Ferdinand Ebner

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Warum ist Ebner für polnische Semantik interessant?

Wie lässt sich die Wahrheit an das Du binden?

 

Ewa Drzazgowska
Chojnice / Warszawa, Polen

Ferdinand Ebner betont, wie Sie es ganz sicherlich wissen, die Untrennbarkeit der Ich-Du-Beziehung und der Sprache. Die Sprache betrachtet er dabei in erster Linie als aktuelles Sprechen.
Die Beziehung zwischen Ich und Du ist für ihn in jeder Aussage gegenwärtig, auch wenn nicht immer auf der Oberfläche. Die Beziehung sieht er dabei an – erlauben Sie mir diese paradoxe Ausdrucksweise – als in seiner speziellen Asymmetrie symmetrisch. Die Asymmetrie kommt von der Eigenart der beiden Rollen, die sich aufeinander nicht zurückführen lassen. Die Symmetrie dagegen – erstens davon, dass sie in der sprachlichen Praxis immer wieder und notwendigerweise wechselt, zweitens aber, dass das Funktionieren des einen durch das Funktionieren des anderen bedingt ist. Um Ebner selbst hier sprechen zu lassen:
„Weil das Ich und das Du immer nur im Verhältnis zueinander existieren, gibt es ebenso wenig ein absolut duloses Ich, als ein ichloses Du zu denken wäre. Das Wort ist dasjenige, wodurch nicht nur die Existenz, sondern vor allem das Verhältnis beider objektiv konstituiert [...] wird.”
Als solche „ersetzen” die beiden Worte, ich und du, bei Ebner „direkt” die Person. Die zwei Rollen, die sie festlegen, bilden sozusagen „zwei Bestandteile der Persönlichkeit” (wie Joanna Zaucha, eine Semantikerin und Leserin Ebners in Polen sich ausdrückte, der meine jetzige Aussage viel verdankt) – man kann aber weder das „direkte Ersetzen” Ebners, noch diesen Charakter der Bestandteile „mechanistisch” deuten; das verstehen Sie gewiss gut. Nun, wie man sie deuten müsste, ist immer noch eine offene Frage.

Abb. 1: Ewa Drzazgowska beim Vortrag am 11.4.2018

Ebner gibt sich viel Mühe, zu zeigen, dass die Beziehung mit der wesenhaften Zweiheit der Ich und Du-Rolle im Bereich der Sprache und des Geistes das Ursprüngliche ist. Dass es hier demnach keine perspektivenlose Stellung (kein „view from nowhere”) gibt; und zwar in dem Sinne, dass eine solche Stellung immer durch eine Illusion belastet sein muss.
Was bedeutet das aber für die Sprachtheorie?
Muss sie sich immer – in der Suche nach Objektivität – von einer Illusion belastet oder zumindest bedroht finden? Bedeutet das aber nicht einen Skeptizismusverfall, den Ebner selbst zu vermeiden suchte? Davon zeugt doch das Platonische Motto zu den Fragmenten:
„Davor müssen wir uns also zunächst hüten, wir dürfen niemals in der Seele den Gedanken aufkommen lassen, in den Worten sei kein Halt”.
Wie ist der Ausweg aus diesen Schwierigkeiten?

Die Suche nach dem Halt in den Worten

Ebner stellt sich – Plato folgend – die Frage nach dem Halt in den Worten. Und er geht mit dieser Frage – von den Fragmenten zu dem Versuch eines Ausblicks… - einen Weg.
Man muss aber erklären, um was für ein Problem es geht, wenn man hier mit Plato und Ebner über den Halt spricht. Es geht um die Beziehung der Sprache auf Wirklichkeit, es geht um die große Frage aller echten Sprachphilosophie. Wie kommt es, dass die Worte Beziehung auf die Wirklichkeit haben? Wie kommt es, dass sie wahr sein können? Es geht also unter anderem – um „kantisch” zu sprechen – um die Möglichkeitsbedingungen der Wahrheit.
Die Ebnersche Antwort aus den Fragmenten ist ziemlich gut bekannt: Ebner beruft sich (hier auch dem jungen Plato und nach ihm vielen anderen folgend) auf die Ethymologie und den lautlichen Symbolismus. Später, im Versuch, ändert er seine Position und beruft sich in der Suche nach dem Halt auf die Metapher.
Es gibt aber auch einen anderen Weg auf der Suche nach dem Halt. Dieser Weg wurde in den Ebnerschen Zeiten gegangen und traf sich mit dem Ebners – es geht mir um die ungeheuer erstaunende Tatsache, dass die Fragmente einmal auf dem Schreibtisch Ludwig von Fickers neben dem Tractatus Ludwig Wittgensteins lagen.
Der Weg Wittgensteins führt erstmals zu der Identität der Form, der logischen Mannigfaltigkeit zwischen Worten (Sätzen) und Situationen im Tractatus. Die Mannigfaltigkeit hat aber dabei – bekannterweise – die unaussprechbare, sich nur direkt im Sprechen zeigende, Natur. Wittgenstein folgte auf diesem Weg dem älteren Plato und Leibniz. Bekannterweise verließ er aber danach diese Position, um zur Mannigfaltigkeit der menschlichen Lebensformen, Aktivitäten in den Untersuchungen zu gelangen. Aus dieser Mannigfaltigkeit heraus versuchte er die Sprache als Mannigfaltigkeit der gleichgestellten sprachlichen Aktivitäten zu beschreiben, aber nicht mehr zu erklären. Ob das ein Skeptizismusverfall war, wage ich hier nicht zu beantworten.

Die ausgezeichnete Rolle der Wahrheit in der Suche nach dem Halt

Nun kann man nicht leugnen, dass das Sprechen eine Mannigfaltigkeit der Aktivitäten darstellt. Es gab Versuche – und zwar vom Anbeginn der Sprachreflexion an – diese Mannigfaltigkeit zu ordnen.
Einer der bekanntesten ist der Karl Bühlers. Bühler ordnete die sprachliche Mannigfaltigkeit vom Standpunkt der Struktur jedes Sprechaktes an. Die Bühlersche Beschreibung dieser Struktur würde Ebner gern annehmen. Ich glaube, dass auch Wittgenstein, auch der frühe, sie nicht in Frage stellen würde. Erinnern wir uns hier an die schon klassische Bühlersche Beschreibung: es gibt in jedem Sprechakt außer der Handlung des Sprechens selbst: den Sprechenden, den die Worte Empfangenden und den Gegenstand des Sprechens, also die Wirklichkeit. Demzufolge kann der Sprechakt eine expressive, eine appellative und eine symbolische Funktion aufweisen – je nachdem welches Element der Struktur dominiert. Bühler hat hier nichts ausgezeichnet.
Eine Auszeichnung drängt sich aber auf, wenn man den Weg der Suche nach dem Halt in den Worten antritt. Wir suchen doch die Grundlage der Möglichkeit, sich auf die Wirklichkeit zu beziehen und davon Wahrheit zu sagen. Es geht uns also um die Wirklichkeitsbeziehung und den Wahrheitsgehalt des Sprechens. Die kommen in der symbolischen Funktion des Sprechens ans Licht.

Abb. 2:Bild: Fragmente – Festl

Ein Streit im Schoß der Sprachtheorie

Andrzej Bogusławski betrat diesen Weg, indem er dem alten Plato, Leibniz und dem jungen Wittgenstein folgte. Er zeichnete die Bühlerschen symbolischen Aussagen aus, wobei es ihm um die Behauptungen ging, deren Thema und Askription (logisches Prädikat, d.h. Charakteristikum, das vom Thema ausgesagt wird) algebraisch trennbar sind. Diesen Aussagentyp zeichnete er als Grundlage aller anderen Aussagentypen aus. Die Grundfunktion des Sprechens beruhe in dieser Auffassung – etwa grob gesagt, aber in grundsätzlichen Umrissen so wie es Plato und Aristoteles wollten – auf der Präsentation des Wissens, das man von jemandem oder von etwas hat. Es lasse sich – nach der festen Überzeugung Bogusławskis – diesen klassischen Punkt der Sprachtheorie – dem alten Wittgenstein und seinen Nachfolger zuwider – nicht verwerfen.
Bogusławski ist aber dabei, wie die anderen, auf der Suche, d.h. er modifiziert seine Position. Vor einiger Zeit wollte er nämlich alle anderen Aussagentypen (auch solche Grundtypen wie Fragen und Imperativa) als auf die assertorischen Aussagen reduzierbar sehen. Später musste er aber zugeben, dass eine solche Reduktion, zumindest im Falle der Fragen und Imperativa, nicht machbar ist.
Warum? Sie würde die Spezifik dieser Aussagentypen zunichtemachen. Dennoch bleibt Bogusławski aber auf der Position, den Behauptungen die zentrale Stellung im Schoß des Sprechens zuzumuten. Sein Hauptargument ist dabei das, es lasse sich sonst der Platonische Halt in den Worten nicht erklären: denn wir ertränken sonst den Wahrheitsanspruch im Meer der sprachlichen Mannigfaltigkeit. Dann bleibt uns nur die Konvention, die notwendigerweise zum Skeptizismus führt.
Und auch Ebner wollte die Konvention als Grundlage der Sprache nicht zulassen. Allerdings würde er vermutlich die zentrale Stellung der Präsentation des Wissens für das Leben der Sprache anzweifeln. Es würde ihm hier wohl die für ihn grundlegende „Duhaftigkeit” des Sprechens fehlen.
Und auch unter den Schülern Bogusławskis werden Stimmen hörbar, dass „Ebner Recht hatte, wenn er die Sinnhaftigkeit des Sprechens und der Sprache nur im Gerichtetsein der Aussage an ein Du sah”. Es lässt sich hören, der Sprechende brauche für sich selbst sein Wissen nicht präsentieren; er handle einfach danach.

Vielleicht sollte man in Anlehnung an die Ebnersche Position den appellativen Aussagentypen die zentrale Stellung in der Sprache zu erkennen. Die sind doch inhärent an ein Du gerichtet.
Wie steht es dann aber mit dem Wahrheitsanspruch und dem Halt in den Worten?
Wir wissen alle, dass Ebner keineswegs auf die zentrale Stellung des Wahrheitsanspruchs verzichten wollte. Er verband aber die Anwesenheit dieses Anspruchs eng mit seiner Erkenntnis des Sprechens als Beziehung zwischen Ich und Du. Die Wahrheit im engen Sinne könne nur da erscheinen, wo es ein Du gäbe. Und in diesem Sinne sei sie immer persönlich, mit dem Leben der Person verbunden.
Die Frage ist nun: Wie kann man die sprachliche Mannigfaltigkeit ordnen, so dass die Ordnung den Halt nicht verlieren lässt und zugleich dem Postulat Ebners Genüge tut?
Es geht mir hier um das Postulat der Bindung der Wahrheit an das Du.
Einige Schritte bin ich in diese Richtung gegangen. Ob da sich jede Illusion vermeiden lässt, kann man nie sicher sein.

Der Vortrag wurde 2018 bei der Tagung „Ebner blüht“ in Gablitz gehalten.

Service:
Ich habe die Vortragende gebeten, uns einen Blick in die polnische Ebner-Literatur zu ermöglichen.
Danke für die nachfolgende Auflistung (Stand März 2018).

Auf Wiedersehen am 10. April 2022 mit Wittgenstein -- Ebner

 

Neuere polnische Texte zu Ebner:

E. Drzazgowska, O fundamentalnych relacjach między prawdą, wolnością, dialogiem i budowaniem tożsamości – z perspektywy teorii mowy [Von den fundamentalen Zusammenhängen zwischen der Wahrheit, Freiheit, dem Dialog und Bauen der Identität aus der Sicht der Sprachtheorie], Paedagogia Christiana 2017.

T. Gadacz, Filozofia dialogu [Dialogphilosophie], [w:] Historia filozofii XX wieku, t. II, Znak, Kraków 2009, s. 522-537.

M. Grabowski, Egzegeza filozoficzna. Trzy ilustracje [Philosophische Exegese. Drei Beispiele], Logos i Ethos, 2013.

M. Hołda, Logika serca: Ebner i Tischner [Logik des Herzens: Ebner und Tischner], Paedagogia Christiana 2017.

J. Jagiełło, Logos i wiara: czyli o Bogu-człowieku, który pojawia się w myśleniu z głębi mowy [Logos und Glaube oder vom Gott-Mensch, der im Denken aus der Tiefe der Sprache erscheint], [w:] Joanna Barcik, Grzegorz Chrzanowski OP (red.), Jeśli Bóg jest... Księga jubileuszowa na siedemdziesiąte urodziny Ojca Profesora Jana Andrzeja Kłoczowskiego OP, Instytut Myśli Józefa Tischnera, Kraków 2007, s. 63-75.

J. Jagiełło, Bóg jako jedyne Ty mojego Ja. Problematyka Boga w kontekście dialogicznego doświadczenia bycia [Gott als das einzige Du meines Ich. Gottproblematik im Zusammenhang des dialogischen Seinserfahrung], [w:] Joanna Barcik, Grzegorz Chrzanowski OP (red.), Demitologizacja, świadectwo, dialog. Niemiecka filozofia religii, Instytut Myśli Józefa Tischnera, Kraków 2008, s. 77-97.

J. A. P. Kostyło, Ferdinand Ebner i paradoks samotności [Ferdinand Ebner und das Paradox der Einsamkeit], Paedagogia Christiana 2015.

J. Skarbek-Kazanecki, O potrzebie wołacza. Vocativus z perspektywy filozofii dialogu [Vom Bedürfniss nach Vocativus aus der Sicht der Dialogphilosophie], Ogrody Nauk i Sztuk 2016.

K. Skorulski, W poszukiwaniu początku dialogu: Ebner i Freire [In der Suche nach dem Anfang des Dialogs: Ebner und Freire], Przegląd Filozoficzny – Nowa Seria, 2012.

K. Skorulski, W poszukiwaniu ostatecznej pewności: Kartezjańskie cogito i Ebnerowskie słowo [In der Suche nach der endgültigen Gewissheit: das Cogito Descartes und das Wort Ebners], Kwartalnik Pedagogiczny, 2015.

K. Skorulski, Aktualność i performatywność słowa [Aktualität und Performativität des Wortes], Paedagogia Christiana 2015.

K. Skorulski, Słowo i pustosłowie [Das Wort und die Phrasendrescherei], Przegląd Pedagogiczny, 2013.

K. Skorulski, Potrzeba przełomu. Dialogiczne spojrzenie z Ferdinandem Ebnerem na rozwój sytuacji duchowej we współczesnych społeczeństwach Europy [Das Bedürfniss nach der Wende. Der dialogische Blick mit F. Ebner auf die Entwicklung der geistigen Situation in den gegenwärtigen Gesellschaften Europas], Filozofia chrześcijańska, 2012.

A. Węgrzecki, Wokół filozofii spotkania [Zur Philosophhie der Begegnung], Kraków: WAM 2014.

K. Wieczorek, Filozofia śladu i obecności. W poszukiwaniu filozoficznych perspektyw poznania Boga przez słowo i pismo [Philosophie der Spur und der Gegenwart. In der Suche nach philosophischen Perspektiven der Gotteserkennntnis durch das Wort und die Schrift], Forum Teologiczne 2011.

Quellen:
Fotos:
Abb. 1: ©Glazmaier Gerhard 2018
Abb. 2 und Rest © Dr. Herbert Limberger
Zeichnungen: Iago, Ferdinand Ebner Volksschule