Theodor Haecker sein werde, der dieses rechte Wort spricht. Ich wußte es, daß dies ein Mensch sein müsse, der von Kierkegaard herkommt.

Hamann Johann Georg
Spaziergang in die Stadt hinein, en passant Briefe Hamanns. 18.10 Auf dem Weg ins Kaffeehaus las ich im Hamann einzelnes über die Sprache. Den fang ich auch erst jetzt zu verstehen an, indem ich immer mehr geistige Berührungspunkte mit ihm in mir entdecke. Das Wesen des Wortes hat er gewiß vorausgeahnt. Er ist ein gutes Beispiel dafür, daß eigentlich nur der religiöse Mensch tiefer in das Wesen der Sprache einzudringen vermag. Ich muß mich noch viel mit ihm beschäftigen. 7.7.

Hegel Georg W.F.
Mir einige Bruchstücke aus Hegels Philosophie – einem Bande der Deutschen Bibliothek, den mir der Hauer am Sonntag auf mein Ersuchen hin mitgebracht hat – angeschaut hatte. – 31.1. Wien gefahren, frierend. Vergeblicher Versuch, mich im Hegel zurechtzufinden. Ich bin so müde im Geiste, daß ich buchstäblich nicht zwei Sätze durchdenken kann. 2.2.

Jodl Friedrich, Hellpach Willy:
Jodl und Hellpach wieder auskramend, um über die Sprache nachzulesen. 4.7.

Kammerer Paul
Kammerer über das Geschlechtsproblem. 13.6. die zwei Vorträge von Kammerer über Geschlechtsprobleme 16.6.Eine Schrift des monistischen Biologen Paul Kammerer über den Krieg mitgenommen(aus Wien) Donnerstag 28.8.Beschäftigt mit der Schrift von Kammerer. Das geistige Niveau des naturwissenschaftlichen Monismus, des Monistenbundes – tiefer konnte das Geistesleben des 19. Jahrhunderts in seinem Niedergange überhaupt nicht sinken. Dieser Monismus mutet jetzt schon, im Jahr 1918, wie etwas Vorsündflutliches an. Und wir haben die Sündflut, in der die Kultur des Abendlandes zugrunde geht, noch nicht einmal hinter uns. 29.8.

Kant Immanuel
Die Unzulänglichkeit der Kantischen Ethik (ich habe nämlich heute den Versuch gemacht, mich wieder einmal mit ihr zu beschäftigen): Es fehlt ihr der Nerv des eigentlichen geistigen Lebens, und das ist die Liebe. 17.5.

Kierkegaard Sören
Ob nicht am letzten Ende auch sein Christentum an der Klippe der Menschenverachtung scheiterte. Vor einiger Zeit schon las ich, wie er einem Freunde auf seinem Totenbette den Auftrag gegeben habe, den Menschen zu sagen, er habe sie sehr lieb gehabt.
Es drängte mich dann, diese aufgeworfene Frage gewissermaßen wieder zurückzunehmen.
Den größten Teil des gestrigen Tages verbrachte ich eigentlich im Bett, in Kierkegaards Augenblick lesend. 25.5.17 Als ich nach der Jause, in Kierkegaards Krankheit zum Tode lesend, ins Kaffeehaus ging, setzte sich eine Biene auf das Buch. Vormittags las ich Kierkegaards Rede über den Pfahl im Fleische, mit der ich noch immer nichts Rechtes anzufangen weiß, 15.3.17. Ich befand mich wohl in einem Irrtum über Kierkegaards geistige Persönlichkeit, verleitet freilich zu ihm durch manche Äußerung in seinen Schriften, insbesondere den letzten Flugblättern, die ich im Herbst des vorigen Jahres zum zweitenmal las, als ich die Frage aufwarf, ob nicht am letzten Ende auch sein Christentum an der Klippe der Menschenverachtung scheiterte. Vor einiger Zeit schon las ich, wie er einem Freunde auf seinem Totenbette den Auftrag gegeben habe, den Menschen zu sagen, er habe sie sehr lieb gehabt. Es drängte mich dann, diese aufgeworfene Frage gewissermaßen wieder zurückzunehmen. Ich hätte sie in das für Luise angelegte Heft, das mich in den Wintermonaten beschäftigt hatte, gar nicht aufnehmen sollen. 21.5.17 Gespräch mit Deutsch im Lehn
– Kierkegaard aber hat wie kein anderer vor ihm, und darin liegt ja seine einzigartige Bedeutung für das geistige Leben der Menschheit, indem er, als das Genie, das er war, zu jenem ideellen Du im Menschen sprach, immer auch zugleich das konkrete Du getroffen. Und vielleicht liegt gerade hierin mit ein, dann aber für die Menschen nur beschämendes Hindernis für das richtige Verständnis seiner Schriften. (Das alles wurde nun freilich in jenem gestrigen Gespräch mit dem Deutsch nicht gerade gesagt) 16.8. Ein Stück aus Kierkegaards Augenblick– fange ich an, ein vielleicht schon lange mir undeutlich vorschwebendes, aber immer wieder zurückgehaltenes Fragezeichen zu Kierkegaard zu setzen? 8.9.
Abb. 3: Kierkegaard-Band mit eh Notiz von F. Ebner

Mich mit dem Tagebuch Kierkegaards – ich wüßte momentan kein anderes Buch, das ich lieber lesen möchte – faktisch überrascht 24.12.17. Seit gestern abends schon, heute morgens und während des Tages beschäftigte mich Kierkegaards Tagebuch und interessiert mich gar sehr. 25.12.17
In diesen Tagen habe ich wieder einige Seiten in Kierkegaards Krankheit zum Tode gelesen. Das Buch ist wahrhaftig unerschöpflich in seiner Tiefe. Werd ich es jemals ganz und wirklich verstehen? Vielleicht schon deshalb nicht, weil ich am Ende seinen Anforderungen intellektuell keineswegs gewachsen bin. Aber das wäre das wenigste. Denn wer es nur intellektuell verstünde, verstünde es der damit auch schon ganz und wirklich? Man darf jedenfalls das Buch nicht nur „denkend“, man muß es vor allem „existierend“, geistig lebend durchstudieren. Man darf es nicht etwa bloß im Müßiggang des Geistes durchlesen und durchdenken. Verstehen, wirklich verstehen kann es wohl nur derjenige, der die Geistigkeit des menschlichen Lebens im strengsten Sinne des Wortes ernst nimmt, also der religiöse Mensch, derjenige, in dessen Gemüt die Lektüre dieses Buches das Religiöse zu erwecken vermag.
Nicht aber wird das Buch verstehen, trotz allem Scharfsinn und auch aller Tiefe der Auffassungsgabe, der von der Geistigkeit des menschlichen Lebens bloß dichterisch oder metaphysisch träumt oder sie philosophisch erspekuliert.
Alles bloße Träumen vom Geiste und Spekulieren, so sehr dieses auch vom Ernste des Denkens getragen sein mag, hat mit dem inneren Ernst des Existierens, mit dem Ernst des geistigen Lebens im Menschen nicht eigentlich zu schaffen. Von diesem Ernst weiß nur wirklich der religiöse Mensch. 20.1. Heute kam Kierkegaards „Einübung im Christentum“, ein Geschenk von Luise zu meinem Geburtstag. Ich habe mit dem Buch eine außerordentlich große Freude. 18.2.
Im Laufe dieser Woche las ich weiter in Kierkegaard Entweder-Oder, II. Teil.
Jetzt erst die erste Abhandlung über das ästhetische Recht der Ehe, in der ich übrigens den „Ethiker“ meistenteils weniger gut verstehe als in der zweiten Abhandlung, die ich zuerst zu lesen begonnen hatte. Manchesmal fühle ich mich davon, wie das Problem der Ehe behandelt wird, sogar sehr unangenehm berührt. Ich glaube, über so etwas, wie die Ehe – so außerordentlich wichtig auch dieses Problem für das Leben des Menschen in dieser Welt ist – sollte man nicht zuviel Worte machen, ob man nun Ehemann oder Junggeselle ist. Die unbedingte Richtigkeit einer Forderung ist mir gewiß: Daß der Mensch, der geheiratet hat, es versuchen müsse, die Wirklichkeiten des geistigen Lebens in die Ehe hineinzubringen.
Die Erfüllung dieser Forderung schließt aber jedes „erotische“ Verhältnis zum Weibe aus. Denn in einem erotischen Verhältnis hat es der Mensch nicht mit geistigen Realitäten, sondern nur mit der Idee zu tun, nicht mit dem Verhältnis des Ichs zum Du, sondern dem des Ichs zur Idee (projiziert auf das Weib, das in dieser Projektion „entwirklicht“ wird). Es gibt nur eine einzige geistige Basis der Ehe: die Religiosität. Ich sehe nicht ein, wie in der Sphäre des Religiösen das Ästhetische noch zu seinem Rechte kommen könnte. Es ist überhaupt nur relativ berechtigt. Im Religiösen besteht aber diese Relation gar nicht mehr, die das Ästhetische berechtigt erschienen, ließe.9.3.
Und zu lesen hätte ich ja – wieder einen neuen Kierkegaardband, die Stadien auf dem Lebenswege. Den Vormittag verbrachte ich, in den „Stadien“ lesend. 10.3.
„Wunderlicher Vogel! Warum seufzest und klagst Du so? Du wünschest ja doch nur in Deiner Einsamkeit zu bleiben “(Kierkegaard, in den „Stadien“). Das geht auf die Rohrdommel 12.3.

Das las ich gestern bei Kierkegaard in den „Stadien“: „Sein Leiden ist verdient; denn er hat angefangen; u. und indem er anfing, ist er ihr sofort zu nahe getreten, da er die spezifische Eigentümlichkeit einer weiblichen Existenz nicht verstand“. 21.3.
Vor dem Einschlafen in Kierkegaards Einübung im Christentum. Und die große Welt draußen, die an ihrem Untergang arbeitet? 10.7. Dabei entdecke ich einen neuen Kierkegaardband, von Theodor Haecker übersetzt. Konnte ich anders als ihn gleich mitnehmen? Obwohl das ein unvorhergesehenes Attentat auf meine Brieftasche war. 13.8.
gelesen in Kierkegaards Buch über den Pfarrer Adler. Eine jener Schriften – wieviele gibt es denn derer in der Litteratur? – die einen Menschen dahinbringen können, über sich selber nachdenklich zu werden. Die einen dahinbringen können, sich selber zu verstehen. Und das heißt viel. Sich selbst erkennen, wie es die Griechen schon forderten, sich selbst verstehen – ist das so schlechthin ein- und dasselbe? 15.8. Tagüber Kierkegaards Schrift über Adler. 16.8. „Es gehört unleugbar ein starkes Hirn und vor allem eine reichhaltige religiöse Idee dazu, um so im Umgang mit andern Menschen leben zu können, daß man nicht einen Einzigen hat, mit dem man ein einziges Wort wechseln kann über das, was einen selbst am tiefsten beschäftigt.“ Kierkegaard.17.8. Gestern noch Kierkegaards Schrift über Adler zuende gelesen. Ist selbstverständlich noch einmal durchzugehen.19.8.
In diesen Tagen habe ich Kierkegaards „Einübung im Christentum“ gelesen. Augenblicklich bin ich mir über den Eindruck des Buches auf mich gar nicht im klaren. Nur so viel weiß ich: daß ich es, bis jetzt wenigstens, nicht höher zu stellen vermag als die „Krankheit zum Tode“. 21.8.
Gestern las ich die Schrift Kierkegaards über die Frage ob sich ein Mensch für die Wahrheit totschlagen lassen dürfe. 25.8.
Eines ist es, daß ein Leben vorbei ist, ein anderes, daß ein Leben fertig wird dadurch, daß es seine Konklusion bekommt. Kierkegaard. Immer wieder ist es mir so, als ob am nächtlichen Himmel meiner Existenz die Sterne verblaßten, aber nicht, weil im Osten das Licht des Tages aufzutauchen beginnt. Mahnt mich nicht alles um mich herum – und hat mich nicht auch mein letzter Besuch in Wels, der Zustand der Mutter, in fürchterlicher Weise daran gemahnt – daß ich einer großen Nacht und Finsternis entgegenlebe? Mir ist so, es kommt mir so vor – das ist die eigentliche innere Form alles meines Erlebens und aller Erfassung meiner Erlebnisse. Das ist „existentieller“ Skeptizismus, „existentieller“ Mangel an innerer Sicherheit und Gewißheit. 1.9. Morgens gelesen in Kierkegaard Einübung im Christentum, jenes Stück, auf das ich bisher wenig aufmerksam gewesen war. Alle die Tage her viel beschäftigt mit dem Gedanken, die Fragmente über das Wortproblem zu „redigieren“. 21.11. „Daß dagegen ein Mensch durch eine Offenbarung berufen werden sollte, in ungestörtem Besitz dahinzuleben, in einem wirksamen literarischen far niente, momentan geistreich, und darnach Sammler und Herausgeber des Ungewissen seiner Geistreichheit zu sein: Ist ein nahezu blasphemischer Gedanke.“ (Kierkegaard) 30.11.

Kluge Friedrich
– Aus dem etymologischen Wörterbuch von Kluge einiges herausgeschrieben. Gestern fühlte ich mich einer „Entdeckung“ nahe – aber das ist noch lange nicht spruchreif. 24.6.
Neues Testament
Johannes 11 | Sind wir Menschen in unserer geistigen Verlorenheit nicht auch Tote, die durch das göttliche Wort zum Leben auferweckt werden können? 23.1.1919

Platon
Zu der antiquarischen Platonübersetzung von Stolberg kam ich schon zu spät. Schmerzlich. 22.6.
Gestern und heute gelesen Platons Phaidon. Wieder auf eine früher von mir nie beachtete Stelle gestoßen, die die Ehrfurcht der großen Denker vor dem Wort bezeugt. 22.7.

Scheler Max
Auf der Rückfahrt gelesen in Max Schelers Schrift über die Ursachen des Deutschenhasses. 28.4.In Schelers Aufsätzen habe ich auch einiges gelesen. So vieles vortrefflich Gedachte – aber den Militarismus, das Buch über den Krieg kann man dem Scheler denn doch nicht verzeihen. 11.8.


Schelling Friedrich W.
Schelling über die Sprache. Wieder seh ich es: Es gibt keinen tieferen Denker, der nicht Ehrfurcht vor der Sprache hätte. Und keinen, der nicht irgendwie Etymologie betriebe. „Im Lateinischen hat das Wort Geist nur Bezug auf ein Wollen. Vir ingentis spiritus ist nicht ein Mann von mächtigem Verstand, sondern von mächtigem Wollen.“ (Aus den Anmerkungen des Prof. Kuhlenbeck zu einer von ihm herausgegebenen Schrift Schellings).18.10. Schellings System des transzendentalen Idealismus, antiquarisch bei Lanyi – ein alter Schmöcker, erste Auflage 1800. Wo sind diese Zeiten des deutschen Geistes! Soviel ich bis jetzt in dem Buch gelesen habe: dieser hohe Begriff von der Philosophie, in dem es geschrieben ist, dieser genialische Impetus zum Philosophieren, der einen, ich möchte fast sagen, platonisch anmutet. Ich bin sehr froh, daß ich mir gerade dieses Buch nicht entgehen ließ. Einigermaßen „beglückt“ fuhr ich zum Hauer hinaus. Nachts und morgens im Schelling gelesen.

Abb. 4: Detail der Schelling-Ausgabe

Schlaf Johannes
Erwartete ich in Purkersdorf den Hauer, der mit Kerzen, der neuen Fackel und einem großen philosophischen Buch von Johannes Schlaf kam.14.10. Äußerer und innerer Müßiggang des Geistes. Jenes Buch von Johannes Schlaf, das mir der Hauer vorgestern mitgebracht hat – Das absolute Individuum und die Vollendung der Religion – phantastisch philosophische Ausschweifung, deren Titel mehr verspricht als sie hält. Wie kann man über die Religion denken und schreiben, ohne religiös vom Problem der individuellen Existenz ergriffen und erschüttert zu sein? Das Buch ist nicht einmal in seinen offenkundigen Irrtümern tief; ohne die Leidenschaft eines Denkers geschrieben, aber auch ohne die eines religiösen Menschen. 16.10.

Simmel Georg:
Vortrag von Georg Simmel über den Konflikt der modernen Kultur. Dieser Simmel sah eigentlich die Zeichen der Zeit – das Ende des Idealismus – aber wußte sie nicht zu deuten. 7.12.

Abb. 5: Zeichnung Ferdinand Ebner

Weininger Otto:
Weininger wußte nichts von der Liebe, weil er nichts von den Realitäten des geistigen Lebens wußte, weil sein Denken wie aller Idealismus und alle Ethik das Ich nur in seiner Icheinsamkeit verstand. Es ist ganz selbstverständlich, daß er auch nicht die Bedeutung dieser Icheinsamkeit als die „Geisteskrankheit“ des Menschen zu erfassen vermochte. – Das Erotische ist eine Illusion. 31.3.

In Woche 51 betrachten wir mit Ferdinand Ebner das „Vater unser“. Ein schönes Weihnachtsgeschenk. Lassen Sie sich beschenken!

Quellen:
Abbildungen 1-5 | © Dr. Herbert Limberger

Vater Unser

Dynamik der WORT-Werdung


24. Dezember 1918
Ich konnte wieder einmal das „Vater Unser“ in seiner geistigen Unerschöpflichkeit zu Ende beten.

Sonntag 8. Oktober 1922
Ich schlief nur sechs Stunden, wachte um 3 h auf, sehr bedrängt von den Gedanken vom gestrigen Abend über das Problem der Kirche, das sich mir jetzt tiefer als je auftut. In dieser Bedrängnis war es mir vergönnt, das Vaterunser zu beten. Dann stand ich gleich auf und setzte mich zum Schreibtisch.

8.Oktober 1922
Es macht mir wenig, gar keine, Freude, die katholische Kirche anzugreifen. Es macht mir aber viel Freude, etwas ‘Positives’ über das Wort sagen zu dürfen.

8. März 1917
Der Weg des Menschen zu Gott ist wie eine Brücke über den geistigen Abgrund seiner Existenz in der Welt.
Um das Vaterunser im rechten Sinne beten zu können, muss der Mensch innerlich in die Tiefen seines Lebens hinabsteigen. –

November 1916
Die Worte Jesu dürfen nicht „objektiv“ verstanden werden.
Man muss bis zu ihrer subjektiven Quelle in der Persönlichkeit ihres Aussprechers vordringen.
Man muss sich immer vor Augen halten, dass Jesus sie gesprochen hat.
Man muss, um sie recht zu verstehen, an die Göttlichkeit Jesu glauben. Kö II

Abb. 1: Nur etwa 50 Worte schweben beim Vaterunser himmelwärts.

Abb. 2: Der Baum vor dem „Himmel“ aufgenommen in Kaumberg, NÖ

In der Gliederung der Ebner-Zitate folge ich den sieben Vater-unser-Bitten.
Für viele ist zentral, also mittig, die Bitte um das tägliche Brot. Also stelle ich mir einen „Vater Unser“-Baum vor, dessen Stamm diese Bitte ist. Als Äste der einen Seite die Bitten zu Name, Reich und Wille, als Äste der anderen Seite Schuld-Vergebung, „Versuchung“/ „Erprobung“ und Erlösung/Hoffnungsbitte“. Auf die Spitze dieses Baumes setze ich „Vater“ als Erdreich nehme ich das „Amen“.

Dienstag 11. September 1917
Den Gedanken trag ich seit einiger Zeit in mir herum: Daß es vielleicht einem Menschen gerade nur ein einzigesmal, wenn’s gut geht, in seinem Leben gegeben sei, das Gebet, das Jesus die Jünger beten lehrte, im rechten Sinn zu beten;
und alles übrige Beten ist nur die innere, geistige Bemühung des Menschen um diesen rechten Sinn seines Gebets. Was wurde aus dem Vaterunser in den Gebets- und Gottesdienstgebräuchen der katholischen Kirche!

Vater

Fragment 3 S37 Ende
Im Gebet – im „Dialog mit Gott“ – kehrt das Wort dorthin zurück, woher es gekommen ist.
Wenn der Mensch auch nur das erste Wort des Vaterunsers im rechten Sinne betet, dann ist

das „unaussprechliche Geheimnis Gottes“ Wort geworden – vom Menschen aus;

wie es im Leben Jesu, der uns das Vaterunser beten lehrte, Wort geworden ist,
aber von Gott selber aus.

2. Februar 1917
Der Gott der Schlachten, den Kaiser, Kriegskanzler und Heerführer bei offiziellen Anlässen im Munde führen, soll derselbe sein, zu dem zu beten Jesus die Menschen lehrte?

Neujahrstag 1918
Ich versuchte zu beten – aber schon am ersten Wort des Vaterunsers zerbrach mein Geist und zerstreute sich. Ich habe Angst vor all dem, was mich erwartet.

Sonntag, 27. Jänner 1918
Ich glaube, wer auch nur das erste Wort des Vaterunsers, in seiner ganzen Bedeutung
geistig, und d.h. eben nicht nur mit seinem Verstande, sondern mit allen Kräften des
geistigen Lebens in ihm, erfassend, im rechten Sinne denkt, spricht und betet,
der ist geistig gerettet.

Abb. 3: Ebner eigenhändig

14. März 1918
Das erste Wort des Vaterunsers
Wenn das ein Mensch in rechtem Sinne beten will, muss er zuerst sein Kreuz auf sich
genommen haben und zum Nachfolger Jesu geworden sein – – –

(Unendlich schwere Aufgabe für jeden, dessen Gemüt, vom Hochmut des Geistes beherrscht,
noch immer in der Einsamkeit des Ichs befangen ist)

Du bist

Die geistige Bedeutung der Sprache, S785 ebner online
Wie nun im Sinn des Satzes „Ich bin und durch mich bist du“ das Verhältnis Gottes zum
Menschen, so liegt in der Umkehrung „Du bist und durch Dich bin ich“ das des Menschen zu
Gott.
Vom Sinn dieser Umkehrung wird jedes Gebet getragen, und ihn meinen wir, wenn wir das
erste Wort des „Vater Unser“ sprechen.
Im Sinn dieses Satzes ist aber auch der letzte Grund des menschlichen Selbstbewusstseins
und des Bewusstseins, Mensch zu sein, mit inbegriffen.

Im Himmel

3. Oktober 1916
Das Wesen des Menschen: erdgebundene, aber zum Himmel schauende Geistigkeit.
Himmel und Erde, das ist das spezifisch menschliche Erleben der Welt.

27. Dezember 1916
Der Mensch glaubt leichter an das Göttliche in mythologischer Ferne als in menschlicher
Nähe.

Geheiligt werde Dein Name

8. März 1917
Den Namen Gottes heiligen – den unendlichen Wert seiner Existenz in Gott erkennen?
(Denn krankt nicht der Mensch geistig an einer falschen Wertung seiner Existenz?)

Sein Leben in Gott lieben? –

17. Februar 1919
Für die Juden, denen als dem von Gott auserwähltem Volke auch vor Christus ein reales Gottesverhältnis möglich war, war Gott auch in seinem Namen die ‘sprechende Person’. Man achte auf die Tiefe Bedeutung des Wortes Jahwe: ‘Ich bin, der ich war’ –
Nicht substantivisch in die ‘dritte Person’ transponiert: der Ewigseiende.
Jahwe ist das Sich selbst und seine Existenz Aussprechen Gottes und eigentlich nicht der Name Gottes.
Versteht man aber das Wort als Name – als die göttliche Selbstnennung – dann ist es gleichsam ein Nominativ, der eo ipso den Vokativ ausschließt.
Ein Gegensatz zu deus oder Gott, die ursprünglich als Vokativ aufzufassen sind:
Im hebräischen Namen Jahwe hat sich Gott den Juden geoffenbart, in deus oder Gott sucht der Mensch Gott anrufend ihn.

9. Februar 1919
An den Namen Gottes glauben – das hat gerade im Deutschen seinen wahren Sinn.
Gott ist das ‘angerufene Wesen’ (Wz. hu = Götter anrufen). An den Namen Gottes glauben heißt, an Gott als das angerufene Wesen glauben, an das Du des Ichs im Menschen, an seine persönliche Existenz.
Und wenn man der Bitte des Vaterunsers ‘Geheiligt werde dein Name’ diesen Sinn gibt:
Geheiligt werde im Wort und in der Liebe das Du des Ichs, seine Göttlichkeit werde auch im Menschen gesehen – widerspräche das dem Geist des Christentums? Ich glaube nicht.

Dein Reich komme
14. Dezember 1917
Das Reich Gottes ist inwendig im Menschen, heißt es im Evangelium.
Was bedeutet nun dieses „inwendig im Menschen“?
Das Reich Gottes, das ist das Erwachen des geistigen Lebens im Menschen aus seinem Schlummer, das ist die innere Aufschließung des ICHs im Menschen seinem DU gegenüber.

3. Mai 1918
Das Reich Gottes wird von Dir genommen und einem Volke gegeben werden, das Frucht bringt. Wahrlich, die Weltgeschichte hat in den Jahren dieses Krieges das Kreuz auf Golgatha zum zweiten Male aufgerichtet.

Abb. 4: Frucht bringen, aufgenommen in Jequitiba, Brasilien
26. Oktober 1916
Keiner, der seine Hand an den Pflug legt und zurücksieht, ist tauglich für das Reich Gottes. Luk. IX. 62

8. Jänner 1917
Seit heute morgens fühle ich es wieder sehr deutlich, wie ich das Leben eines Menschen lebe, der außerhalb des Reiches Gottes steht.
Gar vieles in mir und um mich herum sollte von mir aus ganz anders sein.

11. Mai 1918
Matt. XVI. 16-19: Dem Menschen, der an Jesus als den „Sohn des lebendigen Gottes“ glaubt, sind die Schlüssel des Himmelreichs übergeben. Auf dem festen Grund dieses Glaubens baut Jesus im Menschen sein Reich des Geistes auf, das die Pforten der Hölle nicht überwältigen werden. Was der Mensch in diesem Glauben auf Erden binden wird, wird auch im Himmel gebunden sein, und was er auf Erden lösen wird, wird auch im Himmel gelöst sein. Dieser Glaube aber ist Gnade. Nicht Fleisch und Blut offenbart es dem Menschen, sondern der Vater, der im Himmel ist.

Dein Wille geschehe

26. Februar 1917
Das Leben des Geistes im Menschen ist ein großes Geheimnis, aber das Vertrauen des Menschen auf die göttliche Gnade ist der Schlüssel im Menschen zu diesem Geheimnis.

6. April 1921
Gestern abends schlug ich das Neue Testament auf und mein Auge fiel auf die Stelle im Johannesevangelium: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: wenn jemand mein Wort befolgt, der wird in Ewigkeit den Tod nicht sehen.
Beim Anblick dieses Wortes fühlte ich mich dem Leben nahe.

12. Februar1919

Jesus zu Petrus: ‘Weiche von mir, Satan, ein Ärgernis bist du mir, denn du sinnst nicht was Gottes, sondern der Menschen ist.’

So 24. Februar 1918
Wir beten im Vaterunser: Dein Wille geschehe.
Was weiß der Mensch vom Willen Gottes?
Er weiß wohl nur in einem einzigen Punkte wirklich um ihn. Und das ist, dass es Gottes Wille ist, dass kein Mensch geistig verloren gehe. Und das Leben Jesu ist ihm die Bürgschaft dafür, dass dies Gottes Wille sei. Hätte Jesus nicht gelebt, so wüsste der Mensch auch in diesem Punkte nichts vom Willen Gottes. Des Menschen Gewissheit aber um den Willen Gottes in dieser Hinsicht ist in seinem Glauben an die Göttlichkeit Jesu, an die Menschwerdung Gottes in Jesus, verankert.
„Objektiv“ hat der Mensch überhaupt kein Urteil über den Willen Gottes, über das, was Gottes Wille sei. Er kann es nur „subjektiv“ haben, d. h., in dem, was ihn selber angeht, und subjektiv auch nur in dem, was irgendwie mit seinem geistigen Heil, mit seiner geistigen Rettung im Zusammenhang steht.
Was brauche ich und was braucht jeder andere Mensch zu wissen? Nur das eine: dass es Gottes Wille ist, mich, wie jeden anderen Menschen auch, geistig nicht verloren sein zu lassen. Daran habe ich mich zu halten.

Im Himmel und auf Erden

Abb. 5: bete und arbeite; aufgenommen in Salvador, Brasilien

14. Dezember 1917
Und das „Wort Gottes“ wird auch bestehen, wenn Himmel und Erde vergangen sein werden.

26. August 1917
Eines aber ist gewiß:
Das ganze Leben des Menschen wird von einem Traum überspannt, vom Traum des
Menschen vom Geiste; in die ganze Lebenswirklichkeit des Menschen ist dieser Traum
hineinverwoben.

In aller menschlichen Lebensgestaltung und Lebensform wird dieser Traum mitgeträumt,

mag sie auch was immer Bezug haben, auf die Regeln des geselligen Verkehrs oder die
verschiedenen Sitten des Essens, ja sogar auch auf menschliche Kleidung und menschliche
Wohnung. In allem dem, mag es auch noch so sehr die Erdgebundenheit unsrer Existenz zum
Ausdruck bringen – und in ihr die „Wirklichkeiten“ unseres Lebens – wird irgendwie über
diese Erdgebundenheit hinaus- und hinweggeträumt.

Gib uns das tägliche Brot

26. Jänner 1919
Ich stecke momentan wieder mitten drinnen in einem großen Überfluss
und das verwirrt mich. Es ist wirklich so: Entbehrung tut mir geistig not.

Mittwoch 16. Jänner 1918
Wer im Überfluss des Lebens dahinlebt
– und ist nicht alles Überfluss, was mehr ist als was der Mensch braucht, sein Leben von
einem Tag zum andern zu fristen? –

kann der das Vaterunser beten, ohne nicht jedes Mal über die Bitte ums tägliche Brot geistig
zu stolpern?

Es ist nur die Gedankenlosigkeit, mit der wohl so oft gebetet wird, was es dem Menschen
leicht erscheinen lässt, das Vaterunser zu beten. Und doch erfordert dies eine große
Anstrengung des Geistes.

29. September 1922
Deine Augen seien auf das Feld gerichtet, wo sie schneiden, und gehe ihnen nach. Ich habe
meinen Knechten geboten, dich nicht anzutasten.
Und hast du Durst, so gehe hin zu den Gefäßen und trinke von dem, was die Knechte
schöpfen. Ruth, 2, 9.

16. März 1918
Zu den Realitäten des Geistes? Man sollte es glauben.

Stelle man eine*n, der meint, aus dem Traum der Menschheit vom Geiste zu erwachen, zu
den Realitäten des Geistes zu erwachen, stelle man die/den vor den Hungernden hin – was
zeigt sich? Dass sie/er keineswegs erwacht, dass sie/er nur so tut, als ob sie/er erwache.

Du hast noch ein Stück Brot, und neben Dir steht eine/r, der keines hat, und Du gibst es
ihr/ihm nicht?


Du willst satt werden und lässt eine/n neben Dir hungern? Und angesichts dieser Tatsache
willst Du weiter vom Geist träumen – oder meinst gar, aus diesem Traum zu den Realitäten des Geistes zu erwachen?

Solange Du noch satt wirst und eine/r neben Dir hungert?? – –

Selbstverständlich geht das alles mich selber an –

Wie will ein Mensch, der seinen Mittagstisch täglich mit den feinsten und teuersten Speisen
besetzt vorfindet, unter denen vielleicht nur eine fehlt: Ein Stückchen schlichten Hausbrotes
- wie will er/sie ehrlich und aufrichtig um das tägliche Brot beten? WuL S67

Vergib uns unsere Schuld

18. September 1918
Muss sich nicht jede/r fragen, wie groß ihr/sein Anteil am Verrat des Judas und der Verleugnung des Petrus sei?

20. Dezember 1918
Die Erkenntnis der Sünde, die es vermeidet, zu einem konkreten Du sich auszusprechen, ist noch immer geistiger Hochmut.
Das alles weiß ich – aber hab ich den Mut und die Demut zur Beichte?
Und gewiß ist in dem Menschen, den ich zum konkreten Du der Aussprache meiner Sündenerkenntnis mache, Gott, wie Gott in jedem ist, den der Mensch mit der rechten, der einzigen Liebe, wie sie Jesus von uns fordert, liebt. Helfe mir Gott, mein Wissen nicht bloß eine Sache meines Denkens sein zu lassen, helfe mir Gott, es zu einer meines Lebens zu machen.

21. Jänner 1922
Unsere Vergehungen, unsere Sünden liegen auf uns, dass wir unter ihnen hinschwinden.
Wie können wir leben?
Sprich zu ihnen:
So wahr ich lebe, spricht der Herr, ich habe kein Wohlgefallen am Tod des Sünders, sondern daran, dass der Sünder von seinem Wege umkehre und lebe.
Kehret um von euren bösen Wegen. Warum wollt ihr sterben? Ez. 33, 10.11

26. Jänner 1919
Die Erkenntnis der “Sünde”, das ist eben die Icheinsamkeit, die Verschlossenheit des Ichs, vor dem Du, vor Gott

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

27. Dezember 1918
Dass der Mensch durch die Forderung, die vom Leben und Wort Jesu an ihn ergeht, bis in die Wurzeln seiner Existenz hinab und die geheimsten Falten und Winkel seines Gemüts hinein beunruhigt wird.

23. Dezember 1916
Der Geist der Lehre Jesu fordert vom Menschen keineswegs eine abstrakte Menschenliebe, sondern die Liebe zum durchaus konkreten „Nächsten“. Die „Menschheit“ - das ist etwas Gedachtes. Der „Nächste“ aber, der wird uns immer irgendwie zum Erlebnis.

Führe uns nicht in Versuchung

Abb. 6: Im Überfluss sich selbst verlieren; Schaufenster in Rom

16. Juli 1917
Im menschlichen Ich ist eine Tendenz zur Zerstreuung und zum Sichselbstverlieren wirksam. Der Raum, die Sphäre, in die hinein diese Zerstreuung, dieses Sichverlieren des Ichs sich vollzieht, ist die „Welt“.

26. Jänner 1919
Der letzte Sinn alles Erkennens ist die Erkenntnis der “Sünde”,
das ist eben die Icheinsamkeit, die Verschlossenheit des Ichs vor dem Du, vor Gott.
In ihr kehrt das Erkennen seine Richtung zur Objektivität hin um und wird subjektiv, denn die Sünde in ihrer Faktizität kann nur subjektiv, vom Menschen in sich selbst erkannt werden.

Das ist die wahre und eigentliche Selbsterkenntnis des Menschen: die Erkenntnis der Sünde. Selbsterkenntnis ist selbstverständlich ohne Selbstbewusstsein und “Bewusst-Sein” nicht möglich.
In der Erkenntnis der Sünde kehrt die Erkenntnis zum Wort zurück. Es soll zu ihm zurückkehren, um im Bekenntnis Wort zu werden.

Abb. 7: Ich-Einsamkeit aufgenommen an der Nordsee

9. Februar 1919
Und habe ich den Mut – oder die innere Demut vielmehr – alles, was gestern nachmittags und heute morgens so ungerecht und so abscheulich in mir sich gegen L. geregt hatte, ihr zu schreiben und sie um Verzeihung zu bitten?

Erlöse uns von dem Übel

23. November 1919
Die siebente Bitte des Vaterunsers richtig verstehen ist Reife für den Geist des Christentums. WuL S75
Wir wollen endlich einmal aufhören, unmenschliche Menschen zu sein.

26. August 1918
Das Böse geht dem „Wort“ aus dem Wege. So wird es zuletzt unsagbar.
Das Wort schafft eine Sphäre des Lichts, in dem das Böse nicht bestehen kann.

1. Juni 1917 bald nach Mitternacht
Liegt nicht gerade in der Besinnung auf das Leben der Sinn des Lebens?
Die menschliche Vernunft ist nichts anderes als das geistige Werkzeug (Organon) dieser Besinnung. Um aber dieses Werkzeug sein zu können, muss sie der Mensch nach innen wenden. Nach außen gekehrt verfängt sie sich im Endlichen des Lebens und zerbricht daran. Nach innen gewendet tut sich ihr die Unendlichkeit des Lebens auf und sie geht in diese ein.

23. Jänner 1919
Sind wir Menschen in unserer geistigen Verlorenheit nicht auch Tote, die durch das göttliche Wort Jesu – dessen, der die Auferstehung und das Leben ist – wieder zum Leben auferweckt werden können? S6 WuL
Wir beten zu Gott in der Zeit und Gott erhört unser Gebet in der Ewigkeit.
Wie nun sollen für unsere menschliche Kurzsicht Zeit und Ewigkeit zusammenstimmen, Gebet und Erhörung sich finden? Die Zeit muss sich klein machen, sie muss sich gleichsam so lange zusammenziehen, bis sie nichts mehr ist als
Gegenwart, konkrete, lebenserfüllte Gegenwart. Eine solche Gegenwart - so paradox das klingt - hört auf, an die Vergangenheit und die Zukunft zu grenzen. Sie füllt das Nichts ihres zeitlosen Raums mit der Ewigkeit aus. Das Gebet, das der Mensch in dieser Gegenwart betet, wird in ihr unmittelbar von Gott erhört. Das Gebet selbst ist auch die Erhörung.
Amen

24. Dezember 1918
Beten können ist eine große Gnade –
- Als ich mit der Elektrischen durch Wien fuhr, dachte ich darüber nach, dass man es keiner/m ansehen könne, ob sie/er nachts gebetet habe. Man braucht es ja auch keiner*m anzusehen, denn wen geht das was an?

13. Juni 1922
Im Gebet hat das Wort den Sinn einer ‘magischen Formel’. Das Gebet wirkt Wunder.

Sonntag 17. März 1918
Ich weiß nicht, wie ich heute nachts darauf verfallen konnte – ich glaube übrigens nicht, daß es frevelhafter Müßiggang des Geistes war, was mich auf diesen Gedanken verfallen ließ – die einzelnen Gebetsworte des Vaterunsers in der „Umkehrung“ ihres Zusammenhanges durchzudenken. Mit Staunen aber nahm ich wahr, daß auch ihrem umgekehrten Zusammenhange ein tiefer Sinn innewohne.

Weihnachtstag 1917
Ich stelle mir vor, daß es Menschen geben kann, die Stunden dazu brauchen, es (Vater unser) vom ersten bis zum letzten Wort zu beten.
Was es mich immer wieder erkennen lehrt:
Dass die Sprache göttlichen Ursprungs ist, dass das Wort von Gott ist. Aber auch: dass Gott selbst zum Menschen kommen musste und ihn das Wort lehren, mit dem er zu ihm spricht. WuL S73
Geh in deine Kammer, wie er selbst einsame Orte aufsuchte, um zu beten.
Geh du aber auch wieder aus deiner Kammer hinaus und falt dein Leben zum Gebet.

Abb. 8: gehe hinaus und ent-falte dich! aufgenommen Nassfeld/Sportgastein

Vertiefung zu „Du bist“
31. Juli 1917
Hier meine gestrige „grammatische Entdeckung“ (daß es mit den drei grammatischen Personen des finiten Verbs, insbesondere beim Hilfszeitwort „sein“, noch eine andere als bloß grammatische Bewandtnis haben müsse):
Ist es wirklich nichts als bloßer Zufall des Sprachgebrauchs und hat dieser Sprachgebrauch nicht doch vielleicht eine tiefere als bloß sprachlich konventionelle Bedeutung, daß im Deutschen die „verbindende Aussageweise“ der 1. und 2. Person des Personalpronomens (Ich sei, Du seist also) aus dem „Sein“-Stamm gebildet und nicht aus dem „Bin“-Stamm des Indikativs? Die Aussage in der 1. und 2. Person ist eine wesentlich andere als in der 3., was eben im Deutschen so schön und deutlich darin seinen Ausdruck findet, daß für die Aussage in der 1. und 2. Person ein ganz anderes Wort als für die in der 3. verwendet wird, bei der Seinsaussage nämlich. Die Seinsaussage in der 3. Person ist Aussage des „objektiven“ Seins (objektiv denken heißt immer irgendwie in der 3. Person denken) und zu ihr dient eben vor allem der „Sein“-Stamm.
Diese 3. Person ist nur eine uneigentliche, gleichsam die unpersönliche Person (das „ist“ sagt immer irgendwie ein unpersönliches Sein aus, nicht nur, wenn es von etwas an und für sich Unpersönlichem, sondern selbst dann auch, wenn es von einer Person ausgesagt wird; die eigentliche Personalität liegt nur in der Aussage der 1. und 2. Person – Persönlichkeit ist etwas „Subjektives“, die Personalsetzung in der 2. Person (die Du-Setzung: Du ist aber das Ich im Andern, im Verhältnis zu mir, dem Ich, dem Persönlichen, in mir) die subjektive Voraussetzung der „Wortwerdung“ (Aussage als Ansprache: das „Du“ ist nicht anderes als die Ansprechbarkeit im Anderen und diese Ansprechbarkeit gehört eben mit zum Wesen der Personalität).
Nach allem dem ist die Seinsaussage in der 1. und 2. Person nicht wie in der 3. Aussage „objektiven“, sondern „subjektiven“ Seins (Ansprache, Ansprechung und Beanspruchung subjektiven Seins, dieses aber ist doch irgendwie „Personalität“). Das Sein in der Seinsaussage in der 3. Person kann immer irgendwie als vom Subjekte des Seins, von dem es ausgesagt wird, getrennt gedacht werden und muß darum auch sprachlich getrennt vom Subjekt ausgesagt werden. Nicht so die Seinsaussage in der 1. und 2. Person, was allerdings sprachlich im Deutschen nicht so schön seinen Ausdruck findet wie im Lateinischen etwa (Ich bin, aber sum, oder vivo, cogito usw.).
Wenn auch nicht sprachlich, wie im Deutschen, so doch gedanklich ist das Ich im Satze (in der Aussage): Ich bin von dem Bin nicht zu trennen und genau so im Ich denke, Ich fahre, Ich lebe usw. Das Wesen der Seinsaussage in der 1. und 2. Person (unmittelbare und gedanklich nicht aufzuhebende Identität des Subjekts der Aussage und dessen, was von diesem ausgesagt wird) besteht eben darin, daß sie die eigentliche Personalaussage ist. Das der Seinsaussage in der 3. Person aber darin, daß diese Aussage des Seins als „Substanz“ ist.
Im Denken in der 3. Person, und das ist also im unpersönlichen „objektiven“ Denken, tritt die Substanzialisierungstendenz des Denkens überhaupt ins Spiel. Substanz, das ist ja nichts anderes als das objektive (unpersönliche, von allen „subjektiven“ Seinsbestimmungen).

Vertiefung zu „ gib uns unser tägliches Brot“
1. August 1917
Das notierte ich mir heute auf der Fahrt nach Wien: Es gibt einen Egoismus, der darin seinen Ausdruck findet, daß ein Mensch alles haben, alles für sich haben will. Das versteht man sofort als Egoismus.
Denn wenn man vom Egoismus spricht, meint man ja gewöhnlich dies und nichts anderes. Es gibt aber auch einen Egoismus, der nichts haben will. Und ein in diesem Sinne egoistischer Mensch ist schon schwerer in seinem Egoismus zu durchschauen. Aber man achte nur auf eines. Ein solcher Mensch vermag sich nicht mit dem guten Gewissen der Liebe beschenken zu lassen. Er hat immer ein schlechtes Gewissen, wenn er beschenkt wird, wenn er Opfer und Hingebung erfährt. Er hat das Gefühl, das Geschenk nicht zu verdienen. Nur die Liebe schenkt (im wahrsten Sinne) – sie aber auch ist es, die sich beschenken läßt, aus der die echte Freude am Geschenk entspringt – nur die Liebe macht den wahren Wert eines Geschenkes und nur die Liebe verdient sich ihn.
Darum nun, im schlechten Gewissen der fehlenden Liebe, wehrt sich ein solcher Mensch gegen Geschenke, darum „will er nichts für sich haben“. Und gerade er wird vielleicht selber viel schenken und hingeben (und so den Schein eines nicht egoistischen Menschen erwecken, ohne ihn gerade erwecken zu wollen) – schenken aber und hingeben ohne rechte Liebe. Und hierin eben kommt der sich versteckende Egoismus wieder zutage. [Was ist übrigens Egoismus überhaupt? Die „Ichhaftigkeit“ schlechtweg unsres Seins, Lebens und Wollens? Oder nicht vielmehr die „Dulosigkeit“ des Ichs, die innere Abschließung unseres Lebens und Wollens vom Du?
Das Untergehen des inneren Lebens im Abgrund des Ichs?] – – Natürlich rede ich in allem dem von mir selber. Ich weiß ja längst, wie bequem es ist, von sich selber in der 3. Person zu reden.

Vertiefung zu „Vergib uns unsere Schuld“
26. November 1917
Die Schuld ist die Innerlichkeit unsres Unrechttuns, unsres Abweichens vom rechten Wege des Lebens. In der Innerlichkeit unsrer Existenz ist es begründet, daß wir überhaupt von einer Schuld des Menschen zu reden vermögen. Aber auch die Strafe für unser Unrechttun tritt zu diesem nicht von außen heran.
Darum sind ja auch die äußeren Konsequenzen unsres Unrechttuns geistig nicht entscheidend. Die Sühne ist der Sinn der Strafe. Ob aber eine Strafe als äußere Konsequenz unsres Unrechttuns auch dessen Sühne ist, das kann wieder nicht anders als innerlich ausgemacht werden. Es ist doch merkwürdig, wie so häufig ein Mensch, der sich selbst vor der Innerlichkeit seines Lebens verschließt, die Bedeutung der Konsequenzen seines Unrechttuns falsch erfaßt.
Sich selbst vor der Innerlichkeit seines Lebens aufschließen – jenes Leben, das so häufig, das vielleicht von Natur aus seinen rechten Weg verfehlt – das heißt auch zur Sühne bereit sein. Die wahre Sühne ist etwas durchaus Innerliches und kann darum wohl niemals durch irgend eine äußere Handlung, ein äußeres Geschehen erzwungen, erreicht werden.

In der KW 52 blicken wir zurück: 2021 und die vielen Feierlichkeiten 1981 samt einer „Wortspende“ von Prof. Methlagl.
Blicken sie mit!

Quellen:
Tagebücher 1916,1917,1918 ebner online edition, Tagebuch 1918 -1923 (nicht vollständig veröffentlicht).
Einige Zitate aus Ebner Schriften, hier als Kö I-III ausgewiesen, für Kösel-Verlag zur Unterscheidung von Ebner-Schriften in ebner online wfe.sbg.ac.at/

Fotos: | © Dr. Herbert Limberger

international - lokal

Vom WORT zum LEBEN


In Zeiten von Alpha bis Omikron können wir nur staunen, was zwischen dem 50.Todestag und 100.Geburtstag von Ferdinand Ebner an Präsenzveranstaltungen in Gablitz möglich war.
Die „Wochenschau“ überbrückt digital den Zeitraum 90. bis 140. Gedenktag von Ferdinand Ebner. Dabei greife ich eine Anregung von DI Dr. Richard Hörmann, Innsbruck, auf, Geschehenes sichtbar zu machen.
Im Wintermantel mischen wir uns am 17.10.1981 unter die Teilnehmer des Fackelzuges zum Gablitzer Friedhof, wo der Kranz auf Ferdinand Ebners Grab niedergelegt wird. Zurück zur Kirche. Wir durchschreiten den Eingangsbereich, der zu Ebners Zeiten die „ganze“ Kirche war.
Damals wollte man eine größere Kirche und engagierte sich im Kirchenbauverein.
Ein Traum war, den Entwurf einer Kirche von Friedrich Schmidt (Wiener Rathaus) im Bereich der Einmündung der heutigen Ferdinand Ebner Gasse in die Hauptstraße zu realisieren.
Durch die politischen Ereignisse und die Geldentwertung wurde dann die alte Kirche zum Eingangsbereich umfunktioniert und dazu senkrecht der heutige Längsbau errichtet.

Stille.
Wir hören:

Hinter jedem Augenblick der Zeit steht die Ewigkeit.
Jene aber merkt es nicht und stiehlt sich an dieser vorbei – als ob es keine Ewigkeit gäbe, als
ob das Nichts der Zeit ohne Ewigkeit überhaupt sich geltend machen könnte.
Die Ewigkeit aber – sie verschluckt die Zeit.

Das lichtgewohnte Auge des Menschen, verfangen in der Dunkelheit der Zeit – es möchte sich verzweifelt schließen.
Da tut es sich dem Licht der Ewigkeit auf, und alle Verzweiflung ist verschwunden.
Sein Blick durchdringt die Dunkelheit der Zeit.

Andacht mit Texten von Ferdinand Ebner 17.10.1981, 50. Todestag, Pfarrkirche Gablitz
Lesung: Dr. Erich Schenk, Wien, Musik: Gustav Mahler, Johannes Brahms

(Manuskript 9 Seiten, Dipl. Päd. Dr. Ingeborg Hegyi, Gablitz, Sammlung Dr. Herbert Limberger)


An diesem (langen) Abend wird im Festsaal der Gemeinde die Ausstellung Ferdinand Ebner Leben und Werk eröffnet.
Dort ist es, Gott sei Dank, geheizt!
Wozu das Ganze? Fragt der Bürgermeister.
Und gibt als Antwort: Leben und Werk des Denkers, Ferdinand Ebner, vergegenwärtigen.
Mit dem Ausstellungskatalog in der Hand folgen wir den 24 Schautafeln und sehen in den Vitrinen Originale aus Ebners Bibliothek. 251 Objekte insgesamt.

Einige Fakten:
Ausstellung in Gablitz 17.10. 1981 – 31. 1. 1982
1983 Erweiterung auf 31 Tafeln
Ausstellung im Wiener Schottengymnasium 17. -31.10.1983
Eröffnung durch Dir. P. Dr. Ferenczy, Festvortrag: Prof. Dr. Wucherer-Huldenfeld
Ausstellung im Tabakmuseum Wien 5. – 15. 9.1985

mit Präsentation des Sammelbandes des Symposiums
2019 wurden einige Schautafeln in Krakau während des Kongresses gezeigt.

Abb 1.: Erste Tafel der Ausstellung 1981
Wir freuen uns über ein paar „freie Tage“ 1981.
Am Symposium 12. – 15.11. 1981 haben wir in der KW 45 schon teilgenommen
und den Wortspenden von
em. Prof. Kampits,
em. Prof. Schulze,
Dr. Hemel und
Dr. Nakajima gelauscht.


Zum Nachklang übergebe ich an em. Prof. Methlagl, Innsbruck:
Abb 2.: Logo des Symposiums 1981
40 Jahre nach dem Ebner-Symposion in Gablitz.
Der Rückblick auf die in dem Band „Gegen den Traum vom Geist“ im Otto Müller-Verlag 1985 veröffentlichten Referate zu diesem Symposion ist für mich auch heute noch sehr bewegend. Meine Erinnerung bezieht sich heute nicht nur auf die Inhalte der Referate, sondern auch auf meine damalige Begegnung und oftmals Freundschaft mit Referentinnen und Referenten. Einige von diesen öffneten mir damals Ausblicke auf zuvor noch nicht erkannte Wirkungen von Ebners Denkweise auf andere geistige und religiöse „Welten“. Ich erwähne hier nur Gerald Stieg, Allan Janik, Jørgen Iversen Jensen, Peter Kampits, Klaus Dethloff, Franz J. Brandfellner, Willibald Feinig.

Besonders beeindruckend ist in meiner Erinnerung das Bekanntwerden mit Rivka Horwitz [1] , zunächst in unserer 1979 beginnenden Korrespondenz, bezogen auf ihren im Jahr zuvor bei einem Martin Buber-Symposion an der Ben Gurion-Universität in Beer Sheva/Israel gehaltenen Vortrag über Ebner und Buber. Ein Jahr darauf kam Frau Dr. Horwitz auf Besuch ins Innsbrucker Brenner-Archiv. In unseren Gesprächen ging es vor allem über Buber und Ebner, deren Verhältnis zu einander niemand besser kannte als Rivka Horwitz. Das führte zunächst zur Übergabe eines Aufsatzes von ihr an mich: „Ferdinand Ebner als Quelle von Martin Bubers ‚Ich und Du‘“, den ich gleich anschließend in den „Untersuchungen zum ‚Brenner‘, Festschrift für Iganz Zangerle zum 75. Geburtstag“ veröffentlichte. Und bald darauf sorgte ich für die Einladung von Rivka Horwitz zum Ebner-Symposion 1981 in Gablitz. Ihr dort gehaltenes Referat, in dem sie auch unseren intensiven Kontakt zur Sprache bringt, bewegt mich heute noch.

Abb 3.: Aufmerksames Auditorium im Festsaal des Gasthauses Stadlmaier

[1] (Rivka Horwitz,1926 Bad Homburg - 2007 Jerusalem. Professor in den USA. Rückkehr nach Israel. Professorin an der Ben-Gurion-Universität des Negev. Arbeiten in der Erforschung jüdischen Erbes in der deutschen Geistesgeschichte von Moses Mendelssohn bis Martin Buber und Franz Rosenzweig.)

Danke, Prof. Methlagl.

Abb 4.: Autogramm Rivka Horwitz


Auch ich erinnere mich, wie wir alle „aufgeregt“ waren, dass eine Martin Buber Spezialistin beim Ebner-Symposium ein Referat hält. Auf unserer Israel-Reise haben wir deswegen die Route nach Eilat über Beer Sheva gewählt.

Ich habe jetzt in meiner Sammlung gekramt und „Rivka Horwitz“ gefunden. Unmittelbar nach ihr hatte sich Landeshauptmann Siegfried Ludwig eingetragen, der am 12.11. einen Empfang gegeben hatte.

Für die Symposiumsteilnehmer und für uns alle gibt es die Giczy-Show,14.11.1981 in der Kral-Halle und wir lauschen dem „Versuch der Darstellung des Menschen in seiner Zeit Ferdinand Ebner“ und hören dazu die jeweiligen Welt-Nachrichten, Sprecher, Walter Benn:
Abschluss des Dreierbundes zwischen Deutschland – Italien und Österreich.
Der Philosoph Nietsche bezeichnet in seiner Schrift „Die fröhliche Wissenschaft“ die Religion als Illusion (Gott ist todt )
Carl Millöcker komponiert den Bettelstudent, Uraufführung 6.12.1882 Theater a d Wien.
Richard Wagner schreibt das Weihespiel „Parzival“, Uraufführung 26.7.1882 Bayreuth.
Edison baut in New York das erste Elektrizitätswerk der Welt, ab 4.9.1882 in Vollbetrieb.
Hiram Maxim erfindet das Maschinengewehr (präsentiert 1884/85)

Erzähler
In der bürgerlichen Handelsstadt Wiener Neustadt lebte der Fleischhauermeister und Landwirt, Johann Ebner. Nur mit Mühe gelang es ihm, seine große Familie durchzubringen.
Er war 62 Jahre, als ihm am 31.Jänner 1882 als siebentes Kind, Ferdinand, geboren wurde. So war der Vater ein „Großvater“. Die Geschwister waren viel älter. Ferdinand wuchs fast als „Einzelkind“ auf.
(Wir gingen 1981 vom Geburtsjahr 1820 aus, mittlerweile wissen wir, es war 1823, also war der Vater 59)

(Manuskript, 17 Seiten, Sammlung Limberger)

Sicher waren neben uns als Zuhörer auch viele, die Ferdinand Ebner als Schüler*innen erlebt haben.
Für diese wurde ein Extra-Treffen in der Ausstellung organisiert.


Drei Wortspenden sind besonders markant:

Ida Hirt:
Ebner gab einem Bettler seine „Legitimation“, weil er kein Geld bei sich hatte: Gehen’s damit zu meiner Frau, sie wird ihnen was geben.

Anna Vogl:
Er hat uns nie geschlagen. Konnten wir was, war s gut. Konnten wir nix, war s auch gut.

Anna Winter:
Schicken s mir den Buben mit einer Tasch‘n. Ich geh mit ihm nach Purkersdorf und kauf ihm die Bücher, damit er weiter lernen kann.

(Zitate: Ausstellungskatalog).

Abb 5.: Treffen der Ebner Schüler*innen in Gablitz
Am 8.12. gehen wir zum Klavierabend.
Eine Schautafel in der Ausstellung ist Josef Matthias Hauer gewidmet.
Was und wie ist seine Musik?

Das kann (nur) Robert Michael Weiss erklären, dem wir lauschen.

 

Sie können eine Einführung in die Musik Josef Matthias Hauers nachlesen:
Salzburger Jahrbuch der Philosophie, LX 2015 S 265 ff, Verlag Pustet, Wortgedanken und musikalische Realitäten von Robert Michael Weiß.


Übrigens: dieses Jahrbuch ist eine Fundgrube zu Ferdinand Ebner:

177 Seiten mit Referaten von:
Skorulski-Innsbruck, Zucal-Trento, Jagiello-Krakau,
Kolozs-Innsbruck, Hodina-Berlin, Gerl-Falkovitz-Erlangen,
Wuketits-Wien, Pietschmann-Wien, Hashi-Wien

Abb 6.: Josef Matthias Hauer Abend in Gablitz
Noch zwei Veranstaltungen besuchen wir.

Dichterin – Lesung Jeannie Ebner.

Abb 7.: Jeannie Ebner

Dazu wird die KW 3 Jeannie Ebner und ihrem Vater, Hans, gewidmet sein.

Abb 8.: Lesung Jeannie Ebner, Nichte

In der abschließenden Geburtstagsfeier, am 31.1.1982,
streifen wir mit Ferdinand Ebner durch Gablitz und den Wienerwald.
Wir hören:

1913
Gablitz, 30.Jänner

Es hat den Anschein,

dass ich jetzt, nachdem ich durch drei Monate hindurch ganz und gar aus dem Geleise meines gewohnten Lebens geraten war, während der ganzen Zeit auch zu nichts von dem gekommen war, womit ich sonst meine Zeit ausfüllte, wieder fähig bin, den Faden dort aufzugreifen,
wo er abriß,
als ich von Waldegg weg musste. Also wäre auch die Zeit gekommen, die vernachlässigten Tagebuchnotizen aufzunehmen.

1914
Purkersdorf, 22. Oktober
Knapp vor dem Mittagessen
machte ich dann noch einen kleinen Spaziergang gegen das Waldkloster, einen Spaziergang im Herbstsonnenschein, der mir unmittelbar wohltat.
Der Wienerwald kann im Spätherbst unglaublich schön sein. Ist es Dir nicht schon aufgefallen, dass ich es immer ganz „unglaublich“ finde, wenn mir einmal die Schönheit da draußen unmittelbar fühlbar wird?
In einem Buchenwalde saß ich eine Weile auf einer Bank, notierte mir, was mir auf dem Weg durch den Kopf gegangen war, und achtete zwischendurch auf das seltsame
Niederfallen des Laubes,
das einen umso eigentümlicher anmuten muss, wenn es urplötzlich ohne den Anstoß eines spürbaren Luftzuges einzusetzen beginnt. Und Sonnenschein über den sich verfärbenden Laubwäldern – Du weißt ja selber, wie das alles ist.

Brief > L. Karpischek
Manuskript,19 Seiten; Sammlung limberger

Abb 9.: Abschluss der Feierlichkeiten am 100. Geburtstag

Auch wir halten inne auf der Bank, auf der (vielleicht) Ferdinand Ebner weilte und lassen
Worte, die nicht zu Leben kamen, vorbeiziehen:

FEDoZ : Ferdinand Ebner Dokumentationszentrum in Gablitz
Auf Grund der durchgeführten Arbeiten erscheint es sinnvoll, ein Dokumentationszentrum zum Andenken Ferdinand Ebners in Gablitz einzurichten, lesen wir im „Nachwort“ des Ausstellungskataloges. In den Tagen des Symposiums ist ein Proponenten Komitee eingerichtet und eine Unterstützungserklärung der Referent*innen abgegeben worden. Raum, geschultes Personal und das notwendende Geld?

Die Ausstellung:

Die Gemeinde Gablitz beanspruchte das Eigentumsrecht an der Ausstellung. Die Schautafeln wurden in Kisten verpackt, auf dem Dachboden der Gemeinde gelagert, von dort nach Innsbruck, Brenner Archiv, transportiert, wo sie im Depot lagern. Ausstellungen in Frankreich, Israel,…. wie vom geschäftsführenden Gemeinderat angekündigt (Gablitzer Volksblatt, 12/81) gab es bis heute nicht.
Aber immerhin: die Gemeinde schätzte den Zeitwert der Ausstellung auf öS 20.000.-

Ferdinand Ebner-Institut im Rahmen der möglichen Donau-Universität:
Der Sekretär der Internationalen Ferdinand Ebner Gesellschaft berichtete am 12.12.1985, dass er in einer Arbeitsgruppe „Landeshauptstadt für NÖ“ mitwirke, wobei er sich im Rahmen einer „Donau-Universität“ die Gründung eines Ebner-Institutes vorstellen könnte. Fazit: Wir haben eine Landeshauptstadt und eine Donau-Universität.

Denkmal für Ferdinand Ebner im Ortszentrum:

Am gleichen Tag regte der Bürgermeister an, für das Ortszentrum in Gablitz ein Standbild Ebners anfertigen zu lassen. Davon könnte Gablitz als „Ort der Begegnung“ profitieren.
Fazit: statt Denkmal, maximal: denk mal.

Wir lassen auch das Leben, das zum Wort kommt, vorüberziehen:

Internationale Ferdinand Ebner Gesellschaft:
Die internationale Zusammenkunft beim Symposium bewirkte die Zusammenarbeit über Grenzen. So wurde RA Dr. Grossmann beauftragt, Statuten für eine Internationale Ferdinand Ebner Gesellschaft auszuarbeiten. Das Gründungskomitee 1981 konnte für den 31.1.1984 zur Gründungsversammlung laden und wurde die IFEG am 31.1.1984 mit Sitz in Gablitz gegründet.

Brenner Archiv:

Was in Gablitz an Infrastruktur für ein Dokumentationszentrum fehlte, war in Innsbruck schon da.
Daher „wanderte“ der Nachlass nicht nach Gablitz, sondern nach Innsbruck ins Brenner-Archiv. Und hier danken wir besonders Prof. Walter Methlagl für die freundliche Aufnahme und Frau Prof. Ulrike Tanzer für das gegenwärtige nette Entgegen-Kommen (um mit einem Vokabel von Ferdinand Ebner das Jahr 2021 abzuschließen).

Das Jahr 2022 eröffnen wir mit einer Wortspende von Willibald Feinig, Vorarlberg, der sich Ebners Wachheit und Ebners begründetes Urteil wünscht. Prosit 2022,

prosimus   (sind wir dafür und auch nützlich)!

Quellen:
Ausstellungskatalog 1981
angeführte Manuskripte
Fotos: | © Dr. Herbert Limberger
Foto Abb.: 7 | © Familien Archiv Ebner

TELE-SKOPE

skopein = sehen

Im Anfang war das Fernrohr, dann die Jupitermonde, Galileo Galilei, 1609.
2021 am Weihnachtstag startete das James Webb Space-Teleskop zum Punkt L2 (Entfernung etwa 1,5 Millionen km) um neue Aus- (auf Exoplaneten), Ein- () und Rückblicke bis zum Urknall zu sammeln. Weiterlesen: Where is Webb? NASA/Webb
Ein spannendes 2022 kündigt sich an. Auch aus Ebner-Sicht mit (Ge)Denktagen für
Galileo Galilei, Charles Darwin, Charles Lindbergh,
Schubert und Haydn,
Molière, Grillparzer, Novalis, Strindberg, ETA Hoffmann, Emile Zola, Gerhardt Hauptmann, Goethe,
Edith Stein, Blaise Pascal, Viktor Frankl, Ludwig Feuerbach,
Tito, Kaiser Konstantin
Klimt.
Viele interessante Konstellationen ergeben sich zwischen F. Ebner und dem jeweiligen Gedenkziel.
Galilei und Darwin als Vertreter der Wissenschaft zu Ferdinand Ebner fordern heraus:
Wieviel darf „sich“ der ebnersche Mensch, der ebnersche Geist in die Wissenschaften „investieren“, ohne sich Ebners „Urteil“ eines Traums vom Geist auszusetzen?

Immer spannender wird Ferdinand Ebner auch als Zeitzeuge: Das Ebner - Symposium 1981 ist auch ein Zeitzeuge. Am Silvestertag 2021 wurden mir Fotos vom Symposium 1981 übergeben. Hier einige
Zeugnisse:

Abb 1.: Gablitz Einfahrt vom Riederberg kommend, Bushaltestelle Höbersbach
Abb 3.: heutiger Blick (Verbauung)
Abb 2.: Einfahrt von Purkersdorf kommend
Abb 4.: von li nach re - M.Nakajima, Vakant, B.Casper, G. Langemeyer,G. Casanova, Vakant
Abb 5.: Beginn des Referates
Prof. Georg Langemeyer 1929 - 2014
Abb 6.: Beginn des Referates
Bernhard Casper * 1931
Abb 7.: Beginn des Referates
G. Casanova

Willibald Feinig hat mir als Weihnachtsgeschenk eine „Wortspende“ zu Ferdinand Ebner zukommen lassen.
Herr Feinig, Ebners Büchertisch der Wochenschau KW 50, war Startrampe für Ihre Wortspende:
Habe nun in Ihrer Wiedergabe von Ebners Lektüren gelesen (um einen scheußlichen Plural zu verwenden) - die mich an die Nahrungssuche hungriger Tiere erinnern - und bin dankbar, dass sich jemand die Mühe macht, den Geist zu erwecken, der ihn beseelt hat. Angeweht, fast umgeweht, beflügelt sollte man eher sagen, im Blick auf den Untertitel der Fragmente.
Wobei mir die Gefahr bewusst ist, dass einen ein solch mächtiger (schließlich einzig von der Realität der Liebe übermächtigter) Geist vereinnahmt, zum Verehrer und damit (möchte ich fast sagen) unfruchtbar macht - was er ja an Kraus-Fans beobachtet hat.

Abb 8.: Beginn des Referates
Willibald Feinig * 1951
Seine Wachheit, sein begründetes Urteil wünsche ich mir oft - so wie er sich die Ahnungen, die Selbstständigkeit und Beherztheit eines Claudius, Brentano, Hamann, auch Jean Paul und Büchner gewünscht hat - ein langes und erschreckendes Jahrhundert später (welches Jahrhundert ist nicht erschreckend? Das kurze 20. war es auf andere, nicht weniger schlimme Weise; als der Geist heraußen war, wurde die Flasche zerschlagen. Und das 21. ? - Was wird aus Afrika?)

Er hat sich von Kraus distanziert, als er die Hysterie um ihn merkte, eine heimliche, mit großer Akribie und viel Leidenschaft überspielte Verzweiflung; er hat gespürt, das reicht nicht gegen den Wahnsinn (den er in Nazi-Reinkultur nicht mehr erleben musste). Überhaupt: Er hat sich bei aller Schärfe des Intellekts (bis hin zu vernichtender Selbstkritik scharf) das Gespür bewahrt.

Ohne die Wissenschaft zu verachten, im Gegenteil, hat er sehr genau gewusst um die Ahnungen des Menschen (Ahnungen, nicht Unbewusstes oder gar Gefühl), die uns leben lassen. Eben las ich in Ihrer aktuellen Auswahl: „Die Unzulänglichkeit der kantischen Ethik … Es fehlt ihr der Nerv des eigentlichen geistigen Lebens, und das ist die Liebe.“ - ! Selbst von Kants Nüchternheit hat dieser Leser sich nicht blenden lassen.
Der Austrokatholizismus hat ihn nicht von der genauen Lektüre des Evangeliums abhalten können und tumbe marxistische Erkenntnistheorie nicht von der Erkenntnis, dass die Sozialdemokratie (auch die ‚atheistische‘) der Misere unzähliger mittelloser Menschen wirksam abhalf.

Ebner ist auch sich selbst am Ende, denke ich, insofern auf die Schliche gekommen, als er die - dogmatisierende, horribile dictu - Formelhaftigkeit losließ, in der er lang die Erkenntnis seines Lebens festzuhalten versuchte (Stichwort „Icheinsamkeit“). Der Kern der Fragmente ist eine - geschichtliche Erkenntnis, sie ist gerettet aus dem Zusammenbruch einer Welt ohne Orientierung.
Ebner kann und wird, denke ich - auf unterirdischen Wegen eher - Schule machen, und hat es schon getan - einmal als genauer, musikalischer und sprachbewusster Denker, andererseits als einer, der verbrannte in einem Feuer, an dem sich in sicherer Entfernung all die Intellektuellen, Berufs-Philosophen, Thinktanks usw. wärmen bis heute.
Die Einordnung Ferdinand Ebners in die Philosophie-Geschichte ist gescheitert - muss scheitern. Dieser Autor und Denker war mehr als ein reiner Philosoph. Auch mehr selbstverständlich als ein Kritiker, wie wir sie heute kennen, schnell eher als weise im Getümmel von Preisen, Konkurrenz, Bestsellerei und anderem Marktgeschrei.
Es scheint mir verdienstvoll, dass sein Umgang mit Frauen (Karpischek, Mizera, Jone) offenbar sorgfältig erforscht wird; das kann und wird zum Verständnis beitragen.
Noch ein Wort, weil ich Gelegenheit hatte - in Graz einst Schüler einer von ihm gegründeten Schule - mich mit Otto Glöckel auseinanderzusetzen, und auch ein wenig weiß um Ebners Freundschaft und Auseinandersetzung mit Matthias Hauer: Sie und andere hat - bei aller Verschiedenheit - die Wiener Neustädter Lehrerbildungsanstalt geprägt. Solche Prägung in Betracht zu ziehen und zu studieren hilft vielleicht auch, das Ebner-Bild zu restaurieren.
Es freut mich, dass ‚Ethik und Leben‘ erschienen ist - mit Ing. Walter Ebner wollte ich seinerzeit diese (für Hans Urs von Balthasar unverständliche) Publikationslücke schließen. Heute würde ich eher darauf drängen, dass die letzte Aphorismensammlung (Wort und Liebe) wieder aufgelegt wird, und werde den Vorschlag bei Gelegenheit Richard Pils (Bibliothek der Provinz) machen, mit dem ich zu tun habe. Er war auch Lehrer.

Herzlichen Dank für Ihre Anfrage und Gruß aus dem Westen, Ihr
Willibald Feinig

Darf ich noch eine Frage stellen? Sie waren Schüler von Prof. Fridolin Wiplinger (1932 – 1973) einem Heidegger-Schüler:

Wiplinger war im letzten Jahr vor seinem plötzlichen Tod einer meiner Lehrer, ein Philosoph im besten Wortsinn, ein Fragender, der die Bedeutung von Ebner und Rosenstock-Huessy erkannt hatte und auch im Seminar berichtete, dass Heidegger, sein Lehrer, bei einem Besuch geradezu ehrfürchtig von der Gestalt Ebners gesprochen habe. 31.12.2021

Ich finde Sie nirgends auf den Fotos:

Ich war damals - junger Familienvater und AHS-Lehrer in Vorarlberg - nur für den „Germanisten“-Teil beim Symposium anwesend und bin gleich wieder abgereist.
Ich schicke Ihnen ein aktuelles Foto von mir und meiner Frau.

Abb 9.: Willibald Feinig mit Gattin
Danke Willibald Feinig.
Hinweis: www.willibaldfeinig.at

Ja, Ebners Wachheit! Ebners Urteil !
Das James Webb Teleskop, ein Griff nach den Sternen?

Am 22.1.1919 notiert Ebner im Tagebuch und schreibt uns ins Stammbuch:

TB 22. Jänner 1919
Nicht nur das geistige ‘Objektivwerden’, auch das Versinken in der
erdgebundenen Banalität unsres Daseins kann dem Menschen zur Gefahr für sein geistiges Leben werden.

Unser Teleskop wird für heute zusammengeklappt.
Nächste Woche wird es auf Ferdinand Ebner und seine Ärzte gerichtet. Auch spannend !

Quellen:
Gegen den Traum vom Geist, Internationales Ferdinand-Ebner-Symposium 1981
angeführte Manuskripte
Fotos: | © Sammlung Dr. Herbert Limberger bezw. Feinig

Abb 10.: Umschlagbild des Symposiumbandes

Last Waltz

Ärztlicher Dialog

Der Patient, Ferdinand Ebner

Besuch beim Doktor: Gebildetes Gespräch.
Der Patient, Ferdinand Ebner, war offensichtlich zufrieden.

Abb 1.: Schaubild der Ausstellung zu Ebner und seine Gesundheit Tb Herbst 1922
Abb 2.: Hinweistafel in Gablitz

Aber Ebner verschweigt uns den Namen seines behandelnden Arztes. Welche Worte wurden wohl gewechselt?

 
Exkurs 1: Welches „Wort“ führt zu einem zufriedenstellenden Weggehen (der/des Patientin/en)?

„Worte sind die wichtigsten Vermittler für den Einfluss, den ein Mensch auf den anderen ausüben will. Worte sind gute Mittel, um seelische Veränderungen bei dem hervorzurufen, an den sie gerichtet werden, und darum klingt es nicht länger rätselhaft, wenn behauptet wird, dass der Zauber der Worte Krankheitserscheinungen beseitigen kann“
(Sigmund Freud, 1890)

Ein Danke an Mag. Julia Zeidlhofer, die diese Worte Freuds ihrer Magisterarbeit „ Der informierte Patient. Partizipative Entscheidungsfindung.“ als Motto vorangestellt hat.

Es gibt viele Seminaranbieter für gute ärztliche Gesprächsführung. Ferdinand Ebner sagte es so einfach: Wort und Liebe. Heute wird geworben mit: wertschätzende Kommunikation! Sprechen Sie die Sprache Ihrer Patienten! Und anderen Zaubertipps. Dazu wird als persönlicher Benefit aufgelistet:

Compliance bzw. Adherence-Verbesserung wird durch guten Arzt-Patienten-Dialog ermöglicht; erhöhte Lebensqualität; Beschwerden, Ärger und Stress mit Patienten nehmen ab;
Mitarbeiter in Klinik und Praxis werden zufriedener; die Zufriedenheit von Ärztinnen und Ärzten steigt dadurch ebenfalls (das betrifft alle, die im Gesundheitsbereich arbeiten)
Danke an med2day für diese Auflistung.

Abb 3.: Wegweiser / Hinweiszeichen in Gablitz

Unser Nutzen aus dem Exkurs: auch wir alle können diesen persönlichen Benefit durch ein gutes Gespräch lukrieren.

Noch eine gelungene Begegnung mit einem Arzt finden wir bei Ebner:

Ebner hatte offensichtlich eine gute Arztwahl getroffen, als er nach einem Mittagessen bei Josef M. Hauer in Wien den Medizinalrat aufsuchte:

Tb 5.März 1919

  • Nachher beim Medizinalrat Klaar – sehr angenehmer, vertrauenerweckender alter Herr.
  • Der stellte mir ein Zeugnis für mein Urlaubsgesuch aus
  • und warnte mich – vor geistiger Anstrengung: Leichte Novellen lesen.
  • Ja, wenn man das zusammenbrächte.
  • Um 1/2 4 zurückgefahren.

Aufseiten des Arztes war es offensichtlich eine gelungene Kommunikation.

 

Abb 4.: Erinnerung an Bertha und Heinrich Rieger

Exkurs 2: Last Waltz in Vienna

Ferdinand Ebner konsultierte einen berühmten Spross der Familie Klaar, der die New York Times am 28.3.1982 einen Artikel widmete. Hier danke ich Frau Dr. Helene Klaar, Rechtsanwältin in Wien, dass sie mich darauf aufmerksam gemacht hat. Ebner hat demnach Dr. Ludwig Klaar konsultiert, Obermedizinalrat und Stadtphysikus, †1.11.1849 in Czernowitz, † 24.3.1922 in Wien, also vor 100 Jahren.

Die Geschichte der Familie Klaar und ihre Vernichtung hat George Clare in seinem Buch „Last Waltz in Vienna“ aufgezeichnet. Von Dr. Hermann Klaar, einem bedeutenden Chirurgen, über dessen Sohn, Dr. Ludwig Klaar, den Ebner aufsuchte, bis zu dessen Neffen, George Klaar, der nach seiner Flucht nach England den Namen auf George Clare änderte.

Dr. Ludwig Klaar hatte 7 Kinder, Paul, Ernst, Josef, Rosalie, Frederick, Felix und Karoline. Viele Familienmitglieder kamen in den Konzentrationslagern um.

Auch der Zahnarzt Dr. Heinrich Rieger, der in Gablitz ein Haus/Villa hatte. Dieser Dr. Rieger ging aus einem anderen Grund in die Geschichte ein, weil er arme Künstler behandelte, die statt mit Geld mit Zeichnungen und Entwürfen „zahlten“, so auch Egon Schiele.

 

Exkurs 3: „wenn man das zusammenbrächte“

Am 5.3.1919 hatte Ebner seinen Erstentwurf der Fragmente gerade fertig bezw. fast fertig. Vor ihm lag die nochmalige Durchsicht und Änderung, die etwa 1 Monat dauern sollte. Die angestrebte Urlaubsverlängerung war für Ebner wichtig und notwendig. Da war nichts mit „leichte Novellen“.
"Ja, wenn man das zusammenbrächte."
Ebner hätte ja schreiben können: Ja, wenn ich das zusammenbrächte. Ebner weicht dem „ich“ geschickt in das unpersönliche „man“ aus. Er, der ein Fan der 1. und 2. Person ist!

Zurück zur Behandlung und einem schimpfenden Ebner:

Nicht so ganz gelungen erscheint die ärztliche Behandlung einer Lehrer-Kollegin:

Tb 15.8.1917
Und die Rendulič die schaut übel genug aus, eingebundener Kopf wie ein blessierter Soldat.
Was für unglaubliche Esel können doch manchesmal Ärzte sein.

Tb 28.12.1917
Und später entschlüpfte mir dann ein Wort über meine furchtbare, alles lähmende Müdigkeit, angesichts derer ich am Ende doch auf den Gedanken verfallen könnte, der Babnigg sei mit seinem ärztlichen Urteil über den Zustand meines Körpers ein Esel.

Abb.: 5 Eigentlich müsste das ein guter Zuhörer sein

Einen Tag vorher schrieb Ebner:

Tb 27.12.1917

Heute morgens war ich beim Arzt, beim Dr. Babnigg. Von zwei Seiten gedrängt, von der Mitzi und von Luise (Wiener Neustadt). Ich selber hatte gar keine rechte Lust zu diesem mir unter den gegebenen Verhältnissen überflüssigen Schritt. Der Babnigg findet übrigens nichts Beunruhigendes im Zustand meines Körpers. Von der Notwendigkeit eines Urlaubs war gar keine Rede. Ich hätte mich ja doch nicht entschließen können, einen zu nehmen.

Ebners Einschätzung über sein medizinisches Problem und vor allem seine Äußerung verletzten wieder Luise.

 

Exkurs 4: Untersuchungen Arzt - Patient

Prof. Schwantes sagte bei einer Kassenärzte-Tagung 2014, 97 Jahre nach Ebners Äußerung:
Nur zu 50 % teilen Arzt und Patient die Meinung über das medizinische Hauptproblem.

Noch einige Fakten nach Prof. Schwantes:

Ärzte schätzen den Zeitanteil, den sie mit Erklärungen und gemeinsamer Planung verbringen, um neun Mal höher ein, als er tatsächlich ist.

Ärzte unterbrechen das Reden ihres Patienten nach durchschnittlich 10 bis 20 Sekunden.

Würden Patienten nicht unterbrochen werden, würden sie durchschnittlich 90 Sekunden sprechen.

Die tatsächliche spontane Gesprächszeit eines Patienten im Arztgespräch liegt bei etwa 60 Sekunden.

In der Praxis bleiben den Patienten also nur wenige Sekunden, um zu erklären, was ihnen fehlt. Nur selten lassen Ärzte die Patienten ganz ausreden. Und das, obwohl sie wissen, dass ein gutes Arztgespräch die Basis des gegenseitigen Vertrauens ist.

Schnell finden sich die althergebrachten Rollenmuster im Alltag wieder, weil sie effizient funktionieren. Durch zügiges Vorantreiben des Gesprächs sind die Patienten schnell behandelt und schnell wieder weg.

Diese Fakten sind in Deutschland erhoben und gelten daher für dort.

Abb 6.: Wegweiser in Gablitz

Aber der „Esel“ lebt auch bei Arthur Schnitzler in seinem Tagebuch:

„Es war eine Rieseneselei von mir – Mediziner zu werden, und es ist leider eine Eselei, die nicht mehr gut zu machen ist.“

Zu Ebner und Schnitzlers Zeiten waren Gespräch und körperliche Untersuchung die Hilfsmittel des Arztes zur Diagnose. Der technische Fortschritt brachte die Apparate-Medizin. Neuerdings konsultieren Patienten zusätzlich „Dr. Google“. Dazu wusste schon Louis Pasteur einen Ausweg:

Tierärzte müssen sich wenigstens keine Selbstdiagnosen anhören (1822-1895) -

 

Exkurs 5: Sprechende Medizin

Kein Wunder, dass in der Arzt- Patient-Kommunikation Ebners WORT in der Sprechenden Medizin aufersteht und besonders wichtig ist bei

breaking bad news (Übermitteln schwerwiegender diagnostischer Fakten), Erteilen von medizinischen Ratschlägen, Fragen der Therapietreue (Einwilligung und Befolgung von diagnostischen und therapeutischen Prozeduren).

Der Begriff der „sprechenden Medizin“ wird von einigen Autoren auch mit dem dialogischen Denken in der sog. humanistischen Medizin in Verbindung gebracht und V. v. Weizsäcker zugeschrieben. Das dialogische Denken wurde in den Jahren um 1920 unter der weiteren Beteiligung von Ferdinand Ebner, Martin Buber, Franz Rosenzweig und Gabriel Marcel entwickelt. Im Rahmen der sog. Humanistischen Psychologie und deren psychotherapeutischen Ansatz ergeben sich plausiblerweise Verbindungen zur Gesprächspsychotherapie (bzw. Klientenzentrierte Psychotherapie) von Carl Rogers sowie Reinhard Tausch, aber auch zur Hypnotherapie von Milton H. Erickson.
Quelle: wikipedia „Sprechende Medizin“

Abb 7.: Informationstafel für ein Therapiezentrum, Gablitz

Von der „Sprechenden Medizin“ führt der Weg zur Betriebsführung, wieder mit Ferdinand Ebner:
Grundlegender, allgemeiner betrachtet geht es nicht nur um Arzt- Patient, sondern um das ganze „Gefüge“ der Betriebe Arzt-Ordination, Gruppen-Praxis, Heil-, Kuranstalt, Krankenhauses, letztlich um sämtliche Anbieter im Gesundheitsbereich.

 

Exkurs 6: Dialogisches Prinzip und Führungskultur

2016 wurde an der Universität Koblenz-Landau eine Dissertation von Mathias Evertz , einem Personalleiter in einem Klinikum, eingereicht:
Dialogisches Prinzip und Führungskultur,
wobei sich im Inhaltsverzeichnis einige Namen aus dem Ferdinand Ebner Symposium 1981 finden:
Martin Buber: Ich und Du, und andere Werke
Bernhard Casper: Das Dialogische Denken: Franz Rosenzweig, Ferdinand Ebner und Martin Buber
Klaus Dethloff: Hermann Cohen und die Frage nach dem Jüdischen Kairos
Ferdinand Ebner: Das Wort und die geistigen Realitäten
Rivka Horwitz: Bubers way to I and Thou.

 

 

Die Dissertation endet mit einem Fazit und einen Ausblick. Der letzte Absatz der Dissertation soll hier vermittelt werden:

Eine dialogische Führungskultur lässt sich nicht einfach einführen. Die gesamtorganisatorischen Zusammenhänge und deren gelebte Kultur sind zu beachten und ein solcher Kulturentwicklungsprozess kann allenfalls angestoßen und gepflegt werden.
Hier bei der kleinsten Einheit, also bei der Führungskraft mit dem einzelnen Mitarbeiter zu beginnen ist dabei, so die Ergebnisse dieser Untersuchung, ein möglicher Ansatzpunkt.


 

1923 war die medizinische Welt noch nicht so weit. Das Sanatorium in Hartenstein war damals modern: Geräte, Pharmaka, und ein „berühmter“ Arzt. Dorthin ist Ferdinand Ebner von Angehörigen verbracht worden:

Brief Burg Hartenstein, 22.6.1923 > LK
Am unverstellbarsten ist es mir allerdings, meine äußere Existenz so einzurichten, wie es mir der Medicinalrat gleich bei der Untersuchung vorhielt:
Zu heiraten oder doch wenigstens einen eigenen Haushalt zu haben und mit der Wirtschafterin so wie mit einer Frau zu leben.
Wenn nur diese Lösung meiner physischen Existenz möglich ist, dann freilich hätte ich mir Hartenstein ersparen können.
Im übrigen leide ich an cirkulärer Melancholie, die in einer einmaligen Kur nicht zu beheben ist.
Aber Dr. Pospischil meint, in drei Jahren könnte er auch dieses Übel auskuriert haben.
(was alles der Medicinalrat nicht zu mir, sondern zur Dr. Lamel sagte).

Exkurs 7: Paternalismus
Diese Arzt -Patientenbeziehung könnte paternalistisch sein:
Dazu aus dem Artikel „Dialogische Entscheidungsfindung“ (Armin Körfer, C. Albus, Universität Köln, in Handbuch Sprache in der Medizin)
Das traditionelle, paternalistische Modell zeichnet sich zunächst durch besondere funktionale und persönliche Eigenschaften des Arztes aus, dazu gehören etwa die Hilfsbereitschaft, Uneigennützigkeit, Neutralität gegenüber allen Patienten sowie seine epistemische Autorität als Fachmann usw.
Gerade diese besonderen Eigenschaften des Arztes scheinen ihn dazu zu berechtigen, zum Besten des Patienten zu entscheiden, ganz im Sinne der handlungsleitenden Maxime: „doctor knows best“.
In einer extremen Variante handelt der Arzt stellvertretend für den Patienten, der über „medizinische Belange“ unter Umständen (etwa aus Gründen der Schonung) erst gar nicht informiert zu werden braucht.

Zurück zum Patienten, Ferdinand Ebner

Ebner dürfte auch ein schwieriger Patient gewesen sein:

1922
Ich stehe wieder in ‘ärztlicher Behandlung’-höchst lächerlich. Ich nehme ‘Promonta’ – noch lächerlicher.
Es ist ein unhaltbarer Zustand. Wie wird die Katastrophe sein?

Ebner brauchte aber die Ärzte. So auch 1916 als er dringend einen Sonderurlaub im Oktober verlangte:

1. Oktober 1916
Ereignisse der abgelaufenen Woche: daß es bei mir mit dem Schulhalten nicht mehr weitergehen könne, wurde mir in den letzten Tagen deutlichst fühlbar.
Also ließ ich mich gestern vom Dr. Zingher untersuchen.
Sein Befund interessierte mich wenig - was er mir zu sagen hatte, wußte ich im vorhinein von selber - mir kam es auf das ärztliche Zeugnis an.
Mit dem übergab ich heute dem Chef mein Urlaubsgesuch. Sechs Wochen - das ist freilich nur eine Galgenfrist.

6. Oktober 1916
Heute erhielt ich die Vorladung zur amtsärztlichen Untersuchung. Ich habe das dumme Gefühl, als würde die mich wieder um den Urlaub bringen. Gewiß hat der Dr. Zingher in seinem Zeugnis stark übertreibende Ausdrücke gebraucht, aber das Gefühl meines Unwohlseins und meiner Dienstunfähigkeit ist denn doch nicht „hysterisch eingebildet“. So viel entschiedensten Widerwillen ich auch gegen meine ganze Schultätigkeit in mir herumtrage.

 

Kontrolluntersuchung:

9. Oktober 1916
Morgens in Wien beim Ober-Bezirksarzt, der den Befund des Dr. Zingher gar nicht bestätigte. Auf der Lunge findet er überhaupt nichts, an die Magengeschwüre glaubt er, wie ich selber auch, selbstverständlich nicht. Die Verdauungsbeschwerden agnosziert er, wohl nur, und ihnen überhaupt einen Namen zu geben, als Symptome von Magenkatarrhe (stimmt gewiß nicht) und läßt nervöse Störungen gelten (auf die der Zingher gar nicht verfallen war). Was den Urlaub betrifft - er war geneigt ihn zu befürworten. Die Herabsetzung auf vier Wochen verdank ich mir selber und meiner alle persönlichen Wünsche ausschaltenden „Sachlichkeit“. Ich weiß nicht, soll ich mich über mich selber ärgern oder nicht. Hernach fuhr ich in die Stadt hinein, kaufte ein paar der neuen Inselbücher, saß eine halbe Stunde im Café Akademie und war mittags wieder heraußen.

Erfahrungsgemäß gibt es Patienten, die übertreiben, aber auch die, wie Ebner, die untertreiben.
Diese Kontrolluntersuchung hatte ihre Fernwirkung auf 2 Jahre später:

 

Samstag 16. November 1918
Vorgestern brachte der Ramler meine Urlaubsangelegenheit beim Inspektor vor. Es steht ihr nichts im Wege. Im Gegenteil, vor zwei Jahren schon hatte der Oberbezirksarzt den Bauhofer darauf aufmerksam gemacht, daß man mir, sobald nur günstigere Personalverhältnisse im Schulbetrieb es gestatten, einen mindestens halbjährigen Urlaub gewähren müsse.
Der Gedanke, mich nun doch an die Arbeit über das Wortproblem zu machen, beschäftigt mich immer wieder.

Dieser Sonderurlaub ermöglichte es Ebner, seine Fragmente zu verfassen.
Der letzte ärztliche Dialog:

Gablitz, 1. Juli 1931
Der Doktor kommt, untersucht mich sehr genau und konstatiert schließlich:
---------------------
Brief Ebner > Jone ,Kö II 744

Welchen Dialog der Arzt und sein Patient, Ferdinand Ebner geführt haben, wissen wir nicht.
Die letzte Tagebucheintragung erfolgte schon am 23.6.1931. Am 1.7.1931 begann Ebner diesen letzten Brief, der nicht abgeschickt worden ist.
Der Lehrerkollege Atzinger schreibt im Auftrag von Frau Ebner an Josef Humplik am 16.10.1931:

- seit dem 4. Oktober verfällt unser guter Freund immer mehr - Abends habe ich mit dem Arzt gesprochen: Lungen- und Darmtuberkulose, Agonie.
Kö II 758

Am 17.10.1931 ist Ferdinand Ebner gestorben.

 

Nächste Woche begeben wir uns auf die Spuren des Architekten Rudolf Wondracek (bei Ebner: Wondraschek). Spuren Sie mit!
Hör-Hinweis für kommenden Sonntag, 8.15 Ö1 "Du Holde Kunst" Gedichte über Wort und Sprache

Quellen:
Fotos: | © Sammlung Dr. Herbert Limberger

Otto Wagner Schüler

Rudolf Wondracek

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Am 9.1. war sein Geburtstag.
Im November jährt sich sein Todestag. Hören wir, was Ferdinand Ebner über ihn sagt:

Abb. 1: Portät Rudolf Wondracek jun. von Leopold Schmid © Stadtmuseum St. Pölten

a+b = Null______Eine Gleichung als Antwort

Erste Symphonie. Architekt Wondracek. St. Pöltner Konzert

(Ferdinand Ebner:
Notizen zu einer Geschichte meines geistigen Lebensganges, in Kö II 1050)
Ebner verwendet Wondraschek und Wondracek.

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Abb. 2: Josef Hauer eigenhändig; 1913 noch ohne Matthias

Ich plagte mich tagelang in Gablitz auf dem Klavier eines Kollegen, die Komposition technisch wenigstens halbwegs zu bewältigen, was mir natürlich nicht gelang, aber schließlich nahm mein williges Ohr die mir fremden Akkorde und Melodien- die klangen, als ob einer im tiefsten Schlaf aus einem schweren Traum heraus geheimnisvolle Worte spräche- nicht ohne Verständnis auf. Nur aus einem Satz, der als Tanz gedacht war, konnte ich absolut nichts heraushören. Über eine Entdeckung staunte ich am meisten. An einer Stelle, in wenigen Takten nur, klingt etwas auf, was Hauers Wesen total fremd ist: erotische Sehnsucht.
Diese erste Komposition wurde mir gewidmet. --- Kö II 1062 ---


In dieser Zeit verkehrte ich, zuerst in Waldegg, dann in Wien von Gablitz aus, mit dem Dr. Räuscher, der damals noch an der Wiener Universität studierte. Ich machte ihn mit dem Hauer bekannt, und er gab die Bekanntschaft an den Architekten Wondraschek in St. Pölten, einem Schüler Otto Wagners weiter.

Dieser Wondraschek wollte sich der Musik widmen und wurde nur auf Wunsch seines Vaters hin Architekt.

Diese zwei St. Pöltner interessierten sich außerordentlich für den Hauer und beschlossen eine öffentliche Aufführung. So kam, von Wondraschek inszeniert, der „Moderne Musikabend“ in St. Pölten zustande mit dem Pianisten Dr. Reti aus Wien und einem Sänger, Karl Fälbl aus St. Pölten, der einige Lieder von Gustav Mahler sang.

Dieser Dr. Reti, ein „Klaviertiger“ und sein Begleiter, ein gewisser Freistadtl…spielten die erste Symphonie herunter. Aber es gab reichliches Beifallklatschen und keinen Misston. --- Kö II 1061 ff ---

Der Hauer verdankt seinen schönen Applaus dem Bildhauer Fraß und seinem Bruder, die mutig genug waren, nach einem Moment des Schweigens am Schluss des 7. Satzes – ein Moment, in dem der Deutsch und ich wie auf Nadeln gesessen sind, der Hauer war während der Aufführung draußen im Korridor und hat eigentlich nichts gehört- das Zeichen zum Applaus zu geben, dem das Publikum, das sich auch sonst tadellos benommen hat, willig und soviel ich weiß, widerspruchslos Folge leistete.
Jetzt sind wir alle, (auch)der Wondraschek und ich ..…. hinausgelaufen und haben den Hauer hereingeschleppt und auf das Podium hinaufgeschoben.
--- Brief 9.6.1913 E >LK Kö III 28 ---

Dann versammelte sich ein kleiner Kreis um den Hauer im Hotel Pittner, später im Kaffeehaus. Als wir endlich die Betten aufsuchten, sangen die ersten Vögel.
Dass eines der Lokalblätter die Symphonie vernichtend kritisierte, war nahezu selbstverständlich. Gezeichnet war die Rezension mit a+b. Der Räuscher und der Wondraschek erwiderten in einem anderen Lokalblatt, heftig gegen das Spießbürgertum in der Kunstauffassung polemisierend und dem Rezensenten Citate aus Oskar Wilde und Karl Kraus an den Kopf werfend, um schließlich zu konstatieren: a+b=o Damit war die Sache erledigt.
--- Kö II 1064 ---

Kommt es zu dem von Ihnen und dem Herrn Wondracek geplanten Klavierabend, so ist es ja nicht ausgeschlossen, dass wir uns in St. Pölten sehen.
--- Briefentwurf an Josef Räuscher 25.12.1913 in Wels. Kö II 54 ---

Dr. J. Räuscher und Architekt Wondracek schafften es auf diese Weise ins Musiklexikon.

Musiklexikon:
Musikalisch gebildet, zog Wondraschek bereits 1913 einen Vergleich zwischen der Lehre J. M. Hauers und A. v. Weberns. Durch seine und J. Räuschers Vermittlung fand am 7.6.1913 in St. Pölten im Rahmen eines Modernen Musikabends die erste öffentliche Aufführung eines Werks von Hauer statt.

Im Architektenlexikon reicht für Rudolf Wondracek ein Absatz nicht.
Begeben wir uns auf Spuren des Wondracek als

Dialogischer Rundgang:

Vom Bahnhof gehen wir in die Altstadt, in die Brunngasse 7, Blick nach oben, Art Deco. Rathausplatz.
Wiener Straße 12: Atelier Wondracek: wir läuten : Ist der Herr Wondracek da?
Ja. Aber ich bin der Vater, der Stadtingenieur von St. Pölten. Ich habe auch Einiges gebaut, renoviert: jüdischer Friedhof, etc.

Was Sie sind gerade am Haus Brunngasse 7 vorbeigekommen: 1901.Das waren halt noch Zeiten. Das Haus ist von mir (gemacht).
Ah, von meinem Sohn wollen Sie auch was sehen:
Hier die Wiener Straße Richtung Traisen: Am Neugebäudeplatz, da ist der Brunnen frisch saniert, dreieckig, auf einer Säule nicht die römische Wölfin, der Passauer Wolf.

Abb. 3: St. Michael am Wagram, eingeweiht 9.10. 1938


Wenn Sie schon dort sind, weiter über die Traisen, dann kommen Sie vielleicht in die Rudolf Wondracek Straße: nach meinem Sohn benannt. In der Nähe finden sie auch St. Michael. Schaut auch gut aus. Kirche mit Campanile und Laubengang. Michael erinnert an den Bischof Michael Memelauer.

Aha, Sie wollen mehr sehen:
Zurück über die Traisen, Traisen aufwärts, Geheimtipp:
Handel Mazettistr. 1-5, ein Super-Wohnhaus von meinem Sohn, auch frisch hergerichtet.

Abb. 4: Wohnhausanlage Handel Mazetti Str.

Abb. 5: Atelier Wondracek jun.

Dann zu den Siedlungsbauten der Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts und schauen Sie die Häuser in der Waschblau Siedlung an. Das war Stadterweiterung! Leistbares, qualitätsvolles Wohnen! „Neues Bauen“ , holländisch eben. In die Munggenaststraße hat er sein Atelier verlegt. Vielleicht finden sie ihn dort.

Ja, Kirchen:
St. Michael am Wagram hab ich schon g sagt, schauen Sie kurz in St. Josef vorbei. Dann gehen Sie zum Rathausplatz zurück. In der Prandtauerstraße ist das Stadtmuseum, die haben seinen Nachlass. Und zu St. Josef hat mein Sohn einen sehr modernen Entwurf geliefert, der leider nicht realisiert worden ist. Im Stadtmuseum sind viele Entwürfe und Pläne.

Vom Stadtmuseum in die Prandtauerkirche. Das war alles ein Kloster der Karmelitinnen, gestiftet von der Montecuccoli, aber von Josef II bald darauf aufgehoben. Die Kirche wurde profaniert, Munitionslager. Mein Sohn hat daraus wieder eine Kirche erstehen lassen.

Sind Sie mit dem Auto da ?
Fahrn Sie nach Sigmundsherberg, schöne, ideenreiche Kirche, mit den drei Ebenen:
Der Versammlungsplatz im Freien, weit und groß,
einige Stufen zur Ebene der Kirche
und noch weniger Stufen zur Ebene der Zelebration.

Dann nach Klosterneuburg, St. Leopold, ein schlichter Bau, 1936/37.
Und in Wien da hat mein Sohn studiert:

Staatsgewerbeschule, Technische Hochschule und Akademie der bildenden Künste, beim Otto Wagner.

Bei ihm hat er auch ein Praktikum gemacht, und dann noch eines beim Fabiani. Kennen Sie die Urania? Die ist von ihm.

Abb. 6: Kirche Sigmundsherberg

Abb. 7: Wondracek vor den Stufen im Heldentor; Bildausschnitt © Stadtmuseum St.Pölten

Bevor mein Sohn, in Wien die Arbeit am Heldentor gewonnen hat, 173 eingereichte Entwürfe !!, war er in Triest, wieder beim Fabiani, dann 6 Jahre in Prag und auch Berlin und schließlich ist er mir nachgefolgt: Hochbaureferent hier in St. Pölten, zuletzt noch 8 Jahr freiberuflich.

So das wär‘s. Sie können aber auch noch zum Pumpenhaus im Süden der Stadt gehen.

Da fällt mir ein:
Wenn Sie von Sigmundsherberg nach Klosterneuburg fahren, machen Sie einen Stop in Korneuburg beim Rathaus, dort hat ein Rudolf Wondracek, der Stadtingenieur, bei der Sichtung der eingereichten Pläne mitgewirkt.

1893: Das war vielleicht ich, mit 33 Jahren, aber ich kann mich nicht mehr so genau erinnern.

Ei ja, noch was:
St. Pölten, Herzogenburgerstrasse 32, das Blaue Haus.
Das ist gar nicht blau.

Ja, Herzogenburg: Sie waren ja in dem Konzert der Modernen Musik. Haben Sie gelesen, was der Ebner dazu schreibt:
Also, auf Wiedersehen!

Ebner in Josef Matthias Hauer: --- Kö II 1061 ---
Hauer hatte damals schon komponiert, in Krumbach eine Messe im Beethovenstil, deren Aufführung im Jahre 1914 in Herzogenburg der dortige Stiftskämmerer Haas veranlasste, der Hauers erste Symphonie auf dem Musikabend in St. Pölten gehört hatte.

Ebner im Brief vom 9.6.1913 an Luise Karpischek:
Einige wohlwollende Äußerungen haben wir auch zu hören bekommen und insbesondere mag sich der Hauer mit Recht über das freuen, was der Kämmerer des Stiftes Herzogenburg (ein kleiner, buckliger Geistlicher, der mir wegen seines ungemein interessanten vergeistigten Gesichts im Publikum aufgefallen ist) gesagt hat.

Ebners zusammenfassendes Urteil über den musikalischen Abend:
Übrigens – die Symphonie ist herzlich schlecht gespielt worden. Ich kann s besser.

Wondraschek und das „Lächeln Gottes“ :
Ich muss noch zweier Kompositionen (des Hauer) der letzten Jahre gedenken, die mir besonders gut gefielen. Die eine ist eine Klavierstudie, der lieblichen Anna Höllering gewidmet, einer kleinen Schauspielerin und Freundin Ittens und seiner späteren Frau. Diese Studie darf, wenn sie richtig gespielt sein soll, über die Saiten gleichsam nur gehaucht werden, muss man vergessen, dass das Klavier ein Hammerwerk ist. Wondraschek nannte sie das „Lächeln Gottes“. --- Lebensskizze, Josef M. Hauer Kö II 1076 ---

Abb. 8: Gedenktafel Herzogenburgerstrasse

Es sind die Werke Hauers Opus 16,17 aus 1919
Nächste Wochenschau: Ebners Bruder, Hans, mit seiner in Sydney geborenen Jeannie.
Kommen Sie mit nach Australien!

Abb. 9: Werbeanzeige im Bote von Ybbs,19.5.1900,
Online Archiv der Wochenzeitung Bote von Ybbs

Fakten:

Rudolf Wondracek sen 1860 - 1928, Baumeister, Stadtingenieur; oo Maria geb. Fluck

Rudolf Wondracek jun 9.1.1886 - 21.11.1942, oo Maria Petrova 1921,

Moderner Musikabend 7.6.1913 St. Pölten Hauer, Schönberg, Debussy, Mahler

Josef M. Hauer 1883 – 1959

Ferdinand Ebner 1882 – 1931

Dr. Josef Räuscher 1889 – 1937

Dr. Rudolf Reti 1885 – 1957

Quellen:
Ferdinand Ebner : Notizen, Tagebücher, Lebenserinnerungen Kösel Verlag Kö II, Briefe Kö III
Fotos | 1 und 7 Stadtmuseum St. Pölten mit herzlichem Dank an Dir. Thomas Pulle
übrige © Sammlung Dr. Herbert Limberger

Australien

gone but not forgotten

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Abb. 1: Ankündigung aus dem Ausstellungskatalog 1981

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Abb. 2: Bildausschnitt: Jeannie

Jeannie Ebner am 24. Jänner 1982, Gablitz
Zu der Zeit, wo wir noch das große Haus in Wiener Neustadt hatten, gab es ja viel Verwandtenbesuch, vor allem zu Weihnachten. Und da kam dann auch immer Ferdinand Ebner mit seiner Frau, der Sohn Walter war damals noch nicht auf der Welt, zu uns zu Besuch.

 

Ferdinand Ebner Sonntag 3. Oktober 1920.
Gestern mittags war, ganz unvermutet, der Hans mit Frau und Kindern da.

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Down under:

22.12.1919
Von Hans kamen zwei Briefe, einer mit einem beigelegten Brief seiner zweiten Frau und der andere mit einer Familienphotographie.
Die nächsten Weihnachten will er schon hier in Europa sein.

Dienst. 14. Okt. 19. Brief aus Australien.
Hans schickt Geld nach Österreich, wovon 10 Pfund Sterling für mich bestimmt wären.

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11.12.1919
Karl Heller zahlte mir die 4983 K von Hans aus. Einkäufe – wahnsinnige Preise.
Dienst. 9. Dez. 19.
Gestern Nachmittag bei Karl Heller wegen des Geldes von Hans, das die Bank endlich auszahlt.
Durch die fünfwöchentliche Verzögerung ist der Betrag um nahezu 25% angewachsen.

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22.4.1919
Brief aus Wels mit einem vom Hans.
Seit Herbst 1914 die erste Nachricht von ihm. Er hat sein halbes Vermögen eingebüßt, aber – er hat eine Frau, zwei Kinder, wenn ich recht verstanden habe, und fühlt sich sehr glücklich und also wäre ja alles in Ordnung.
Es scheint, daß er wieder nach Österreich zurückkommen will.

Hans in den Notizen zu einer Geschichte meines geistigen Lebens:

Erste Erwähnung nach 3 Seiten: Kö II 1037ff:
Ebenso der Bruder Hans entfremdet: lernte beim Onkel das Schankgewerbe.
Hans gehörte dem Turnverein, der Pflegestätte des deutschnationalen Gedankens, an, war natürlich Schönerianer, Übertritt zum Protestantismus (samt Ernestine). (Kaufmannsstand- reich werden- im unheilvollen Bann des Geldes –
Australien –
Rückkehr nach dem Krieg -Einbuße des Vermögens)
Hans in Österreich (wieder) abenteuerliche Rückfahrt nach Australien (vor Juni 1914)
Rückkehr des Hans aus Australien. Das Dollarpaket. Mein Verhältnis zu ihm.
Die Frau Dr. Lamel im Verein mit dem Hans: Hartenstein.
Finanzielles: Hans hinter meinem Rücken.
Pospischil sah den frühen Tod des Hans voraus.
Wohnungseinrichtung (Geld von Hans geborgt).
Aufsatz Die Wirklichkeit Christi; Tod des Hans

Abb. 3: Johann, Hans Ida und Jeannie Ebner

In der Volkszählung 1880 wird Hans als Johann Ebner geführt, wie der Vater, also Johann Ebner jun. * 26.3.1870, Schulkind.
Er ist nach Australien ausgewandert. Mehrheitlich wird angeführt mit 17 Jahren, einmal mit 19 Jahren. Beides erscheint mir in Hinblick auf die damalige Volljährigkeit nicht plausibel.
Die von Ferdinand Ebner angeführte Ernestine könnte seine erste Frau gewesen sein.
Jedenfalls hat er in Australien ein „Vermögen“ gemacht und die Hälfte wieder eingebüßt.

Exkurs 1: politisch-wirtschaftliche Situation und 1.Weltkrieg
Einwanderer aus Österreich und dem deutschen Reich waren in diesem Teil des British Empire angesehen. Mit Kriegsbeginn waren sie plötzlich “Feinde“, enimy alien. Es genügte bereits der Verdacht, “illoyal“ zu sein, um in ein Internierungslager gesteckt zu werden. Damit war es auch heikel, mit möglichen „Feinden“ Geschäfte zu machen oder bei ihnen zu arbeiten. Die deutsche Sprache wurde in Schulen verboten, deutsche Schulen wurden geschlossen.
Dass Hans und seine Frau in dieser Situation beschlossen, in die „Heimat“ zurückzukehren, ist mit „Heimweh“, wie es oft zu lesen ist, ungenügend ausgedrückt.

Donnerst. 22. April 1920.
Am Montag vor acht Tagen kam der letzte Brief aus Australien.
Hans kommt diesen Sommer noch zurück und gedenkt, das Existenzarrangement unserer Familie sich angelegen sein zu lassen. Auch was mich betrifft.
Eine Entlastung meines Lebens in dieser Hinsicht brauchte ich wohl. Ob ich mich aber auf eine Entlastung, wie sie Hans mir vorschlagen wird, auch tatsächlich einlassen kann, das ist zumindest fraglich.
Denn mit der Welt des Handels, in deren Ungeist diese Welt zugrundegeht, will ich denn doch nichts zu schaffen haben. Und wie sollte mein Bruder anders wo Rat wissen?

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7.9.1920
Hans bereits in Zürich.

Sonnt. 3. Okt. 1920.
Meine Nerven scheinen mehr als die Eintönigkeit meines Gablitzer Alltags überhaupt nicht zu vertragen. Gestern mittags war, ganz unvermutet, der Hans mit Frau und Kindern da. Durcheinander einiger Nachmittagsstunden. Eine ‘Unmöglichkeit’ nach der andern. Nach der Jause bei der Mizera, zur Bahn, wir fuhren gemeinsam nach Wien, ich dann weiter nach Neustadt.
Des unangenehmen Eindrucks dieses ganzen Nachmittags wurde ich kaum Herr. Ich sehe wieder einmal deutlich genug die Unmöglichkeit, in dieser Welt, d. h. in meiner Welt, und das ist ja für mich diese Welt, zu existieren. Mein ‘Arrangement’, wie es der Hans im Auge hat: ich wußte ja im vorhinein um seine Inacceptabilität. Dabei aber sehe ich mich jetzt schon in eine mir peinliche wirtschaftliche Abhängigkeit von meinem Bruder geraten.
Auf der Fahrt nach Wien sprachen wir über den Brenner-Verlag. Das hatte sich ganz ungesucht ergeben. Die Möglichkeit einer Finanzierung des Verlags durch den Hans – diese etwa vermitteln könnend habe ich ja nicht nur den Brenner als solchen im Auge, sondern Ludwig Ficker selber auch – steht knapp neben der absoluten Unmöglichkeit dieser Vermittlung aus menschlich-persönlichen und darum letzten Endes geistigen Gründen.

8.10.1920
Gestern besuchte ich den Hans in Baden. Die hoffnungsfrohe Stimmung des Morgens schlug nach wenigen Stunden momentan um. Und dann kam ich wieder in die allergefährlichste Nähe von Selbstmordgedanken.
Mein Bruder und ich – wir leben und reden an einander vorbei. Den Gedanken, ihn für die Finanzierung des Brenner-Verlags zu gewinnen, habe ich selbstverständlich schon vollständig aufgegeben. Seinen Vorschlag, die Erziehung seiner Kinder zu übernehmen, erwäge ich, ebenso selbstverständlich, gar nicht mehr. Meine Zukunft ist dunkel, meine Gegenwart unerträglich. 

15. Juli 1922 nach Neustadt.
Hans staffiert seinen Trödlerladen aus, d. h.. er behängt die Wände seines Zimmers mit allen möglichen und unmöglichen Bildern. Mutet mir abermals eine Fahrt nach Zürich zu. Nun aber hat mir die Anna auf meinen letzten Brief, nach dem Tod der Mutter, nicht geantwortet. Und daß sie mir auf diesen Brief nicht geantwortet hat, belehrt mich über vieles. Nun, an die Unerträglichkeit der Familienatmosphäre sollte ich ja gewöhnt sein.

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Abb. 4: Lebensbaum Famile Ebner; Ausstellung 1981

 

Exkurs2: Ferdinand Ebner das „Einzelkind“
Ferdinand einziger Bruder, Hans, ist 12 Jahre älter. Anna sogar 14 Jahre. Mit beiden gibt es immer Spannungen. Lediglich mit Maria, Mitzi, kann er ziemlich gut, sie ist 10 Jahre älter. In diesen 10 Jahren gab es noch die Josefine, dann eine Susanne und den Ferdinand I. Susanne und Ferdinand sind als Kleinkinder gestorben, Ebner kannte sie daher nicht. Josefine ist aber auch schon Jahre tot. Sie hatte einen Pharmazeuten geheiratet und starb 1899 an Tuberkulose.

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Zurück zur wirtschaftlichen Situation von Bruder Hans (entnommen: wien-wiki):

Mit dem Restvermögen kaufte Hans (in Österreich) zwei Speditionen, eine Maschinenfabrik, Anteile eines Kohlebergwerks und zwei Häuser.
Und dort weiter zur Tochter

Jeannie Ebner:

Ihr erstes Gedicht schrieb Ebner nach eigener Erinnerung mit zwölf Jahren. Durch den Tod des Vaters und die allgemeine Wirtschaftslage verarmte die Familie und Ebner musste das Gymnasium verlassen, weil die Mutter das Schulgeld nicht mehr aufbringen konnte. Außerdem waren sie gezwungen, ihr Haus aufzugeben. Jeannie Ebner besuchte die Handelsschule und begann eine Lehre in der familieneigenen Spedition. 1939, mit 21 Jahren, zahlte sie die Miteigentümer aus und übernahm bis 1945 die Leitung der Spedition mit immerhin 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Nebenbei studierte sie Bildhauerei an der Kunstakademie in Wien. 1945 wurden das Wohnhaus und die Geschäftsräume durch Bombenangriffe zerstört. Ebner zog mit ihrer Mutter auf einem Pferdewagen nach Tirol, wo sie ein Jahr gemeinsam in einer Berghütte am Kitzbüheler Horn lebten. Danach ging es weiter nach Golling in der Nähe von Salzburg, wo sie im Kunstgewerbe arbeitete und unter anderem Souvenirs aus Keramik herstellte. Als Ebner 1946 wieder nach Wien kam, lebte sie unter anderem von Englisch-Nachhilfe und vom Schleichhandel. Bei Letzterem lernte sie ihren späteren Mann Ernst Allinger kennen, der Chemiker war und Saccharin für den Schwarzmarkt erzeugte. Von 1946 bis 1949 arbeitete sie als Stenotypistin in einer Autowerkstätte der amerikanischen Streitkräfte. (Ende Biografie).

Ich hatte Jeannie Ebner 1981gebeten, nicht nur aus ihren Werken zu lesen, sondern auch zu ihrem Verhältnis zu Ferdinand Ebner auszuführen:

Jeannie Ebner sagte am 24.1.1982 (Transkription vom Tondokument : Limberger)

Man hat mich gebeten, ein paar Worte über meinen Onkel Ferdinand Ebner zu sagen.
Ist das bitte hinten hörbar? Ja.
Das ist ein bisschen schwierig, denn er ist gestorben, als ich noch ein kleines Kind war. (13 Jahre).
Ich habe trotzdem aber seine Physiognomie, seine Figur, seine Bewegungen, und sogar seine Stimme ganz deutlich in Erinnerung.
Zu der Zeit, wo wir noch das große Haus in Wiener Neustadt hatten, gab es ja viel Verwandtenbesuch, vor allem zu Weihnachten. Und da kam dann auch immer Ferdinand Ebner mit seiner Frau, der Sohn Walter war damals noch nicht auf der Welt, zu uns zu Besuch und es ist eigentlich alles, was ich darüber sagen kann.

Dann ist mein Vater gestorben, ich war damals 8 Jahre alt, ungefähr, 1926 wir mussten das Haus verkaufen, in ein kleineres ziehen und meine Mutter hat sehr zu kämpfen gehabt mit … es war die Wirtschaftskrise, die Boden-Creditanstalt, der große Krach. Wir haben ein Ding nach dem anderen verkaufen müssen.
Und mit Verwandtenbesuchen und Einladungen, das ging überhaupt nicht mehr.
Ich kann mich zwar erinnern, dass die Frau von Ferdinand Ebner, die Tante Mitzi, mit dem kleinen Walter, ein bildhübsches, blondhaariges Bübchen noch einmal in dem kleineren Haus zu Besuch war. Das ist so ziemlich alles, was ich weiß.

Abb. 5: Klein Walter; Ausstellung 1981

Ich habe eigentlich das Werk Ferdinand Ebners gar nicht wirklich studiert, das hat einen bestimmten Grund. Dieses Foto da ist mir einmal in die Hand gekommen zu der Zeit, wo ich bereits geschrieben habe, und ich habe festgestellt, ich sehe dem Onkel Ferdinand bedeutend mehr ähnlich als meinem Vater und meiner Mutter. Und es hat sich da scheinbar über s Eck etwas vererbt:
meine Eltern waren absolut nicht fromm und haben mich auch nicht fromm erzogen.

Abb. 6: Programm Jeannie Ebner

Ich bin aber eigentlich seit meiner Kinderzeit an ein sehr religiöser Mensch gewesen und bin es bis heute. Und ebenso liegt mir die religiöse Grübelei, das Metaphysische.
Die philosophische Ader von Onkel Ferdinand hat sich offenbar in mir fortgesetzt und auch die literarische, nur ist es bei mir nicht die Philosophie geworden, sondern die Literatur. Ich habe aber durch diese Erkenntnis und diese Ähnlichkeit das Gefühl gekriegt, eigentlich sollte ich ihn gar nicht lesen, um nicht zu beeinflussen. Freizuhalten. Du bist ja doch offenbar aus dieser Ecke da.

Nun gab es heuer (1982) ein kleines Ebner Symposium, in ... ah, helfen Sie mir, in ... (Gablitz) nein, das kommt erst, ... in … Schwechat und ... ich bin damals zufällig von einem Freund mitgenommen worden, der ein Schüler war …. Professor … mein Namensgedächtnis is … ..,und habe mir dort angehört, was die Professoren über Ferdinand Ebner sagen, da hat einer Zitate vorgelesen, und da habe ich mir gesagt, wenn ich dieses Zitat vorher gekannt hätte, würde ich gewisse Stellen in diesem Buch gar nicht mehr geschrieben haben. Denn ich hätte absolut das Gefühl, dass es ein Plagiat ist, das sind seine Gedanken, die ich übernehmen würde, in Wirklichkeit aber kamen die Zitate hinterher.

Es gibt noch so eine merkwürdige Stelle da drinnen, die hab ich überhaupt erst vorgestern entdeckt. Nämlich bei Grillparzer im Armen Spielmann.

Ich versteh überhaupt nix von Musik und diese Zusammenstellung von drei oder fünf oder neun Flötentönen, da gibt es eine kleine Stelle in einem Absatz im Armen Spielmann, wenn ich das vorher gelesen hätte, hätte ich das auch nicht zu schreiben gewagt.


Eigentlich hat man mit der Bildung bei literarischer Produktion die Bildung nimmt einem mehr als sie einem gibt, weil man dann nicht vollkommen frei und unbeeinflusst auch vom Unbewussten her das schreibt, was man denkt. Es ist ja gar keine Schande, dass Menschen dasselbe denken oder eine ähnliche Ausdrucksweise haben, eigentlich sogar ein Beweis dafür, dass dieser Gedankengang stimmen könnte. Aber in dem Moment, wo man s schon kennt, traut man sich nicht. Und daher bin ich mit dem Werk Ferdinand Ebners auch nicht sehr vertraut. Ich habe ein altes Brennerheft, das hat mir einmal eine Freundin geschenkt, und ich habe ein Buch, das mich vom Titel her natürlich besonders anspricht Wort und Liebe. Und die anderen Sachen - vielleicht könnte ich es jetzt schon riskieren, zu lesen, weil ich inzwischen schon eine alte Frau (64) und eine eigenständige Schriftstellerin geworden bin … mit einer eigenen Gedankenwelt.

Abb. 7: Ausstellung 1981

Nun möchte ich Ihnen ein paar Stücke aus diesem Roman vorlesen.

Er heißt 3 Flötentöne.
Und hat auch noch eine andere Bedeutung. Er wird von drei Frauen in der Ich-Form erzählt, immer ein Kapitel, Getrud, die alte Frau, ein Kapitel Jana, die Frau mittleren Alters, ein Kapitel, ein junges Mädchen, Tschuptschik. Und das wechselt immer ab. Es kann natürlich auch wieder bedeuten, das Alter, die Reifezeit und die Jugend. Das ist auch wieder ein Dreiklang dann.
Jetzt spricht Gertrud, die alte Frau:
Jetzt ist es schon seit langem so, dass wir beide schon langsam auf den Tod zugehen. Seit einigen Jahren warte ich immerfort darauf, dass du es merkst, oder etwas darüber sagst er dich zumindest durch irgendetwas verrätst … . Aber du hütest dich.
Früher gingen wir auf etwas anderes zu, etwas, das wir uns vorgenommen hatten, …
eine Wohnung, die groß genug wäre ...
ein eigenes Arbeitszimmer … und eines Tages, in meinem fünfzigsten Lebensjahr, war das erreicht.

Abb. 8: Ernst Allinger & Jeannie Ebner-Allinger

Im Buch sind es die Seiten 17 – 29 und 2 Seiten über das etruskische Paar, wobei der vorgelesene Text nicht immer mit der Druckversion übereinstimmt und kleinere Absätze sind immer wieder ausgelassen.
Nach einem Flötenspiel folgt S 167 bis 179, Jana, die Frau mittleren Alters um mit den letzten 3 Seiten des Buches zu schließen.
Wenn ich heute diese Lesung nach höre: „dass … ein schönes altes Kruzifix aufgestellt war ... Sein Gesicht war still und unverzerrt ...“ denke ich an Ferdinand Ebners Gedicht: Golgatha.
Wenn ich höre: “die drei Töne wurden mehrmals wiederholt, absteigend vom höchsten Ton zum tieferen und tiefsten, und danach in umgekehrter Reihenfolge“ denke ich an Hauers Tropen.


Es wird auch festgehalten, dass „Drei Flötentöne“ der erste Roman in der Ich-Form ist.
Es wird tatsächlich das „gleiche Eck“ sein, wie sich Jeannie Ebner ausdrückte.
Im Gedichtband „Sag Ich“ finde ich dieses „Eck“ in den nachfolgenden Zeilen:

Tot zu sein ist ein Zustand,
lebendig zu sein ist ein Werk,
das unsre Entschließung beansprucht.

Hier nur ist es uns möglich, das Unsere zu tun,
dort nur – zu sein.

Wir versuchen mit den für das Leben
Geschaffenen Worten
Die Deutung des Todes.

Die Sprache der Toten
Für den Fall, dass sie eine gebrauchen-
Ist uns fremd.

 

Abb. 9: Grabstein Ebner-Allinger in Wiener Neustadt, Detailansicht

Fakten:
Johann, Hans, Ebner 26.3.1870 – 1926 oo Ernestine ?

Ida Ganaus oo
Deren Kinder:
Hans Ebner jun. +
Jeannie Ebner -Allinger 13.11.1918 Sydney – 16.3.2004 Wien oo Ernst Allinger 1921 -1989

 

 

Nächste Woche schließt sich der Bogen vom Todestag zum Geburtstag von Ferdinand Ebner.

Ich lade ein, zur digitalen Geburtstagsfeier, dieses Jahr unter dem Motto „Prassen in Marmelade“ dazu vielleicht ein Tasse Tee, die Ebner oft in Wiener Neustadt mit Luise beim Ofen genossen hat. „Hungern & Prassen ! Der Ernährungsweg zu den Fragmenten“ ist das Thema. Prassen Sie mit!

Quellen:
Ferdinand Ebner: Tagebücher
Jeannie Ebner: Mitschnitt der Lesung vom 24.1.1982, © Sammlung Dr. Herbert Limberger
Biografie www.geschichtewiki.wien.gv.at/Jeannie_Ebner
Nachlaß: Wienbibliothek im Rathaus/Handschriftensammlung
Drei Flötentöne, Styria Verlag
Sag ich, Gedichte Verlag Hermansen

140 Jahre Ferdinand Ebner

31.01.2022

Den 140.Geburtstag feiern.
Ich rege an: Prassen in Marmelade, heißen Tee und Ebner-Lektüre.
Wieso? Mit Ferdinand Ebner (mit)leben und lesen.

22. April 1918
Prassen in Marmelade, wenn man schon sonst nichts hat.

31. März 1918
Nach dem Abendessen Tee beim Ofen – „Schwelgen und Prassen“.

Und ein Hoppala vom

30. Jänner 1916
Heute vormittags kam mit der Post ein großes Paket mit Torte (mitten in dieser nun schon so schwer gewordenen Kriegszeit) und anderen guten Dingen: eines der Marmeladegläser war gebrochen.
Mir war nun leid um die besonders gute Marmelade und ich aß deshalb trotzdem etwas davon, selbstverständlich mit Vorsicht, um keine Glassplitter mit zu schlucken. Aber im Laufe des Tages …

Marmelade


Es gibt so viele erfreuliche Neuigkeiten, dass diese Wochenschau nur Ebners Geburtstag gewidmet wird. Der „Ernährungsweg zu den Fragmenten“ folgt kommende Woche.

Aktuelle Bücher:

    • "The Word & The Spiritual Realities" 2021
    • "La Parola e le Realta` Spirituali" 3.Auflage, 2022
    • "Brenner-Aufsätze" im LIT-Verlag, 2022

 

Veranstaltungen:

    • Gablitz: 31.1.2022,11.00 Dorfcafe. Geburtstags-Stammtisch
      _____________14.10.2022, 19.30 bei Familie Pauls, 6.Philosophisches Atelier
    • Frankfurt/Main: 31.1.2022, 10.00 -17.00
      ________________Ferdinand Ebner Studientag, Goethe-Universität, ev. theologische Fakultät
    • Wiener Neustadt: Kurze Gasse 7 Gedenktafel wird restauriert und wieder angebracht
    • Waldegg: Gedenken an Ferdinand Ebner 1902-1912

Pandemie
An Stelle von Präsenzveranstaltungen stellte ich für Sie eine Wochenschau ins Netz:

SEPTEMBER 2021
KW36 | Mein erstes Buch
KW37 | Dante + Ravenna
KW38 | Ebner - Baudelaire - Dante
KW39 | Paris - Purgatorium

OKTOBER 2021
KW40 | Gablitz, Hölle, Himmel, Fegefeuer
KW41 | FE 90. Todestag
KW42 | Schnitzler & Strindberg
KW43 | Neue Realitäten

NOVEMBER 2021
KW44 | Je me rebelle
KW45 | FE 45 Symposium Gablitz 1981
KW46 | Marie Mizera > Marie Ebner
KW47 | 200 Jahre Schule Gablitz

DEZEMBER 2021
KW48 | Adviento del TÚ
KW49 | Wiener Neustadt
KW50 | Büchertisch 1918
KW51 | Vater Unser
KW52 | international - lokal

JÄNNER 2022
KW01 | TELE-SKOPE
KW02 | Last Waltz
KW03 | Otto Wagner Schüler
KW04 | Australien

_


Mit Ebners Geburtstag und der nächstwöchigen Nachlieferung endet meine “Wochenschau”.
23 Ausgaben auf www.ferdinand-ebner.at.
Ganz herzlichen Dank an Johannes Ebner und sein Grafik-Büro.
Wir, Johannes und ich, treten “leiser” mit einer “Monatsschau”, immer am zweiten Wochenende ab März 2022.

    • Sprachphilosophie in Polen
    • Wittgenstein-Ebner
    • 100. Todestag von Mutter Ebner
    • Dr. Josef Räuscher Das “lebendige” Wort in den Nachrichten, in der Berichterstattung

 

Ich brauche auch viel Zeit, um Fotos, Dias und sonstige Datenträger zu bearbeiten, die mir Franz Vormaurer übergeben hat.
Danke Herr Vormaurer

Mahlzeit und vergnügliches Lesen am 31.1.2022 !
Ihr Ferdinand Ebner - Animator Dr. Herbert Limberger, IFEG, Sektion Öffentlichkeitsarbeit.
Weiterhin ein gutes und gesundes Jahr 2022

Quellen:
Ferdinand Ebner: Tagebücher
Bild: © Dr. Herbert Limberger 

hungern & prassen

Der Ernährungsweg zu und mit den Fragmenten

Aus den Tagebüchern

16. März 1915 / Brief > Luise Karpischek
Ist es nicht schrecklich, was für eine Rolle seit einiger Zeit die Magen- und Nahrungsfrage in meinen Briefen spielt ?
Tatsächlich wird ab 1915 das Essen ein Tagebuchthema (Schrei nach Brot).

Abb. 1: Der Schrei nach

Der Schrei nach

1916 erlebt Ebner Oberösterreich als Schlaraffenland.1917 sind pro Monat mehr Essenserwähnungen als das gesamte Jahr 1915, Spinat wird nach wochenlangen tagtäglichem Sauerkrautessen herzlich begrüßt. Das Tagebuch 1918 hat 202 Buchseiten. Daraus habe ich die wichtigsten Passagen herausgesucht. So werden Not (hungern)und dazwischen seine Geist-Blitze sichtbar. Sichtbar werden auch viele seiner „Follower“ wie Hauer, der Oberlehrer, und vor allem die Kolleginnen, seine Schwester Mitzi und Luise Karpischek. Ohne deren Hilfe wäre „Das Wort und die geistigen Realitäten“ wohl nie (so) geschrieben worden.
Ebner war Lehrer und Denker. Ab 1915 hatte er heikle Nebentätigkeiten auszuüben:

... gemeindeamtliche Mehlversorgung; Vertrauensmann (einer von vieren) in Sachen Brot- und Mehlkommissionen, Brotkartenverteiler, Mitgliedsbeiträge für das Rote Kreuz (einsammeln)
... unmittelbarste Einsicht in gar viel Elend und Not.

Abb. 2: ; „Brot“ eh Eintragung datiert 13. Nov. 1916; richtig wohl 13.Okt.16

1918

 

Jänner 1918

7. Jänner 1918
begann ich mit den Vorarbeiten zur nächsten Lebensmittelkarten-Ausgabe.

11. Jänner 1918
Weihnachtspaket aus Wels, wohlbehalten Briefpapier, Zigaretten, Äpfel, Butter, Bäckerei.

12. Jänner 1918
Ich bin ein Mensch, der nur durch das Wort geistig erlöst werden kann.

14. Jänner 1918
Gestern nachmittag arbeitete ich für die Kartenausgabe am Samstag vor

15. Jänner 1918
Gestern ist die Schachtel Zigaretten angekommen (von Hellmuth aus Flandern).

16. Jänner 1918
Wer im Überfluss des Lebens dahinlebt– kann der das Vaterunser beten, ohne nicht jedesmal über die Bitte ums tägliche Brot geistig zu stolpern?

24. Jänner 1918
lange Sitzung der Brotkommission - Verordnungen über Verordnungen-

25. Jänner 1918
Das angekündigte Paket aus Wels kam heute an, Äpfeln, Brot, Butter, Honig, Zigarren, Zigaretten und sogar eine Schachtel Bäckerei. Das wäre zwar alles für meinen Geburtstag bestimmt, aber ich ließ gleich heute schon nicht die Gelegenheit zu einer
„festlichen“ Jause vorübergehen.

31. Jänner 1918
Meine wenigen Vorräte sind nun aufgezehrt, mit den geringen finanziellen Überschüssen muss ich auch wieder sehr sparsam umgehen –nachdem ich seit Weihnachten Woche für Woche unbedenklich eine Menge Geld ausgegeben habe
– mit einem Wort: es beginnt jetzt auch für mich wieder ein „zeitgemäßes“ Leben,
d.h. eine Zeit des unaufhörlichen Hungergefühls: Wie sich das ausnimmt, weiß ich vom vorigen Jahr her.

Februar 1918

4. Februar 1918
Was steckt denn eigentlich hinter dem Tun und Treiben solcher Menschen wie Trotzky und Lenin in Rußland ?

7. Februar 1918
Gestern erhielt ich ein Paket, das von Neustadt nach Gablitz vierzehn Tage unterwegs war.

27. Februar 1918
Inspektion. Meine Klasse ließ er (Inspektor) sich angelegen sein.
Heute ohne Jause, nicht einmal ein Stück trockenes Brot hab ich daheim. Aber so ist die Zeit, in der wir leben. Und es wird ja noch schlechter, viel schlechter kommen. Übrigens hab ich seit Jahresbeginn Woche für Woche „ungerechtes Brot“ gegessen, das mir die Weltner fleißig hatte zukommen lassen. Das hört sich jetzt natürlich auch auf. Mich muss es nur wundernehmen, dass mein Magen das Maisbrot der letzten Wochen so ziemlich ohne Protest ertrug.

März 1918

10. März 1918
fast lauter zum Entsetzen ausgehungerte Gesichter (Wiener Neustadt).

16. März 1918
Heute Lebensmittelkartenausgabe. Das hat sich allmählich zu einer Sache entwickelt,
bei der man wirklich verrückt werden könnte. Not und Elend wachsen grauenhaft an. Freilich, der Anblick des Hungernden muss einen aus diesem Traum aufrütteln.
Wozu aufrütteln? Zu den Realitäten des Geistes?
Man sollte es glauben. Du hast noch ein Stück Brot, und neben Dir steht einer, der keines hat, und Du gibst es ihm nicht? Du willst satt werden und lässt einen neben Dir hungern? Und angesichts dieser Tatsache willst Du weiter vom Geist träumen – oder meinst gar, aus diesem Traum zu den Realitäten des Geistes zu erwachen? Solange Du noch satt wirst und einer neben Dir hungert??
– – Selbstverständlich geht das alles mich selber an – – –

25. März 1918
Mittags beim Hauer –die Frau hat wahrlich dafür gesorgt, dass es mir in diesen zwei Tagen nicht schlecht ging in Wien.

26. März 1918
kam der Schach. Er brachte mir Zigarren und Zigaretten – natürlich hoch willkommen. Nach dem Abendessen blieben wir bei einer Flasche Wein bis gegen 9h sitzen.

31. März 1918
Ostersonntag Neustadt Nach dem Abendessen Tee beim Ofen – „Schwelgen und Prassen“.

April 1918

1. April 1918
Luise so unendlich lieb und gut und ich wehrlos, wenn sie mir ihr letztes Glas Marmelade opfert.

4. April 1918
Die Mizera ließ mir wieder einen halben Laib Brot zukommen, echtes Kornbrot – das bedeutet freilich inmitten des allgemeinen Maisbrotjammers ein Fest.

14. April 1918
Gibt es wirklich nur ein Mittel, vom Hunger nicht gequält zu werden, nämlich das Essen? Was aber soll ein Mensch wie ich essen, und wie soll er essen, nachdem ihm im Grunde genommen das Essen ein Gräuel ist?

18. April 1918
Abends brachte mir die Mizera zum Klebl ½ l Milch.

22. April 1918
Kollegin Höferl: drei große, sehr große Stück unverfälschten Kornbrots und sogar auch ein Stück Butter
Aufwachen zu den Realitäten des geistigen Lebens, das vermag nur der einzelne Mensch.
Prassen in Marmelade, wenn man schon sonst nichts hat.

30. April 1918
Von der Mizera ½ l Milch.

Abb. 3: Marmelade

Mai 1918

4. Mai 1918
Kornbrot und Speck von der Mizera.

5. Mai 1918
Nach dem Abendessen luden mich die zwei Lehrerinnen zu einer Tasse Weinkoch mit Biscuit ein.

6. Mai 1918
Bei den Lehrerinnen zum Jausenkaffee. Zwei Tage des Prassens inmitten der allgemeinen Hungersnot.

9. Mai 1918
Nach dem Abendessen bei den Lehrerinnen zur „Nachspeise“.

16. Mai 1918
Der erste Tag ohne Zigarren und Zigaretten – ein wenig provoziert von mir.

17. Mai 1918
Von der Höferl Brot und Butter.

23. Mai 1918
In der neuen Wohnung ( frisch ausgemalt? )

24. Mai 1918
Zigaretten vom Schach, eingepackt in ein Kistchen Mehl an den Oberlehrer.

30. Mai 1918
Namenstag Ferdinand:Gestern abends bei Luise, zuerst: Zwist wegen der Torte. Dann saßen wir noch bis gegen Mitternacht beisammen und rauchten viel. Ahnungslos(weggefahren) mit dem Paket, das mir Luise mitgegeben hatte. Entsetzen beim Aufmachen: Marmelade, Lebkuchen, Cakes. O diese Opfer!!!

Juni 1918

6. Juni 1918
Lieber über das Essen reden als über die deutsche Offensive im Westen.

9. Juni 1918
Paket aus Wels, das mir die Mitzi in ihrem Briefe in Aussicht gestellt hatte. Aber nicht wohlbehalten. Das muss man in Kauf nehmen. Nach dem Mittagessen war ich bei der Mizera auf Palatschinken.

12. Juni 1918
Gestern gingen mir die Zigarren aus – diesmal für mindestens 10 Tage.

16. Juni 1918
Erwartet hab ich den unerfreulichen Gast im Jänner schon, gekommen ist er aber erst in den letzten Tagen. Der Hunger nämlich. Auch nichts zu rauchen – –

18. Juni 1918
Die frohe Botschaft des heutigen Tages: Pro Kopf und Woche ½ Laib Brot.

Abb. 4: Palatschinken

 

Abb. 5: Zwetschken als "Zahlungsmittel"

20. Juni 1918
gegen Abend jedoch konnte ich ins Kaffeehaus gehen. Endlich wieder etwas zu rauchen. Approvisionierung: gemeindeämtlich eine Handvoll Zwetschken

21. Juni 1918
Heute habe ich mich tatsächlich sattgegessen, mittags und abends.
ein Unterrichten – vor leeren Bänken. In meiner Klasse fehlten heute zwei Drittel der Kinder. Auch das ist ein Protest gegen die Hungersnot.

22. Juni 1918
... weiter Schulstreik. Zum Hauer. Zigarren für mich – natürlich hochwillkommen.

23. Juni 1918
Der Jammer dieser Zeit hier in Gablitz, das man merkwürdiger Weise als „Landgemeinde“ behandelt (die sich also selbst versorgen könnte), sodass wir auch um die geminderte Brot- und Mehlration kommen. Ja, wovon soll denn nun eigentlich unsere Bevölkerung leben? Von den Buchenwäldern und Wiesen?

26. Juni 1918
... die Bemühungen der Gemeinde um Brot und Mehl erfolglos –
Aufzeichnungen über das „Wort“ und das „Ich“.

30. Juni 1918
Gestern bei Luise. Sie hatte Zigarren und Zigaretten für mich, sie teilte – was nützte all mein Protestieren – ihr Viertelchen Brot mit mir, sie hatte wieder Cakes gebacken, das Abendessen musste ich mit ihr nehmen wie gewöhnlich und als wir uns zum Schlafengehen verabschiedeten, brachte sie mir sogar noch eine Tasse Milch.
Diesmal hab ich an beiden Tagen im Gasthaus Mittag gegessen – ein teurer Spaß, aber wenigstens wurde ich satt. Weil mir Luise sonst nichts mitzugeben hatte, steckte sie mir zwei Stück Seife in die Tasche des Überrocks.
Gablitz: Von den zwei Lehrerinnen bekam ich Brot, mehr als einen halben Laib.

Juli 1918

1. Juli 1918
Der Zigarettentabak vom Schach ist glücklich angekommen. Auszahlung der Kriegszulage für das laufende Jahr: 17K für den Juli. Ich wollte mir wenigstens ein drittes Glas Honig dafür kaufen, kam aber zu spät.
die Bedeutung der Sinnesorgane; Ich träume von einer Zusammenstellung der „Fragmente“ über das Wort und die geistigen Realitäten zu einem Buch.

5. Juli 1918
Heute erhielt ich abermals vom Chef einen Laib Brot. Er hat ihn mir sogar selber in meine Wohnung heraufgebracht. Indirekt verdanke ich das Brot dem Schach, der nämlich dem Chef nun schon zweimal Mehl aus Rumänien geschickt hat.
Das ist eine Zeit,…die jeden auf die Wahrhaftigkeit seines Glaubens an Gott prüft. Glaubt denn der wirklich an Gott, der inmitten einer allgemeinen Hungersnot sich mit gutem Gewissen satt ißt? Und glaubt der an Gott, der es mit schlechtem Gewissen tut? Glaubt der an Gott, der nicht ohneweiteres bereit ist, seinen letzten Bissen Brot mit dem nächstbesten hungernden Kinde zu teilen? Glaubt der an Gott, der die Sorge, was er morgen essen und übermorgen anziehen werde, nicht Gott überläßt?
O himmlische Barmherzigkeit – sprech ich denn nicht von mir selbst? Wahrhaftig, die Zeit ist furchtbar.
Die Umrisse einer „pneumatologischen“ Grammatik, wie sie schon längst in mir vorbereitet liegen, tauchen jetzt wieder auf.

7. Juli 1918
Heute bekam ich einen halben Laib schönes Kornbrot, ich weiß noch nicht recht ob von der Mizera oder von der Höferl. Für den Augenblick wäre ich also nicht schlecht versorgt.
Morgen soll wieder eine Frauendeputation ins Ernährungsamt gehen, nachdem merkwürdiger Weise der Bürgermeister keine weiteren Schritte mehr tut und ruhig der buchstäblichen Aushungerung der Gemeinde zusieht.
Der Tag begann mit Aufzeichnungen über das Wort.

9. Juli 1918
Wer möchte eine Provinz des geistigen Deutschlands der Gegenwart sein? Inzwischen hungern wir regelrecht, in Hoffnung auf den Endsieg.

11. Juli 1918
Brot von der Höferl.

12. Juli 1918
Gestern abends musste ich wieder zum doppeltkohlensauren Natron greifen.

13. Juli 1918
Zigarren !!! (bei Hauer)

14. Juli 1918
Zum Mittagtisch war ich beim Hauer. Eigentlich haben wir wie Kriegsgewinner gegessen. Nachher auf eine Stunde in einem stillen Kaffeehaus, zur Jause wieder beim Hauer, um 6h fuhr ich zurück. Die Magenkrämpfe sind also richtig wieder da, als Ferienbescherung.
... las ich ihr (Luise) aus meinen jüngsten Aufzeichnungen über die Sprache vor.

22. Juli 1918
Der Hauer brachte Zigarren mit – und einen Marillenkuchen von der Frau. Beim Klebl tranken wir Kaffee und Apfelmost und aßen den Marillenkuchen.

25. Juli 1918
Zum Abschied gab sie ( Frau Hauer) mir ein „Packerl“ mit, dessen mannigfaltigen Inhalt ich erst hier heraußen entdeckte.

26. Juli 1918
Ein Wecken Kornbrot von der Sekretärin. Mittags Schweinefutter.

August 1918

1. August 1918
Heute Kriegszulage für dieses Jahr (Nachzahlung) über 500K. Brot von drei Seiten –die Leni hat mir ein Laibchen aus meinem Mehl gebacken, die Sekretärin hat auch (!) mein Mehl gestern bezogen (ohne meine ausdrückliche Zustimmung: man sieht, wie es die Gemeindefunktionäre machen und machen können) und daraus zwei Wecken gemacht und überdies kam heute wieder der Hammerbrotwagen. Mit Zuhilfenahme einiger – teuer genug bezahlter – Marillen aß ich mich mittags und abends satt.

3. August 1918
Schlechte Nacht – mit der Art und Weise, wie ich mich gestern und vorgestern sattgegessen habe, ist mein Magen augenscheinlich nicht einverstanden.

4. August 1918
Mittags prassten wir natürlich – wahrhaftig. Dieser Hauer lebt jetzt, als ob er ein Millionär wäre. Sich satt essen will freilich jeder in dieser Welt und wo es einer tun kann, tut er’s.

8. August 1918
Beim Abendessen saß ich mit dem Sekretär beisammen, der mir – sehr zu rechter Zeit – zu einigen Zigarren verhalf.

12. August 1918
Bald nach dem Mittagessen kam der Hauer. Er brachte mir meine Wochenration Zigarren in einem Paket von der Frau. So frettet man sich in dieser Zeit mit „milden Gaben“ durch.
Der Himmel möge es mir vergönnen, mein Buch über das Wort und die geistigen Realitäten
- mag es fragmentarisch wie immer ausfallen- fertig in die Welt hinaus zu bringen.

13. August 1918
Die Mitzi schildert sehr verlockend das Land, wo Milch und Honig fließt.
Der Hauer hat mir auch von seinem Zigarettentabak aufgedrängt.

14. August 1918
Mittags sehr ärgerlich über das ganze unzulängliche Schweinefutter. Die Sardinen, die mir gestern die Frau Hauer mitgab, mussten mir aus der Not helfen. Aber es war mühevoll zu ihnen zu gelangen und überdies protestierte der Magen heftig gegen sie. In diesen Tagen machte ich die Bekanntschaft eines gewissen Flammer, Besitzer des „Eisernen Hauses“. Er lud
mich ein, stellte mir Obst aus seinem Obstgarten in Aussicht und versprach auch, mir gelegentlich Lebensmittel aus Wien, Würste und dgl. zu besorgen.

16. August 1918
Neustadt. Beim Abendessen haben wir – kriegsmäßig zwar – aber sehr geprasst.

19. August 1918
... beim Hauer. Jause, reichliches Abendessen, Paket für die Reise im Nachtpersonenzug. Im übrigen lässt sich hier in Wels noch immer ganz gut leben, ohne dass man ein
Kriegsgewinner zu sein braucht. – Mitzi hat Zigarren, zwei Kistchen, und Zigarettentabak aufgehoben für mich. Höchst willkommen.

24. August 1918
... peinlich empfinden lässt, wenn man mir außerordentliche Gefälligkeiten und Liebenswürdigkeiten, Liebeswürdigkeiten im wahrsten Sinne des Wortes erweist. Ich habe einen tiefverwurzelten Hang zur Undankbarkeit in mir, eine innere Dankunfähigkeit.

26. August 1918
Wieder hat mir Luise ein Glas Marmelade mitgegeben.

September 1918

12. September 1918
Drei Tage in Neustadt. Festtage im grauschwarzen Alltag der Kriegsnot, Oasen in der Esswüste dieser Zeit (das gestrige Mittagessen beim Beisteiner ausgenommen). Heute kam ein Kistchen aus Rumänien an – unversehrt – mit Mehl, Marmelade, Zigaretten und Tabak.

22. September 1918
Die zwei Lehrerinnen haben wieder begonnen, mich zu „versorgen“. Einmal luden sie mich zum Abendessen ein, vorgestern ließ mir die Höferl Butter und Brot zukommen, heute schickten sie mir nach dem Mittagessen zwei Stück Pflaumenkuchen.

24. September 1918
Gestern zum Abendessen bei den Lehrerinnen, wozu allerdings ich diesmal meinen Teil beigesteuert hatte, Mehl und Marmelade.

30. September 1918
Gestern nachmittags war ich mit den Lehrerinnen im Kaffeehaus, abends wieder bei ihnen zum Abendessen. Ins Kaffeehaus kann man eigentlich nicht mit ihnen gehen, da benehmen sie sich etwas „provinzlerisch“.

Oktober 1918

Abb. 6: Gänsebraten

3. Oktober 1918
Bei Hauer. Jause, Butterbrot, Cakes, Zigarren.
Man sollte alle seine Gedanken im „Dialog mit Gott“ zum Wort werden lassen, sie im „Dialog mit Gott“ aus- und zuendedenken.

8. Oktober 1918
... krank: – Abends schickten mir die Lehrerinnen eine Omelette.

13. Oktober 1918
Morgens nach Wien gefahren, teils vor der Langeweile eines Gablitzer Sonntags fliehend, teils um mich wieder einmal an- und satt zu essen…. das obligate Packerl der Frau.

14. Oktober 1918
Mittags leistete mir die Mizera Gesellschaft und lud mich zum Abendessen ein.
Nachmittags erwartete ich in Purkersdorf den Hauer, der mit Kerzen und der neuen Fackel kam.

17. Oktober 1918
Dann mit der Mizera. Eine Einladung zu einer kalten gebratenen Gans für den Abend schlug ich nicht aus.

18. Oktober 1918
Krausvorlesung: Vor 10h erst kamen wir zum Abendessen.
Wieder ein Kistchen vom Schach mit Mehl, Eiern und Tabak.

Exkurs: Im Oktober waren die Schulen mehrere Wochen wegen der spanischen Grippe geschlossen. Die Vorlesung von Karl Kraus fand statt. Und die Leute drängten sich, wie Ebner bemerkt.

20. Oktober 1918
brachte bei der Gelegenheit dem Atzinger Zigaretten und Tabak vom Schach.

24. Oktober 1918
nach dem äußerst miserablen Mittagessen im Kaffeehaus. Die Mizera hat mir aus dem rumänischen Mehl einen großen Laib Brot gebacken. Mit ihm also wäre der Hunger wieder für einige Tage verbannt

25. Oktober 1918
Vormittags machte ich eine Aufzeichnung, die auf einmal – wie und warum weiß ich nicht – in mir Hoffnungen weckte, ich könnte vielleicht doch noch einmal zu einer die Veröffentlichung im Auge habenden Zusammenfassung und Bearbeitung meiner Gedanken über das Problem des Wortes kommen.

27. Oktober 1918
Von der Höferl bekam ich heute ein beträchtliches Stück Butter.

28. Oktober 1918
... getrieben, die Arbeit über das Wesen des Wortes anzupacken. Ich richtete mir Papier her, zögerte dann lange, den ersten Satz niederzuschreiben und schrieb dann doch ein kleines Stück, aber schon abbrechend, ehe mir noch der „Atem“ ausgegangen war. Ich habe nicht den Mut fortzusetzen.

31. Oktober 1918
Das Abendessen so, als feierten wir die Geburt des neuen Staates: Gänsebraten, Schweizer Käse, Kuchen aus weißestem Mehl.

November 1918

1. November 1918
Neustadt Mit dem Hauer beim Beisteiner – das teuerste Mittagessen meines Lebens

6. November 1918
Von der Höferl bekam ich heute abermals ein Stück Brot und Butter. Das ist wohl das letzte.

15. November 1918
Namenstag der Frau (Hauer), dann „feierten“ wir – bis gegen 11 – und aßen und tranken, wie in den Tagen Noas – wir leben ja auch jetzt mitten im Untergange einer Welt. Das sollten wir ja nicht vergessen im Rausch des Revolutionsoptimismus, in den vielleicht alle mehr oder weniger hineingeraten sind, die unter der Not des Krieges zu leiden hatten.

16. November 1918
Der Gedanke, mich nun doch an die Arbeit über das Wortproblem zu machen, beschäftigt mich immer wieder.
Die Lehrerinnen versorgten mich reichlich mit Brot und mit einem nicht unbeträchtlichen Stück Butter. Abends war ich bei ihnen zum Abendessen.

21. November 1918
Alle die Tage her viel beschäftigt mit dem Gedanken, die Fragmente über das Wortproblem zu „redigieren“.

28. November 1918
Mittagessen beim Hahn auf der Mariahilferstraße – gut, aber etwas teuer.
Über dies und das hin- und hergeredet, auch über das Problem des Worts

29. November 1918
Heute, morgens schon, mit dem 1. Fragment über das Problem des Wortes begonnen.
Die Mizera lud mich zum Jausentee ein und auch beim Abendessen war ich bei ihr, die ganze Prozedur des Kochens mit ansehend. Ich steuerte eine Flasche Wein bei – zur Feier meines Urlaubsantritts.

Abb. 7: Ebners Flasche Wein

Dezember 1918

1. Dezember 1918
Ich setzte mich zum Schreibtisch und brachte das 1. Fragment um ein Stück weiter.
D h. also, ich habe nun doch mit der Arbeit über das Wort und die geistigen Realitäten
– das wird ihr Titel sein – begonnen.

2. Dezember 1918
Mittags schon fuhr ich zurück, nachdem ich beim Hahn (in Wien) gegessen hatte.
Er (Hauer) erklärte sich „voll Begeisterung“ bereit, die Reinschrift zu übernehmen. Mit dem Schach den Nachmittag verbracht. Nun hab ich wieder Zigaretten, Tabak und sogar ein paar gute Zigarren. Abends „prassten“ wir beim Klebl.
Die Arbeit über das Wort ist nun wirklich im Gange, nachdem ich in dieser Woche zum dritten Mal angefangen habe.

8. Dezember 1918
Luise richtete ein so reichliches Gabelfrühstück, dass ich auch heute mit Leichtigkeit auf das Mittagessen verzichten konnte.

9. Dezember 1918
Das 9. Fragment fertiggebracht.

10. Dezember 1918
Heute das 10. Fragment – langsam, mit vieler Mühe des Denkens. Bei den Lehrerinnen zum Abendessen.

12. Dezember 1918
Mittags beim Hahn auf der Mariahilferstraße in Gesellschaft des Kollegen Abel.

13. Dezember 1918
Morgens doch versucht, an einem Fragment zu arbeiten. Es ging aber nicht.

21. Dezember 1918
Morgens an dem Fragmenten über die Sinne weitergeschrieben. Das wächst sich zu einer kleinen Abhandlung aus. Die Sekretärin, die mir jetzt täglich meine Kartoffel zum Gabelfrühstück siedet, ließ mir einen Laib Brot zukommen. Einen zweiten bekam
ich mittags von der Mizera. Also bin ich wieder reichlich versorgt. Abends bei den Lehrerinnen beim Abendessen

22. Dezember 1918
Vormittags ein paar Seiten geschrieben.

23. Dezember 1918
Heute verzichtete ich ganz darauf, an den Fragmenten weiterzuschreiben.

25. Dezember 1918
Vor 1h erst war ich ins Bett gekommen, hatte ein paar Stunden nur geschlafen und wachte mit einem ‘wüsten’ Kopf auf, als ob ich gestern ein Trinkgelage mitgemacht hätte. Grippeverdächtiges Unwohlsein, auch bei L. – bald nach dem Abendessen trennten wir uns.

1919

 

Jänner 1919
... das Jahr mit den zwei Neunzehnern, das Jahr, das der Welt den Frieden bringen soll.

13. Jänner 1919
Gestern wagte ich mich, in Gesellschaft des Schach, ins Kaffeehaus. Die frische Luft tat mir wohl. Abends arrangierte der Schach beim Klebl ein Abendessen: Kaiserschmarren, Marmelade, Wein, Zigaretten, Schwarzer Kaffee.

So hätte ich eigentlich schon wieder angefangen, der Banalität des Alltags und seiner banalen Abwechslung mein Augenmerk zuzuwenden.

Abb. 8: schwarzer Kaffee

 

15. Jänner 1919
Der Himmel hat gewiss nichts gegen die wahre Freude am Leben.
Gestern begonnen mit der ‘Karlsbader Kur’. Der vorgeschriebene Spaziergang vor dem Frühstück erfrischt meinen Geist, aber ermüdet den Körper. Die Ernährungskalamität fühlbarer denn je. Fast jeden Tag verderb ich mir neuerdings den Magen. Sie (Luise) hat mir Backwerk geschickt, ist aber noch nicht angekommen.
Heute Paket aus Wels mit Zwieback, Tee, Zucker, Zigarren und Zigaretten.

20. Jänner 1919
Ich bin jetzt wieder sehr zum "essenden Tier" geworden – hungrig gemacht durch die Entfettungskur und den täglichen Morgenspaziergang. Die ersten Vormittagsstunden stehen fast ganz im Bann animalischer Bedürfnisbefriedigung. Es sieht wahrhaftig schmählich in mir aus. Mein geistiges Leben ist ja wirklich nichts anderes als die Überspannung und Überspanntheit meiner Existenz in ihrer Erdgebundenheit, also kein wahres geistiges Leben.

22. Jänner 1919
An den Fragmenten weitergearbeitet. …auf das Paket von L. vergebens gewartet. Dafür eine zweite reichliche Sendung aus Wels. Fast, dass ich im Überfluss stecke: Die Mizera hat mir den zweiten Biscuitkuchen in dieser Woche gebacken, die Sekretärin einen Zwieback – auch schon seit meiner Erkrankung das zweitemal – und aus meinem Welser Mehl einen Wecken und sie trat mir einen Laib Brot ab.
Nicht nur das geistige ‘Objektivwerden’, auch das Versinken in der erdgebundenen Banalität unsres Daseins kann dem Menschen zur Gefahr für sein geistiges Leben werden.

23. Jänner 1919
An den Fragmenten fleißig und nicht unglücklich weitergeschrieben.

24. Jänner 1919
Korrigierend an den Fragm. weitergeschrieben. Vom Hauer Zigarren

25. Jänner 1919
In Neustadt. Nach vierwöchentlichem Gablitzer Exil. …Alles will mich jetzt mit Lebensmittel versorgen – auch sie ( Zelenka).An den Fragmenten Einiges herumkorrigiert.

26. Jänner 1919
Hier trank ich mit dem Schach bei der Mizera Tee und ging dann heim. Auspacken. Ich
stecke momentan wieder mitten drinnen in einem großen Überfluss und das verwirrt mich.

27. Jänner 1919
Vormittag an den Fragmenten stilistisch herumkorrigiert und fleißig Streichungen vorgenommen. Nachmittag kam der Hauer – mit einem Paket von der Frau.

28. Jänner 1919
Leben in Fraß und Völlerei. Vormittag wieder Korrekturen. Manches ist ganz umzuschreiben. Bekomme ich jetzt erst die Karlsbader Kur zu spüren?

29. Jänner 1919
Gestern bei den Lehrerinnen zum Abendessen. Die Mizera hatte mir ein Stück Fleisch verschafft und auch gleich zubereitet. Wiederaufnahme der Entfettungskur.

Februar 1919

So 2. Februar 1919
meine Vorräte sind so ziemlich zu Ende, die Lamel hat Eier für mich in Wien deponiert,
ein Paket aus Wels ist nun auch verloren gegangen, am Freitag hatte der Schach bei der Mizera ein Abendessen arrangiert und heute war ich mit ihm im Kaffeehaus. Geistig existieren – ich habe ja noch gar nicht damit angefangen, obwohl ich ein Buch darüber schreiben will.

7. Februar 1919
Diese Woche …Arbeit an den Fragmenten. Der Hauer kam zweimal, am Montag mit den Eiern, am Mittwoch mit einem Biskuitkuchen von seiner Frau. Am Montag hatte mir die Mizera wieder Fleisch verschafft und gekocht, am Dienstag einen Pudding.
Am Donnerstag war ich zur Jause beim Schach – am Klavier herumklempernd. Abends mit ihm bei der Mizera –Prassen.

8. Februar 1919
Christ werden – das ist für jeden die unendliche Aufgabe seines geistigen Lebens.
Sieben Stunden. Der Südbahnzug konnte aus Wien nicht hinaus – keine Kohlen. Ich kam ganz durchfroren hier ( Wr. Neustadt) an.

9. Februar 1919
Es gibt eine Lust und sogar Wollust des Erkennens.

16. Februar 1919
dass dieses Buch, wenn es überhaupt gedruckt wird, dem Andenken meines Vaters gewidmet sein wird? Fragment (12) über die Mathematik fertig.

19. Februar 1919
Für die nächsten Tage und die nächste Woche habe ich nichts anderes vor mir als die Hoffnung, an den Fragmenten weiterzuschreiben.

22. Februar 1919
Die ganze Woche sehr fleißig an den Fragmenten gearbeitet und viel weitergebracht,
dass ich mich gar nicht mehr weit vom Schlusse sehe. Ginge das so weiter, so wäre ich in 2 Wochen fertig. Meine Arbeit hat mich bis zum Kapitel über Weininger ( Fragm. 16) geführt.

26. Februar 1919
Paket aus Wels mit Mehl und Eiern, Kondensmilch und Speck.
Gestern abends mit dem Schach erster ‘Frühlingsspaziergang’ gegen Mauerbach. Heute das Fragment über den Sinn der Erkenntnis – das vorletzte.

März 1919

Samstag 1. März 1919
Heute vormittag schrieb ich die Schlußworte zum letzten Fragment.
Diese Arbeit ist der Höhepunkt meines irdischen Lebens .

7. März 1919
... schrieb ich an den letzten Einträgen zu den Fragmenten.

11. März 1919
endlich wieder ein „freier Mensch“ und „freier Denker“ zu sein, der sich nicht nach dem Frühstück zum Schreibtisch zu setzen braucht, um dort auszuharren bis zum Abendessen.

12. März 1919
In einen wundervollen Abend hinein gingen wir über den Rabenstein herunter. Nach dem Abendessen musste ich noch eine Tasse Tee bei ihm (Schach) trinken.

14. März 1919
Reinschrift des Manuskripts begonnen. Paket aus Wels mit Eiern, Mehl und andern.

21. März 1919
An eine Veröffentlichung denke ich gar nicht.
Verleger – Prozedur des Drucks - Korrekturlesen- prrr!

24. März 1919
Nach dem Mittagessen machte sich der Hauer gleich an die Abschrift des Manuskripts. Er macht die Sache wirklich schön. Zurückgefahren. Hier fand ich ein Paket aus Wels mit 20 St. Eiern, einer großen Fleischwurst, etwas Butter und Gries.

25. März 1919
Fast für die ganze Woche ist das ‘Ernährungsprogramm’ festgestellt.

28. März 1919
Gestern abends abermals bei der Mizera, das Essen arangierte in der Hauptsache der Schach, die Zutaten lieferte ich. Experiment mit dem magnetischen Pendelausschlag eines an einem Haar hängenden Goldrings über einem Eisenstab,….

30. März 1919
Er ( Hauer) hat die ganze Woche fleißig an der Abschrift gearbeitet. In Purkersdorf erwartete mich der Schach, der abermals ein Abendessen bei der Mizera vorbereitet hatte.
Die Fragmente über das Wort hätten so und nicht anders geschrieben werden sollen.

April 1919

1. April 1919
Dienstantritt, um aber gleich wieder vom Chef heimgeschickt zu werden. Tagüber ein paar Seiten an der Reinschrift, im Kaffeehaus, abends bei der Mizera ein ziemlich kommunistisches, aber nicht gerade zeitgemäßes Abendessen.

10. April 1919
Schach, der dann bei der Mizera ein Abendessen arrangierte. Mich drängt es schrecklich, meine Arbeit restlos fertig zu kriegen. Heute begann ich die Reinschrift des letzten Fragments, das sind etwa 20 bis 25 Seiten.

11. April 1919
Die interessantesten Fragmente…das sind die drei letzten.

Samstag 12. April 1919
Gegen Abend schloß ich die Reinschrift der 18. Fragm. über das Wort ab und so bin ich denn, nachdem ich den schon am 1. März geschriebenen Schluß wesentlich geändert habe, mit dieser Arbeit wirklich restlos fertig geworden.
So ganz ohne Feier ließ ich das nicht sein – ich lud Schach auf ein Glas Wein zum Klebl ein.

13. April 1919
... froh bin ich, dass ich fertig bin, dass ich jetzt nicht mehr Tag für Tag von 7 h früh bis 7 h abends beim Schreibtisch zu sitzen habe, dass ich lesen kann, was mich freut, dass ich wieder ein „freier Denker“ bin.

14. April 1919
Es fehlte nur noch, dass mich meine Fragmente irgendwie aus meiner sozialen und intellektuellen Einsamkeit herausrissen.
Gründonnerst. 17. Magere Ostern – vielleicht gar ganz fleischlos. Auf ein Paket aus Wels hatte ich doch gehofft. Zum Glück hat mir die Mizera Cakes gemacht und mir überdies einen Laib Brot überlassen, so dass ich mich also auf diese Weise sattessen kann.

25. April 1919
Gestern mittags nach Wien. Nun ist auch Hauer mit der Abschrift der Fragmenten fertig geworden. Und jetzt? Übernachtet. Nach Monaten, im Café Imperial.

Mai 1919

7. Mai 1919
Der Hauer schleppte mich in die Ausstellung des Schweizer Malers Johannes Itten .

18. Mai 1919
Abendessen bei der M. Ich war sehr aufgeräumt – eigentlich, weil ich etwas zu viel Wein getrunken hatte.

22. Mai 1919
... las ich mir die Fragmente durch. Es stimmt da alles so wunderbar – Und es ist nichts, das ich bereute, geschrieben zu haben, weder im Einzelnen noch im Ganzen.

Juni 1919

6. Juni 1919
Tag für Tag mit dem Schach bei der Mizera zum Abendessen.
Gestern nach P.(urkersdorf) und im Kaffeehaus: das Vorwort zu den Fragmenten, für den Fall der Veröffentlichung. Also recht voreilig.
Pfingstsamst. 7. Neustadt. Hier – die Hunger- und Kommunistenstadt.
Kommunismus ist eine Forderung der Hungrigen. Satte sind gegen ihn.

16. Juni 1919
Das Vorwort zu den Fragmenten habe ich noch einmal geschrieben, das famose Gutachten an die Spitze stellend. Das ist nun eine arge Satire. Aber ich habe das Gutachten ja nicht böswillig erfunden.

23. Juni 1919
Die Mizera hatte ein Abendessen bereit. Zum Scherzen bereit – ich nämlich. -

8. Juni 1919
Strache-Verlag und Veröffentlichung der Fragmente. Vorläufig ließ ich nur das Vorwort dort.

11. Juni 1919
Abends feierten wir bei der Mizera den Namenstag des Schach.

15. Juni 1919
Der Thom vom Strache-Verlag interessiert sich nicht weiter für die Fragmente – ganz in der Ordnung. Nun schicke ich sie dem Th. Haecker, vielleicht morgen gleich.

17. Juni 1919
Gestern vormitt. wurden die Fragmente an Haecker abgeschickt – Assistenz Hauers.

August 1919

5. August 1919
Abends beim Rockenbauer in Grinzing. Die Trivialität der Heurigenmusik – die man sich am Ende noch gefallen lassen könnte – verschmiert durch Operettensentimentalitäten

Abb. 9: Beim Heurigen in Grinzing

Es folgen nur mehr wenige Eintragungen zum Essen, aber noch viele bis die Fragmente gedruckt sind.
Somit auf Wiedersehen am 13. März 2022.

Quellen:
Ferdinand Ebner: Tagebücher & Fragmente
Foto: © Dr. Herbert Limberger 

Warum ist Ebner für polnische Semantik interessant?

Wie lässt sich die Wahrheit an das Du binden?

 

Ewa Drzazgowska
Chojnice / Warszawa, Polen

Ferdinand Ebner betont, wie Sie es ganz sicherlich wissen, die Untrennbarkeit der Ich-Du-Beziehung und der Sprache. Die Sprache betrachtet er dabei in erster Linie als aktuelles Sprechen.
Die Beziehung zwischen Ich und Du ist für ihn in jeder Aussage gegenwärtig, auch wenn nicht immer auf der Oberfläche. Die Beziehung sieht er dabei an – erlauben Sie mir diese paradoxe Ausdrucksweise – als in seiner speziellen Asymmetrie symmetrisch. Die Asymmetrie kommt von der Eigenart der beiden Rollen, die sich aufeinander nicht zurückführen lassen. Die Symmetrie dagegen – erstens davon, dass sie in der sprachlichen Praxis immer wieder und notwendigerweise wechselt, zweitens aber, dass das Funktionieren des einen durch das Funktionieren des anderen bedingt ist. Um Ebner selbst hier sprechen zu lassen:
„Weil das Ich und das Du immer nur im Verhältnis zueinander existieren, gibt es ebenso wenig ein absolut duloses Ich, als ein ichloses Du zu denken wäre. Das Wort ist dasjenige, wodurch nicht nur die Existenz, sondern vor allem das Verhältnis beider objektiv konstituiert [...] wird.”

Abb. 1: Ewa Drzazgowska beim Vortrag am 11.4.2018

Als solche „ersetzen” die beiden Worte, ich und du, bei Ebner „direkt” die Person. Die zwei Rollen, die sie festlegen, bilden sozusagen „zwei Bestandteile der Persönlichkeit” (wie Joanna Zaucha, eine Semantikerin und Leserin Ebners in Polen sich ausdrückte, der meine jetzige Aussage viel verdankt) – man kann aber weder das „direkte Ersetzen” Ebners, noch diesen Charakter der Bestandteile „mechanistisch” deuten; das verstehen Sie gewiss gut. Nun, wie man sie deuten müsste, ist immer noch eine offene Frage.
Ebner gibt sich viel Mühe, zu zeigen, dass die Beziehung mit der wesenhaften Zweiheit der Ich und Du-Rolle im Bereich der Sprache und des Geistes das Ursprüngliche ist. Dass es hier demnach keine perspektivenlose Stellung (kein „view from nowhere”) gibt; und zwar in dem Sinne, dass eine solche Stellung immer durch eine Illusion belastet sein muss.
 
Was bedeutet das aber für die Sprachtheorie?
Muss sie sich immer – in der Suche nach Objektivität – von einer Illusion belastet oder zumindest bedroht finden? Bedeutet das aber nicht einen Skeptizismusverfall, den Ebner selbst zu vermeiden suchte? Davon zeugt doch das Platonische Motto zu den Fragmenten:
„Davor müssen wir uns also zunächst hüten, wir dürfen niemals in der Seele den Gedanken aufkommen lassen, in den Worten sei kein Halt”.
Wie ist der Ausweg aus diesen Schwierigkeiten?
 

Die Suche
nach dem Halt in den Worten

Ebner stellt sich – Plato folgend – die Frage nach dem Halt in den Worten. Und er geht mit dieser Frage – von den Fragmenten zu dem Versuch eines Ausblicks… - einen Weg.
Man muss aber erklären, um was für ein Problem es geht, wenn man hier mit Plato und Ebner über den Halt spricht. Es geht um die Beziehung der Sprache auf Wirklichkeit, es geht um die große Frage aller echten Sprachphilosophie. Wie kommt es, dass die Worte Beziehung auf die Wirklichkeit haben? Wie kommt es, dass sie wahr sein können? Es geht also unter anderem – um „kantisch” zu sprechen – um die Möglichkeitsbedingungen der Wahrheit.
Die Ebnersche Antwort aus den Fragmenten ist ziemlich gut bekannt: Ebner beruft sich (hier auch dem jungen Plato und nach ihm vielen anderen folgend) auf die Ethymologie und den lautlichen Symbolismus. Später, im Versuch, ändert er seine Position und beruft sich in der Suche nach dem Halt auf die Metapher.
Es gibt aber auch einen anderen Weg auf der Suche nach dem Halt. Dieser Weg wurde in den Ebnerschen Zeiten gegangen und traf sich mit dem Ebners – es geht mir um die ungeheuer erstaunende Tatsache, dass die Fragmente einmal auf dem Schreibtisch Ludwig von Fickers neben dem Tractatus Ludwig Wittgensteins lagen.
Der Weg Wittgensteins führt erstmals zu der Identität der Form, der logischen Mannigfaltigkeit zwischen Worten (Sätzen) und Situationen im Tractatus. Die Mannigfaltigkeit hat aber dabei – bekannterweise – die unaussprechbare, sich nur direkt im Sprechen zeigende, Natur. Wittgenstein folgte auf diesem Weg dem älteren Plato und Leibniz. Bekannterweise verließ er aber danach diese Position, um zur Mannigfaltigkeit der menschlichen Lebensformen, Aktivitäten in den Untersuchungen zu gelangen. Aus dieser Mannigfaltigkeit heraus versuchte er die Sprache als Mannigfaltigkeit der gleichgestellten sprachlichen Aktivitäten zu beschreiben, aber nicht mehr zu erklären. Ob das ein Skeptizismusverfall war, wage ich hier nicht zu beantworten.

Die ausgezeichnete Rolle der Wahrheit
in der Suche nach dem Halt

Nun kann man nicht leugnen, dass das Sprechen eine Mannigfaltigkeit der Aktivitäten darstellt. Es gab Versuche – und zwar vom Anbeginn der Sprachreflexion an – diese Mannigfaltigkeit zu ordnen.
Einer der bekanntesten ist der Karl Bühlers. Bühler ordnete die sprachliche Mannigfaltigkeit vom Standpunkt der Struktur jedes Sprechaktes an. Die Bühlersche Beschreibung dieser Struktur würde Ebner gern annehmen. Ich glaube, dass auch Wittgenstein, auch der frühe, sie nicht in Frage stellen würde. Erinnern wir uns hier an die schon klassische Bühlersche Beschreibung: es gibt in jedem Sprechakt außer der Handlung des Sprechens selbst: den Sprechenden, den die Worte Empfangenden und den Gegenstand des Sprechens, also die Wirklichkeit. Demzufolge kann der Sprechakt eine expressive, eine appellative und eine symbolische Funktion aufweisen – je nachdem welches Element der Struktur dominiert. Bühler hat hier nichts ausgezeichnet.
Eine Auszeichnung drängt sich aber auf, wenn man den Weg der Suche nach dem Halt in den Worten antritt. Wir suchen doch die Grundlage der Möglichkeit, sich auf die Wirklichkeit zu beziehen und davon Wahrheit zu sagen. Es geht uns also um die Wirklichkeitsbeziehung und den Wahrheitsgehalt des Sprechens. Die kommen in der symbolischen Funktion des Sprechens ans Licht.
 

 

Abb. 2:Bild: Fragmente – Festl

Ein Streit im Schoß der Sprachtheorie

Andrzej Bogusławski betrat diesen Weg, indem er dem alten Plato, Leibniz und dem jungen Wittgenstein folgte. Er zeichnete die Bühlerschen symbolischen Aussagen aus, wobei es ihm um die Behauptungen ging, deren Thema und Askription (logisches Prädikat, d.h. Charakteristikum, das vom Thema ausgesagt wird) algebraisch trennbar sind. Diesen Aussagentyp zeichnete er als Grundlage aller anderen Aussagentypen aus. Die Grundfunktion des Sprechens beruhe in dieser Auffassung – etwa grob gesagt, aber in grundsätzlichen Umrissen so wie es Plato und Aristoteles wollten – auf der Präsentation des Wissens, das man von jemandem oder von etwas hat. Es lasse sich – nach der festen Überzeugung Bogusławskis – diesen klassischen Punkt der Sprachtheorie – dem alten Wittgenstein und seinen Nachfolger zuwider – nicht verwerfen.
Bogusławski ist aber dabei, wie die anderen, auf der Suche, d.h. er modifiziert seine Position. Vor einiger Zeit wollte er nämlich alle anderen Aussagentypen (auch solche Grundtypen wie Fragen und Imperativa) als auf die assertorischen Aussagen reduzierbar sehen. Später musste er aber zugeben, dass eine solche Reduktion, zumindest im Falle der Fragen und Imperativa, nicht machbar ist.
Warum? Sie würde die Spezifik dieser Aussagentypen zunichtemachen. Dennoch bleibt Bogusławski aber auf der Position, den Behauptungen die zentrale Stellung im Schoß des Sprechens zuzumuten. Sein Hauptargument ist dabei das, es lasse sich sonst der Platonische Halt in den Worten nicht erklären: denn wir ertränken sonst den Wahrheitsanspruch im Meer der sprachlichen Mannigfaltigkeit. Dann bleibt uns nur die Konvention, die notwendigerweise zum Skeptizismus führt.

Und auch Ebner wollte die Konvention als Grundlage der Sprache nicht zulassen. Allerdings würde er vermutlich die zentrale Stellung der Präsentation des Wissens für das Leben der Sprache anzweifeln. Es würde ihm hier wohl die für ihn grundlegende „Duhaftigkeit” des Sprechens fehlen.
Und auch unter den Schülern Bogusławskis werden Stimmen hörbar, dass „Ebner Recht hatte, wenn er die Sinnhaftigkeit des Sprechens und der Sprache nur im Gerichtetsein der Aussage an ein Du sah”. Es lässt sich hören, der Sprechende brauche für sich selbst sein Wissen nicht präsentieren; er handle einfach danach.
Vielleicht sollte man in Anlehnung an die Ebnersche Position den appellativen Aussagentypen die zentrale Stellung in der Sprache zu erkennen. Die sind doch inhärent an ein Du gerichtet.
Wie steht es dann aber mit dem Wahrheitsanspruch und dem Halt in den Worten?
Wir wissen alle, dass Ebner keineswegs auf die zentrale Stellung des Wahrheitsanspruchs verzichten wollte. Er verband aber die Anwesenheit dieses Anspruchs eng mit seiner Erkenntnis des Sprechens als Beziehung zwischen Ich und Du. Die Wahrheit im engen Sinne könne nur da erscheinen, wo es ein Du gäbe. Und in diesem Sinne sei sie immer persönlich, mit dem Leben der Person verbunden.
Die Frage ist nun: Wie kann man die sprachliche Mannigfaltigkeit ordnen, so dass die Ordnung den Halt nicht verlieren lässt und zugleich dem Postulat Ebners Genüge tut?
Es geht mir hier um das Postulat der Bindung der Wahrheit an das Du.
Einige Schritte bin ich in diese Richtung gegangen. Ob da sich jede Illusion vermeiden lässt, kann man nie sicher sein.

Der Vortrag wurde 2018 bei der Tagung „Ebner blüht“ in Gablitz gehalten.

Service:
Ich habe die Vortragende gebeten, uns einen Blick in die polnische Ebner-Literatur zu ermöglichen.
Danke für die nachfolgende Auflistung (Stand März 2018).

Auf Wiedersehen am 10. April 2022 mit Wittgenstein -- Ebner

 

Einladung:

Der Wiener Neustädter Denkmalschutzverein freut sich,
anlässlich des 140. Geburtstages des großen Philosophen FERDINAND EBNER
zum Festakt und Enthüllung des Gedenksteines
am Freitag, den 25. März 2022, 10.00 Uhr Kurze Gasse 7, 2700 Wiener Neustadt
einzuladen.

Originaleinladung DOWNLOAD
Dr. Limberger im Auftrag des Präsidenten Prof. Dr. Schmidinger
 

Neuere polnische Texte zu Ebner:

E. Drzazgowska, O fundamentalnych relacjach między prawdą, wolnością, dialogiem i budowaniem tożsamości – z perspektywy teorii mowy [Von den fundamentalen Zusammenhängen zwischen der Wahrheit, Freiheit, dem Dialog und Bauen der Identität aus der Sicht der Sprachtheorie], Paedagogia Christiana 2017.

T. Gadacz, Filozofia dialogu [Dialogphilosophie], [w:] Historia filozofii XX wieku, t. II, Znak, Kraków 2009, s. 522-537.

M. Grabowski, Egzegeza filozoficzna. Trzy ilustracje [Philosophische Exegese. Drei Beispiele], Logos i Ethos, 2013.

M. Hołda, Logika serca: Ebner i Tischner [Logik des Herzens: Ebner und Tischner], Paedagogia Christiana 2017.

J. Jagiełło, Logos i wiara: czyli o Bogu-człowieku, który pojawia się w myśleniu z głębi mowy [Logos und Glaube oder vom Gott-Mensch, der im Denken aus der Tiefe der Sprache erscheint], [w:] Joanna Barcik, Grzegorz Chrzanowski OP (red.), Jeśli Bóg jest... Księga jubileuszowa na siedemdziesiąte urodziny Ojca Profesora Jana Andrzeja Kłoczowskiego OP, Instytut Myśli Józefa Tischnera, Kraków 2007, s. 63-75.

J. Jagiełło, Bóg jako jedyne Ty mojego Ja. Problematyka Boga w kontekście dialogicznego doświadczenia bycia [Gott als das einzige Du meines Ich. Gottproblematik im Zusammenhang des dialogischen Seinserfahrung], [w:] Joanna Barcik, Grzegorz Chrzanowski OP (red.), Demitologizacja, świadectwo, dialog. Niemiecka filozofia religii, Instytut Myśli Józefa Tischnera, Kraków 2008, s. 77-97.

J. A. P. Kostyło, Ferdinand Ebner i paradoks samotności [Ferdinand Ebner und das Paradox der Einsamkeit], Paedagogia Christiana 2015.

J. Skarbek-Kazanecki, O potrzebie wołacza. Vocativus z perspektywy filozofii dialogu [Vom Bedürfniss nach Vocativus aus der Sicht der Dialogphilosophie], Ogrody Nauk i Sztuk 2016.

K. Skorulski, W poszukiwaniu początku dialogu: Ebner i Freire [In der Suche nach dem Anfang des Dialogs: Ebner und Freire], Przegląd Filozoficzny – Nowa Seria, 2012.

K. Skorulski, W poszukiwaniu ostatecznej pewności: Kartezjańskie cogito i Ebnerowskie słowo [In der Suche nach der endgültigen Gewissheit: das Cogito Descartes und das Wort Ebners], Kwartalnik Pedagogiczny, 2015.

K. Skorulski, Aktualność i performatywność słowa [Aktualität und Performativität des Wortes], Paedagogia Christiana 2015.

K. Skorulski, Słowo i pustosłowie [Das Wort und die Phrasendrescherei], Przegląd Pedagogiczny, 2013.

K. Skorulski, Potrzeba przełomu. Dialogiczne spojrzenie z Ferdinandem Ebnerem na rozwój sytuacji duchowej we współczesnych społeczeństwach Europy [Das Bedürfniss nach der Wende. Der dialogische Blick mit F. Ebner auf die Entwicklung der geistigen Situation in den gegenwärtigen Gesellschaften Europas], Filozofia chrześcijańska, 2012.

A. Węgrzecki, Wokół filozofii spotkania [Zur Philosophhie der Begegnung], Kraków: WAM 2014.

K. Wieczorek, Filozofia śladu i obecności. W poszukiwaniu filozoficznych perspektyw poznania Boga przez słowo i pismo [Philosophie der Spur und der Gegenwart. In der Suche nach philosophischen Perspektiven der Gotteserkennntnis durch das Wort und die Schrift], Forum Teologiczne 2011.

 

Quellen:
Fotos:
Abb. 1: ©Glazmaier Gerhard 2018
Abb. 2 und Rest © Dr. Herbert Limberger
Zeichnungen: Iago, Ferdinand Ebner Volksschule 

Wer war Luise Karpischek?

Luise Karpischek würde am 12.1.2023 150 Jahre

 


Rechtzeitig zum Geburtstag ist eine Masterarbeit vorgelegt worden:

Wer war Luise Karpischek?

693 Briefe sind im Brenner-Archiv erhalten, die sie im Lauf von 31 Jahren an Ferdinand Ebner geschrieben hat.
Diese wurden von Tanja Ebner (Südtirol), transkribiert und ausgewertet.
Interessanten Fragen wird dabei nachgegangen:

• Welche Relevanz hatte Luise Karpischek im literarischen und wissenschaftlichen Schaffen des Philosophen Ferdinand Ebner?
• Wie kann die Beziehung zwischen Karpischek und Ebner charakterisiert werden?
• War Karpischek eine Geliebte, Mutterersatz, ebenbürtige geistige Korrespondenzpartnerin oder Schicksalsgefährtin in einer festgelegten Welt?
• In welchem Verhältnis steht Karpischek zu ihrem Geschlecht (im Sinne von gender) und den damit verbundenen gesellschaftlichen Konventionen?

 

Bei Interesse können Sie die Arbeit im Internet einsehen.
https://diglib.uibk.ac.at dann weiter mit dem Suchbegriff: Wer war Luise Karpischek?

 

 

Quellen:
Foto: Abb. 1: © Sammlung Dr. Herbert Limberger

 

Abb. 1: Bildausschnitt Tafel IX . Ausstellung 1981